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Familie
© complize / photocase.de
Seit sechs Jahren begleiten ehrenamtliche Elternmentorinnen Familien mit Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren und bereiten sie auf den anstehenden Bildungsweg vor.

Nach den Erfolgen und Erfahrungen des Projekts ELMO (Eltern lernen mit in Offenbach) gibt es nun ein erweitertes Modellangebot, das beim Übergang in die Grundschule unterstützt. Im Projekt ELMOplus engagieren sich vier Träger aus dem Netzwerk Elternschule: der Caritasverband Offenbach, der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes, der Verein KUBI (Verein für Kultur und Bildung) und der Internationale Bund.

Bildungsdezernent Weiß: "Wir brauchen die Eltern dazu!"

Wie Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß in einer Pressekonferenz am 26. Juni betonte, haben insbesondere zugewanderte Familien, deren Kinder oft nicht in einer deutschen Kita waren, großen Informationsbedarf: „Wir haben früh festgestellt, dass die Bildungsanstrengungen in Kitas und Grundschulen mit dem Ausbau der ganztägigen Arbeit unglaublich wichtig ist, diese aber nicht die Beteiligung der Eltern ersetzen kann.“ Staatliche Institutionen allein können die Chancengleichheit Offenbacher Kinder nicht gewährleisten. „Wir brauchen die Eltern dazu!“

Aus diesem Grund hatte die Stadt Offenbach im Jahr 2011 das Projekt ELMO zusammen mit privaten Trägern ins Leben gerufen. Mütter werden hierfür zu Elternmentorinnen qualifiziert, die Familien zuhause besuchen und in Lernspielen, beim Basteln und gemeinsamen Singen ein Vertrauen aufbauen und mit Informationen und Ratschlägen zur Seite stehen. „Von zentraler Bedeutung bei diesem Projekt ist es, dass die aus dem Ausland stammenden Eltern lernen, wie das deutsche Bildungssystem funktioniert und dass sie selbst ihre Kinder in der Schulzeit begleiten müssen“, erläutert Claudia Kaufmann-Reis, die stellvertretende Leiterin des Offenbacher Jugendamtes. Die Geschäftsstelle des Netzwerkes Elternschule, das ELMO und andere Projekte koordiniert, ist beim Jugendamt angesiedelt.

Begleitung ins erste Schuljahr

Die Ziele des erweiterten Angebots ELMOplus sind identisch. Neu ist, dass die Familien nun auch während des Einstiegs in die erste Schulklasse begleitet werden. „Wir haben von vielen ELMO-Teilnehmern den Wunsch aufgenommen, diese Begleitung noch eine Weile fortzusetzen, da sich insbesondere mit dem Beginn der Schule viele Fragestellungen ergeben“, sagt Wanda Krautter, Geschäftsführerin des Netzwerks Elternschule. Bildungsdezernent Weiß: „In Offenbach stellt sich diese Herausforderungen insbesondere dadurch, dass wir viele Seiteneinsteiger haben, die bislang in Deutschland noch nicht zur Schule gegangen sind und vielleicht gar nicht in einer Kita hier waren.“

120.000 Euro stellt die Stadt Offenbach den vier Projektpartnern für dieses neue Pilotprojekt bis Ende 2018 zur Verfügung. Je Träger nehmen zeitgleich zehn Familien am Projekt teil. Insgesamt können bis zu 160 Familien im Projektzeitraum erreicht werden. „Nicht zu unterschätzen ist dabei der Multiplikatoreffekt, da das Wissen durch die Eltern selbst im Freundeskreis weitergetragen wird“, betont Kaufmann-Reis. Das Vorgängermodell ELMO hat sich zwischenzeitlich verstetigt. Es wird mit jährlich weiteren 120.000 Euro, die von der Stadt bereitgestellt werden, fortgesetzt.

