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Von links nach rechts sind auf dem Steg zu sehen: Landesdirektorin des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen Susanne Selbert, Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke, Stadträtin Marianne Herrmann, Kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr, Stefanie Full-Bogar vom städtischen Vermessungsamt und Stadtverordnetenvorsteher Stephan Färber. © Stadt Offenbach/georg-foto.de
Die Juristin Dr. Elisabeth Selbert ist Namenspatin des gleichnamigen Stegs, der die Offenbacher Hafeninsel mit dem Nordring und dem Gutsche Park verbindet. Der Steg wurde nun offiziell von Stadtverordnetenvorsteher Stephan Färber, Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke sowie Stadträtin Marianne Herrmann eingeweiht. Zur Einweihung war auch die Enkelin der Namensgeberin und Landesdirektorin des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Susanne Selbert angereist.

„Nach Frauen sind in Offenbach mittlerweile 33 Straßen, Plätze bzw. Brücken benannt – das sind 15 Prozent. Jedoch haben 188 männliche Namenspaten – 85 Prozent. Bedingt durch unsere Offenbacher Neubaugebiete zum Beispiel im Hafenviertel wurde es der Stadtverordnetenversammlung möglich, den Frauenanteil immerhin soweit zu steigern, nachdem die Stadtverordneten im Jahre 2015 die Zielsetzung beschlossen haben, mit der Straßenbenennung mehr bedeutende Frauen im öffentlichen Bewusstsein zu verankern“, teilte Stadtverordnetenvorsteher Stephan Färber mit.

Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke betonte, dass 2019 im siebzigsten Jahr des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland die Ehrung der Lebensleistung von Elisabeth Selbert durch die Benennung des Steges im Offenbacher Hafenviertel ein wichtiges Symbol darstelle. „Offenbach ist stolz, an Dr. Elisabeth Selbert als Vorkämpferin für die Gleichberechtigung zu erinnern.“

Das Offenbacher Frauenbüro hatte mit der Ausstellung „Die Mütter des Grundgesetzes“ im Herbst 2018 an die Juristin Elisabeth Selbert erinnert. „Selbert, geboren 1896 in Kassel, ist es als einer von vier Frauen im Parlamentarischen Rat maßgeblich zu verdanken, dass das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit der klaren Formulierung des Artikels 3, Absatz 2 „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ gegenüber der Weimarer Verfassung und nach der rechtlichen und politischen Entmündigung der Frauen im Nationalsozialismus einem Quantensprung in Sachen Gleichberechtigung gleichkam“, formulierte die Kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr.

Elisabeth Selbert, geb. Rohde studierte ab 1926 in Marburg und Göttingen Jura und schloss dies 1930 durch die Promotion mit einer Arbeit über „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund“ ab. Seit 1920 war sie verheiratet mit Adam Selbert und hatte zwei Söhne. Beruflich startete sie 1934 zunächst in einer Anwaltskanzlei in Kassel. Seit 1919 war sie gewählte Gemeindeverordnete der Gemeinde Niederzwehren (Kassel) und als Mitglied der SPD politisch aktiv. Neben innerparteilichen Ämtern arbeitete sie als Mitglied der verfassungsberatenden Versammlung Groß- Hessen, als Stadtverordnete in Kassel und 12 Jahre lang als Mitglied des Hessischen Landtages, bevor sie sich 1958 aus allen politischen Ämtern zurückzog. Bis zu ihrem 85. Lebensjahr führte sie als Anwältin eine eigene Kanzlei, spezialisiert auf das Familienrecht. Sie verstarb 89-jährig im Juni 1986 in Kassel.

„Die meist prekäre Situation von Frauen nach einer Ehescheidung und der Kampf alleinerziehender Mütter um das Sorgerecht waren meiner Großmutter bestens vertraut, so dass sie sowohl über starke Argumente als auch über die nötige Expertise verfügte, für die Durchsetzung des Gleichberechtigungsartikels zu kämpfen. Durch ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit konnte sie die Gunst der Stunde im Parlamentarischen Rat als einmalige Chance für eine juristisch-politische Weichenstellung in der jungen Bundesrepublik nutzen“, erläuterte Susanne Selbert, die Enkelin der Wegbereiterin für die Gleichberechtigung.

Elisabeth-Selbert-Setg im Hafen Offenbach
© Bernd Georg

„Die meist prekäre Situation von Frauen nach einer Ehescheidung und der Kampf alleinerziehender Mütter um das Sorgerecht waren meiner Großmutter bestens vertraut, so dass sie sowohl über starke Argumente als auch über die nötige Expertise verfügte, für die Durchsetzung des Gleichberechtigungsartikels zu kämpfen. Durch ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit konnte sie die Gunst der Stunde im Parlamentarischen Rat als einmalige Chance für eine juristisch-politische Weichenstellung in der jungen Bundesrepublik nutzen“, erläuterte Susanne Selbert, die Enkelin der Wegbereiterin für die Gleichberechtigung.

Ihr Anliegen drohte in den Verhandlungen mangels Unterstützung durch die Mitglieder, zumeist Männer aber zunächst auch der weiblichen Ratsmitglieder zu scheitern. Zwischen Dezember 1948 und Januar 1949 initiierte Selbert einen breiten öffentlichen Protest, getragen vom Frauensekretariat der SPD, überparteilichen Frauenverbänden, Kommunalpolitikerinnen und weiblichen Berufsverbänden. Waschkörbeweise hagelte es Protest und damit erreichte Selbert, dass sich doch eine Mehrheit im Parlamentarischen Rat für die Aufnahme des Gleichberechtigungsartikels in das Grundgesetz aussprach und somit ein ehrgeiziges „Programm“ für die Bundesrepublik formulierte. Denn von der Realität der Gleichberechtigung waren Frauen 1949 noch weit entfernt. Im Laufe der letzten 70 Jahre wurden viele juristische Hürden, die dem Grundgesetz bzw. der Durchsetzung der Gleichberechtigung entgegenstanden, ausgeräumt.

Die Benennung des Offenbacher Stegs nach Elisabeth Selbert haben die Stadtverordneten vor drei Jahren, am 25. Februar 2016 beschlossen. Bedingt durch die Baumaßnahmen in der näheren Umgebung konnten die Schilder jedoch nicht wie gewünscht während der Ausstellung über Elisabeth Selbert als einer der Mütter des Grundgesetzes im Herbst 2018 aufgestellt werden, wie es die Kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr gerne gesehen hätte. „Doch auch der Monat März mit dem Internationalen Frauentag und dem Aktionstag für Lohngleichheit (Equal Pay Day) hätte Elisabeth Selbert sicher gefallen, um an ihren Kampf für Gleichberechtigung zu erinnern“, kommentierte die Vorsitzende der Gleichstellungskommission und Stadträtin Marianne Herrmann.

Offenbach am Main, 25. März 2019