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Wenn man der Corona-Krise etwas Gutes abgewinnen möchte, dann ist es die zunehmende Solidarität und Hilfsbereitschaft untereinander. Die Einschränkungen im öffentlichen Leben führten gerade zu Beginn der Krise dazu, dass alltägliche Erledigungen wie das Einkaufen von Lebensmitteln für viele Menschen eine große Hürde darstellte. Aus Angst vor einer möglichen Ansteckung trauten sich gerade Menschen aus Risikogruppen nicht mehr in die Öffentlichkeit.
Julia Seider und Manuel Dieter
Die ehrenamtliche Einkaufshelferin Julia Seider mit dem Ehrenamtsbeauftragten der Stadt Offenbach, Manuel Dieter © Stadt Offenbach

Früh erkannten Nachbarn, Vereine, Parteien und Initiativen dieses Problem. Deutschlandweit entstanden diverse Formate von Unterstützungsangeboten für die Hilfesuchenden. Auch in Offenbach organisierten sich ganz unterschiedliche Gruppen. Im Auftrag der Stadt koordiniert das Freiwilligenzentrum Offenbach seit Mitte März die ehrenamtlichen Einkaufshilfen. Mittlerweile haben sich mehr als 300 Personen über die Homepage des Freiwilligenzentrums registriert und ihre Hilfe angeboten. 75 Personen werden seitdem teilweise sogar längerfristig betreut.

Inzwischen befinden sich mehr als 400 Leute in Offenbach in Quarantäne – weit mehr als zu Beginn der Pandemie im März und April. Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke zeigte sich angesichts der derzeitigen Situation erfreut, dass das Angebot zu helfen weiterhin so groß ist: „Ich finde es beeindruckend, wie schnell sich ein fester Bestand an Helferinnen und Helfern in unserer Stadt zusammengefunden hat. Menschen mit unterschiedlichem Alter und aus verschiedenen Kulturen, die sich vorher noch nie begegnet sind, helfen einander. Und das sogar über längere Zeiträume. Die Einkaufshilfe hat sich damit fest etabliert. Für diese Solidarität danke ich allen Beteiligten.“

Anfänge des Projektes

Initiiert wurde das Angebot im März. Oberbürgermeister Schwenke hatte zur Vermeidung von Panikkäufen die Garantie abgegeben „Niemand wird in Quarantäne hungern müssen!“ Die Berufsfeuerwehr Offenbach als Teil der Katastrophenschutzbehörden wurde daraufhin vom Verwaltungsstab beauftragt, ein Konzept zur Versorgung der Bevölkerung – hierzu zählt die Einkaufshilfe als niedrigschwelliges Angebot für Menschen, die zeitweise nicht selbst einkaufen gehen können oder wollen. Schwenke: „Es ist überragend, dass sich in diesem Ausmaß Helferinnen und Helfer bereiterklärt haben anzupacken.“

„Die Rückmeldungen, die wir von den Einkaufshilfen und denjenigen bekommen, die diese Hilfe seit März in Anspruch genommen haben, sind durchweg positiv“, berichtet der Ehrenamtsbeauftragte der Stadt Offenbach, Manuel Dieter. „Oftmals hören wir, dass zwischen den Menschen ein besonderes Vertrauen entstanden ist und viele Helferinnen und Helfer ihre Unterstützung sogar über die Corona-Krise hinaus fortführen möchten.“

Interview mit Julia Seider

Julia Seider ist so eine Helferin, die sich ehrenamtlich im Freiwilligenzentrum engagiert. Sie lebt seit Anfang des Jahres in Offenbach und wollte sich von Beginn an einbringen. Die Beraterin der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) arbeitet normalerweise in einem Projekt zur Förderung der Privatwirtschaft in Bagdad, kann aber wegen der Corona-Krise momentan nicht in den Irak. Die Zeit neben dem momentanen Beruf in Deutschland nutzt sie nun, um für andere Menschen in der Corona-Situation da zu sein.

„Solch ein bürgerschaftliches Engagement hat einen großen Stellenwert für unsere Gesellschaft. Wir als Stadt haben immer ein offenes Ohr dafür, welche Herausforderungen sich für die Freiwilligen ergeben und möchten sie dabei unterstützen, ihre Unterstützung möglichst einfach gestalten zu können“, betont Dieter, der Julia Seider traf und mit ihr über ihre Erfahrungen als Einkaufshelferin sprach.

Julia Seider
Julia Seider engagiert sich ehrenamtlich © Stadt Offenbach

Frau Seider, seit wann engagieren Sie sich als ehrenamtliche Einkaufshelferin und warum haben Sie sich entschieden mitzumachen?