Ausbildung von 40 Elternmentorinnen für ELMOplus

Für ELMOplus haben sich insgesamt 40 Elternmentorinnen ausbilden lassen – Mütter, die selbst einen Migrationshintergrund haben und bislang schon für ELMO gearbeitet haben. Sie leisten praktische Hilfe, erklären, wie ein Stundenplan gelesen werden muss, was für die Erstausstattung an der Grundschule angeschafft werden muss, was in einen Schulranzen gehört und wie sich ein gesundes Frühstück für die Kinder zusammensetzt. Hierzu machen sie bis zu 25 Wochen lang Hausbesuche, um in Spiel- und Konzentrationsübungen kognitive und motorische Leistungen anzuregen. Danach kann das Angebot bei Bedarf weiterhin abgerufen werden.

„Viele Eltern denken zunächst, es handle sich bei unseren Besuchen um eine Betreuung der Kinder, bei der sie nicht anwesend sein müssen“, berichtet Elternmentorin Stamatia Zikou. „Sie erfahren dann von uns, dass es ganz wichtig ist, dass sie sich selbst auch um die Bildung ihrer Kinder kümmern müssen und dies nicht nur der Schule überlassen können.“ Ursache sei oft, dass in anderen Ländern die ganztätige Schule der Normalfall ist und die Kinder, wenn sie heimkommen, nur noch Freizeit haben. „Dabei geht es auch darum, dass die Kinder Selbstsicherheit gewinnen und ihre Eltern darauf achten, dass sie eine gute Bildung erhalten“, so Zikou. „Das wollen sie ja auch: Dass ihre eigenen Kinder bessere Bildungs- und Berufschancen haben als sie selbst.“

Zu den weiteren Bausteinen von ELMOplus zählen neben den Hausbesuchen Gelegenheit zur Reflexion, Elterntreffen zum Austauschen und Netzwerken sowie Ferienangebote, bei denen Eltern wie Kinder mit dem Offenbacher Kulturleben vertraut gemacht werden. Dann geht es beispielsweise in die Offenbacher Museen oder in die Stadtbibliothek. Die Mentorinnen selbst erhalten in Qualifizierungsmodulen zusätzliches Wissen über Themen wie Elternrechte in der Schule.

Hintergrundinformationen zu ELMO/ELMOplus:

In Offenbach werden immer mehr Kinder eingeschult, deren Eltern das deutsche Bildungssystem nicht aus eigener Erfahrung kennen. Der Schulstart ist für diese Familien oft eine besondere Herausforderung: Neben sprachlichen Hürden führen auch kulturelle Aspekte zu Fragen und Unsicherheiten, denn das Schulsystem im Heimatland unterscheidet sich oft stark vom deutschen. So ist zum Beispiel vielen Eltern die für Deutschland charakteristische enge Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus fremd, da in anderen Ländern zwischen beiden Institutionen strikt getrennt wird. Oft gibt es ganz andere schulische Abläufe: Dass Kinder zu Hause Hausaufgaben erledigen müssen und dabei Unterstützung benötigen, ist manchen Eltern gar nicht bewusst. Viele Kinder mit Zuwanderungsgeschichte haben damit bereits bei Schulbeginn schlechtere Bildungschancen, weil ihre Eltern sie oft aus Unwissenheit nicht bestmöglich unterstützen können.

Das Netzwerk Elternschule:

Seit 2010 haben sich im Netzwerk Elternschule mittlerweile 16 Träger der Elternbildung plus städtische Ämter (Jugendamt, Amt für Integration, Volkshochschule, Fachstelle Bildungskoordinierung und Beratung) zusammengeschlossen, um Angebote der Elternbildung und -beratung untereinander abzustimmen. Gemeinsam werden neue Projekte entwickelt, die durch Fördermittel modellhaft erprobt werden können. Über die Projekte entscheidet eine regelmäßig tagende Steuergruppe des Netzwerks unter Federführung des Jugendamts.

28. Juni 2017