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Spendenuebergabe SANA - Pro Familia 1000 Euro l-r:
Überreichung des Schecks über 1.000 Euro: Prof. Dr. Christian Jackisch (Sana Klinik), Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke, Dr. Silvia Khodaverdi (Sana Klinik), Heike Pinne Geschäftsführerin Pro Familia, Dr. Peter Baier vom Ketteler Krankenhaus, Bettina Witte de Galbassini (Ärztin u. Beraterin bei Pro Familia) und Karin Dörr vom Frauenbüro der Stadt Offenbach. © Stadt Offenbach/georg-foto.de

In Offenbach bieten das Sana Klinikum Offenbach und das Ketteler Krankenhaus in Kooperation mit Pro Familia und dem Frauenbüro der Stadt Offenbach für Opfer von Vergewaltigung Soforthilfe an. Dabei steht die medizinische Versorgung im Vordergrund und ist unabhängig von einer Anzeige bei der Polizei. Seit Anfang 2015 bis Juli 2019 haben sich 40 überwiegend jüngere Frauen und ein Mann in dem Hilfsprogramm untersuchen und behandeln lassen. Von den 41 Personen haben sich 37, also die überwiegende Mehrheit zur vertraulichen Spurensicherung entschieden. „Das Unterstützungsangebot hat sich bewährt. Es gibt kaum eine schlimmere Erfahrung, als die Kontrolle über den eigenen Körper entzogen zu bekommen. Deshalb danke ich den beiden Krankenhäusern für das Engagement in diesem Projekt“, sagte Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke bei der Vorstellung der Bilanz des Projektes in den Räumen von Pro Familia.

Opfer von Vergewaltigung können sich direkt an die Kliniken wenden und werden medizinisch versorgt. Auf Wunsch kann eine vertrauliche Spurensicherung erfolgen – so können Betroffene später noch entscheiden, ob sie Anzeige stellen wollen. Die gesicherten Materialien werden ein Jahr lang in der Frankfurter Rechtsmedizin gelagert und im Falle einer nachträglichen Anzeigenerstattung von der Polizei ausgewertet. Anderenfalls werden sie vernichtet.

Das Polizeipräsidium Südosthessen stellt den Kliniken kostenlos die erforderlichen Untersuchungssets zur Verfügung und die Ärztin von Pro Familia Offenbach schult das Personal der Kliniken jedes Jahr dazu.
Chefarzt Dr. Peter Baier von der Frauenklinik am Ketteler Krankenhause betont, dass durch die Materialen und Schulungen, die den Kliniken zur Verfügung gestellt werden, die „Medizinische Soforthilfe“ standardisiert und rechtssicher durchgeführt werden kann. Dazu nutzen die Kliniken einen standardisierten Befundbogen des Frauennotrufs Frankfurt.

Dr. Silvia Khodaverdi, Fachärztin für Gynäkologie und Prof. Dr. Christian Jackisch, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Sana Klinikum Offenbach versichern die Fortsetzung und Unterstützung des Hilfsangebots. Die Klinik engagiere sich aus humanitärer Überzeugung und weil es eine Versorgungslücke bei nicht angezeigten Vergewaltigungen im Sinne der betroffenen Frauen und Mädchen einfach nicht geben dürfe.

„Frauen und Mädchen müssen wissen, dass es dieses Unterstützungsangebot gibt, um es ohne Zeitverzögerung in Anspruch zu nehmen“, betont Heike Pinne, Geschäftsführerin von Pro Familia die Notwendigkeit für eine kontinuierliche Information der Öffentlichkeit. Und die Ärztin und Beraterin Bettina Witte de Galbassini ergänzt: „Bei uns können sie vertrauliche psychosoziale Beratung und Begleitung in Anspruch nehmen, um das Ereignis zu verarbeiten und in Ruhe zu entscheiden, ob sie Anzeige erstatten wollen.“

„Um das Thema Vergewaltigung aus dem Tabubereich heraus zu holen und das Hilfsangebot den betroffenen Frauen und Mädchen gleichzeitig kostengünstig bekannt zu machen, führt die Stadt Offenbach mit Pro Familia in den Linienbussen eine kostenpflichtige Plakatkampagne durch. Das Sana Klinikum sponsert diese Kampagne nun im fünften Jahr mit jeweils 1000 Euro und sorgt so dafür, dass die Plakate bis Juli 2020 weiter in den Bussen gezeigt werden können“, erläutert Karin Dörr, Leiterin des Frauenbüros.

Die Spende decke die Kosten von rund 2.600 Euro zu etwa 40 Prozent, bedankt sich die Kommunale Frauenbeauftragte für die neuerliche Finanzspritze beim Sana Klinikum Offenbach. Die übrigen 60 Prozent, rund 1.600 Euro, gehen zu Lasten des Frauenbüros. Allerdings sei finanziell nicht mehr drin als das Plakat in zehn Bussen zu platzieren - von Litfaßsäulen, wie es in Frankfurt Praxis sei, ganz zu schweigen.

Die Frauenbeauftragte mahnt an, dass die Medizinische Soforthilfe auf eine verlässlichere finanzielle Basis gestellt werden müsse. Sie sieht das Land Hessen in der Pflicht, Frauen besser vor Gewalt zu schützen. Durch das auch von Deutschland unterzeichnete Europäische Übereinkommen zum Schutz von Frauen vor Gewalt (Istanbul Konvention) sei eine flächendeckende Unterstützung für die Kommunen erforderlich, um das Hilfsangebot der Medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung besser bekannt zu machen und es allen Mädchen und Frauen in Hessens Kliniken anbieten zu können.

Doch mit den Bus-Plakaten allein sei es noch nicht getan. Sie weisen auf die Hilfe hin, nachdem der sexuelle Übergriff bereits stattgefunden hat und ebnen den Betroffenen den Weg zur Behandlung in der Klinik. Die Erfahrung der Beratungsstellen beziehungsweise der Frauen zeige, dass sexuelle Gewalt in immer neuen Formen auftritt. Beispielsweise in Form von Übergriffen, die über das Internet angebahnt werden. Außerdem werden körperliche Übergriffe auch durch sogenannte K.O.-Tropfen vorbereitet. Diese Substanzen, die die Täter bei vielen Gelegenheiten Getränken unauffällig beimischen, werden durch die ausgelösten Bewusstseinsstörungen zu einer schwer kontrollierbaren Gefahr. Hier seien die seit kurzem im Drogeriehandel befindlichen K.O-Tropfen-Schutzarmbänder eine Möglichkeit, sich vor solcherart vergifteten Drinks mittels eines Schnelltests zu schützen. Werden die Papierstreifen mit dem zu analysierenden Getränke benetzt, gibt eine Verfärbung Hinweise darauf, ob das Getränk manipuliert worden ist oder nicht. Allerdings werden nicht alle Substanzen erkannt. Andererseits werden durch das sichtbare Tragen des Armbandes Täter im Vorfeld abgeschreckt und die Trägerinnen werden durch das Armband immer wieder daran erinnert, achtsamer zu sein. „Der wirksamste Schutzmechanismus ist es, wenn Mädchen und Frauen aufeinander achten um sich bei Gefahr zur Seite zu stehen“, empfiehlt die Frauenbeauftragte.

Offenbach am Main, 24. September 2019