Ich bin seit vielen Jahren ehrenamtlich aktiv, weil ich es grundsätzlich wichtig finde, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten zu engagieren. Ich war schon früh in der Schülervertretung, hab mich während meines Studiums in Marburg in Lerngruppen eingebracht, habe ausländischen Studenten bei der Wohnungssuche geholfen, während der Flüchtlingshilfe habe ich in einer Kleiderkammer ausgeholfen und in einem Flüchtlingsheim Deutschkurse gegeben. Man kann die Welt nicht besser „meckern“, sondern muss schon etwas dafür tun, wenn man etwas ändern möchte. Gleich zu Beginn der Corona-Krise war mir klar, dass ich helfen möchte. Die ursprüngliche Idee war es, mit meinem Mitbewohner unsere Unterstützung als Erntehelfer anzubieten. Das war dann allerdings nicht möglich und ich bin auf das Angebot im Freiwilligenzentrum gestoßen.

Wie muss man sich Ihr Engagement dort vorstellen?

Zunächst wurden mir durch das Freiwilligenzentrum die Personen oder Familien zugewiesen, die aktuell Hilfe benötigen. 1-2 Mal in der Woche erledige ich dann die Besorgung von Lebensmitteln und bringe sie zu den Menschen nach Hause. Meist leben diese in meiner näheren Umgebung und können in der jetzigen Zeit die Einkäufe nicht selbst tätigen, weil sie beispielsweise zur Risikogruppe gehören, oder sich in Quarantäne befinden. Im Vorfeld des Einkaufs nimmt man natürlich zunächst telefonischen Kontakt zu den Menschen auf und bespricht mit ihnen das weitere Vorgehen und was sie alles benötigen.

Gibt es auf den Einkaufslisten auch gelegentlich sehr spezielle Wünsche?

Manchmal senden mir die Leute Fotos von Produkten, auf die sie nur schwer verzichten können, oder eine Familie wünscht sich speziell die „Bärchenwurst“ für ihre Kinder. Solche Sachen versuche ich dann auch gerne zu ermöglichen. Ich bekam aber auch schon Einkaufslisten auf denen 5 Kilo Waschpulver, 5 Kilo Kartoffeln und jede Menge weitere Artikel standen. Das ist für mich eher problematisch, da ich die Einkäufe ohne Auto tätige. Von den Hilfesuchenden war das aber eher nett gemeint. Sie wollten mich einfach nicht mehrmals bemühen für sie einkaufen zu gehen. Solche Missverständnisse kann man aber recht einfach klären.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Menschen denen Sie helfen konnten?

Ich spüre oftmals großes Vertrauen und jede Menge Dankbarkeit von den Personen, mit denen ich in persönlichen Austausch komme. Eine Dame möchte zum Beispiel nicht alleine einkaufen gehen und hat sich gewünscht, dass ich sie dabei begleite und unterstütze. Von ihr bekomme ich immer extra noch ein paar Blümchen gekauft, weil es ihr wichtig ist, sich dadurch erkenntlich zu zeigen. Personengruppen, für die ich die Einkäufe tätige, da sie unter Quarantäne stehen, lerne ich leider meist persönlich gar nicht kennen. Hier stelle ich die Einkaufstüten vor die Tür und gehe dann gleich wieder, um selbst möglichst keiner Ansteckungsgefahr ausgesetzt zu sein. Hier wird sich dann per Handy bedankt.

Wie findet die Begleitung der Tätigkeit momentan bei Ihnen statt?

Ganz am Anfang meines Engagements gab es ein kurzes Einführungsgespräch im Freiwilligenzentrum, bei dem ich auf meine Tätigkeit vorbereitet wurde. Weiterhin werden dort die Hilfesuchenden und die Hilfeleistenden zusammengebracht. In regelmäßigen E-Mails wird man über Neuigkeiten informiert und einmal gab es sogar eine Videobotschaft, in der Oberbürgermeister Felix Schwenke den Helfern seinen Dank für die Unterstützung ausgesprochen hat. Ansonsten ist es einfach schön zu wissen, dass jemand da ist und unterstützt, falls doch einmal Probleme auftreten.

Oftmals berichteten die Einkaufshilfen davon, dass unter den Hilfesuchenden auch Personen sind, die eigentlich eine dauerhafte Unterstützung benötigen. Haben Sie auch solche Erfahrungen gemacht?

Ja, tatsächlich. Ein älteres Pärchen, dass ich momentan betreue, für die war Corona in Bezug auf das Einkaufen sozusagen ein „Glücksfall“, weil es diese Einkaufshilfe vorher nicht gab. Aber nicht nur Einkäufe stellen dabei ein Problem dar. Gerade ältere Menschen wünschen sich vielleicht mehr Unterstützung in vielen Bereichen des Alltags. Ich denke der Zeitpunkt jetzt ist eine gute Möglichkeit, dieses Thema aufzugreifen und zu schauen, was man aus dieser Situation vielleicht machen und wie man die Menschen dabei begleiten kann. Ideen dazu habe ich gemeinsam mit dem Freiwilligenzentrum schon gesammelt. Mal schauen, ob sich davon etwas umsetzen lässt. 

7. August 2020