Sprungmarken
Suche
Suche

Wie wichtig es ist, darauf zu verzichten, Kindern und Jugendlichen zusätzliche Süßigkeiten, auch in flüssiger Form, als Vormittagsverpflegung in Krabbelstube, Kindergarten und Schule mitzugeben, zeigen die aktuellen Untersuchungsergebnisse des jugendärztlichen und des jugendzahnärztlichen Dienstes der Stadt Offenbach sehr deutlich auf. Das Gesundheitsamt der Stadt rät deshalb zu Verzicht gemäß dem Motto „zuckerfreier Vormittag“.
„Nein, das geht gar nicht!“ Diese Antwort ist zu erwarten, wenn liebgewonnene Essgewohnheiten, aber auch kulturelle Besonderheiten auf den Prüfstand kommen. Doch eine aktuelle Untersuchung des jugendärztlichen und jugendzahnärztlichen Dienstes der Stadt Offenbach kommt zu dem Ergebnis: Auf dem Speiseplan von Kindern und Jugendlichen stehen noch zu oft Lebensmittel mit hohem Zuckeranteil, insbesondere auch als Zwischenmahlzeiten. Dazu kommen zum einen die in vielen Lebensmitteln „versteckten“ Zuckersorten, zum anderen der natürliche Zucker, etwa in Obst und Milchprodukten. „Weitestgehend bewusst ist inzwischen vielen Menschen, dass Ketchup und fast alle Fertigprodukte ziemlich stark gesüßt sind“, sagt Dr. Andreas Prenosil, Zahnmediziner im Stadtgesundheitsamt, „aber warum auch der Wurstaufschnitt für das Frühstücksbrot die weißen Kristalle enthalten muss, ist ebenso unbekannt wie schwer zu erklären.“
Zucker
© Stadt Offenbach

Prenosil weist darauf hin, dass Zucker nicht nur in sehr vielen Lebensmitteln unnötigerweise quasi als Füllstoff enthalten ist, sondern zudem verständliche und eindeutige Hinweise darauf in den Zutatenlisten meistens fehlen. „Der süße Stoff wird unter allerlei anderen Bezeichnungen beigemengt und ist damit auf den ersten Blick unter Umständen gar nicht zu entdecken.“ Umso wichtiger sei es, dass der Nachwuchs nicht noch zusätzliche Süßigkeiten im herkömmlichen Sinne, auch in flüssiger Form, als Vormittagsverpflegung von zu Hause mitbringt.

Wie die Untersuchungsergebnisse der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin aufzeigen, waren im Jahr 2013 im Durchschnitt 15 von 100 Offenbacher Kindern im Einschulungsalter übergewichtig, acht davon sogar sehr deutlich im Sinne einer „Fettsucht“. Schon bis zu diesem Alter wird damit viel zu häufig der Grundstein gelegt für Risikofaktoren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Allgemein- und Stoffwechselerkrankungen mit den bekannten Folgen nach sich ziehen. Von mehr als 2000 zahnärztlich untersuchten sechs- bis siebenjährigen Kindern im Schuljahr 2013/14 hatte bereits mehr als jedes zweite Kind Karies. Im Durchschnitt waren 2,5 Zähne betroffen.

„Diese Zahlen machen nachdenklich“, so Prenosil. Die Medizinerinnen und Mediziner des Gesundheitsamtes raten deshalb zu einem sinnvollen und verantwortungsbewussten Umgang mit dem Energiespender Zucker. „Damit sprechen wir sicherlich auch im Namen der Kolleginnen und Kollegen in Praxen und Kliniken.“ Dass das Thema bereits Einzug gehalten hat in die Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche, beweist der „zuckerfreie Vormittag“. „Wo bisher schon die Möglichkeit bestand, dieses Konzept konsequent umzusetzen, konnte seit der Einführung bereits viel für das gesunde Aufwachsen getan werden.“

In den Fällen, in denen zu viele Kilos das Grundproblem sind, könnten durchaus unnötige Kalorien eingespart werden, sagt Prenosil, dem es wichtig ist, dass sich natürlich alle satt essen am Vormittag. „Nur eben mit sinnvollen und länger anhaltenden und auch sättigenden Energiespendern.“ Als Alternative zu Süßem nennt der Leiter der Abteilung Zahnmedizin etwa Vollkornprodukte.

Für die Zahngesundheit sei es wiederum sehr förderlich, wenn der an wertvollen Mineralien reiche Speichel die Zähne möglichst lange ohne süße Zwischenmahlzeiten umspült und dazu die Speichelbildung noch durch kräftiges Kauen angeregt wird. Für Zahnmediziner gelten als wünschenswerter Zeitraum dieses Umspülens 16 Stunden. „Diese Spanne ist für Kinder recht leicht zu schaffen, wenn es abends nach dem Zähneputzen nichts Süßes mehr gibt, und das zweite Frühstück am Vormittag ebenfalls nicht aus Süßigkeiten besteht.“ Werde dies beachtet, könne sich der Zahnschmelz von etwa 20 Uhr bis zum nächsten Mittag „erholen“, wobei ein erstes Frühstück zu Hause mit süßem Brotaufstrich oder Frühstücksflocken bei anschließendem Zähneputzen überhaupt nichts schade. „Auf diese Weise ist auch nicht mit dem bekannten Heißhunger zu rechnen, bevor es nach dem Mittagessen einen leckeren Nachtisch gibt.“

Besonders beim abendlichen Zähneputzen sollten die Eltern im Übrigen Hilfestellung geben bis die Kinder flüssig schreiben können, denn erst dann sind sie motorisch in der Lage, alle Zahnflächen selbstständig zu reinigen.

Die Betreuungseinrichtungen in Offenbach beschäftigen sich schon lange mit dem Thema der gesundheitsfördernden Verpflegung. So hat sich in den Grund- und Förderschulen wie auch in den Kindertagesstätten Wasser weitestgehend als Durstlöscher Nummer Eins durchgesetzt. „Es gibt hervorragende Verpflegungskonzepte für Kindergarten- und Schulkinder in der Ganztagsbetreuung.“ Allerdings verbleibe die Verantwortung für das Bestücken der Frühstücksdosen und Füllen der Getränkeflaschen weitestgehend bei den Erziehungsberechtigten. „Bisher schaffen es nur wenige Erzieherinnen und Erzieher neben ihren vielfältigen und anspruchsvollen täglichen Aufgaben auch noch ein vorbildliches Frühstücksbuffet zu zaubern.“ Als Beispiel für diese Aufgaben erwähnt Prenosil das weite Feld der Förderung der Sprachkompetenz der Kinder.

Solange Eltern glaubten, ihr Kind brauche vormittags unbedingt etwas Süßes als Energieschub oder diese dem Nachwuchs die Auswahl des zweiten Frühstücks beim Bäcker unterwegs überlassen, werde die Idee des zuckerfreien Vormittags nicht wirklich funktionieren. „Dann laufen alle Bemühungen der Krabbelstuben, Kindergärten und Schulen für die, die es am nötigsten haben, ins Leere.“