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Foto des Informationsplakates vom Offenbacher Frauenbüro.
Foto des Informationsplakates vom Offenbacher Frauenbüro. © Stadt Offenbach

Offenbacher Kooperationspartner bieten medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung

Ohne vorherige Anzeige bei der Polizei bieten die beiden Offenbacher Krankenhäuser eine medizinische Akutversorgung für Frauen nach einer Vergewaltigung an. „Zusätzlich zur medizinischen Soforthilfe bieten wir die Möglichkeit einer vertraulichen Spurensicherung auf Wunsch der Betroffenen an", erklärt Prof. Christian Jackisch, Chefarzt der Frauenklinik am Sana Klinikum. 

"Ein standardisierter Befundbogen und ein entsprechendes Untersuchungsset sowie darauf abgestimmte Fortbildungen der pro familia und des Frankfurter Frauennotrufs werden uns in dem Programm zur Verfügung gestellt“, ergänzt Dr. Peter Baier, Chefarzt der Frauenklinik am Ketteler Krankenhaus.

Durch ein professionelles standardisiertes Verfahren haben die Kooperationspartner seit dem Start des Projektes 2015 erreicht, dass die Hemmschwelle für Frauen sich Hilfe zu suchen gesenkt wurde. Sie müssen keine Anzeige über ihren Kopf hinweg fürchten, werden beraten und für den Fall, dass sie später Anzeige erstatten wollen, sind die Beweise fachgerecht gesichert.

Soforthilfe nach Vergewaltigung © Frauennotruf Frankfurt

Die kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr ist dankbar für die unbürokratische Kooperation: „Die medizinischen Untersuchungs- und Befundungs-Sets für das Projekt werden kostenlos vom Polizeipräsidium Südosthessen an die Kliniken verteilt. Das Rechtsmedizinische Institut der Uni Frankfurt lagert die Befunde anonymisiert und kostenlos bis zu 12 Monate lang. Bei einer nachträglichen Anzeigenerstattung durch die Betroffenen stehen den Ermittlungsbehörden so belastbare Befunde zur Verfügung. Entschließt sich die Frau nicht zu einer Anzeige, werden die Materialien nach einem Jahr vernichtet.“

Bettina Witte de Galbassini von pro familia hat die Erfahrung gemacht, dass vergewaltigte Mädchen oder Frauen eine Anzeige häufig erst mal ablehnen. "Weil sie sich nicht vorstellen können, mit der psychischen Belastung einer Anzeige und eines Prozesses umgehen zu können.“ Dies war für den Kooperationsverbund der ausschlaggebende Grund, die Versorgung von vergewaltigten Frauen und auch Männern kommunal zu verbessern. Seit 2014 kooperiert die Stadt Offenbach mit pro familia, den Krankenhäusern, der Polizei sowie der Rechtsmedizin in Frankfurt.

Anonymität ist den Betroffenen wichtig

„Viele Betroffene lassen sich nach einer sexualisierten Gewalterfahrung nicht einmal medizinisch versorgen, weil sie eine Anzeigenerstattung durch Dritte über ihren Kopf hinweg fürchten“, so Galbassini. „Wir beraten die von sexualisierter Gewalt Betroffenen vor oder nach der medizinischen Soforthilfe auf Wunsch und unterstützen sie bei der psychischen Verarbeitung des Erlebten."

Im Jahr 2014 nutzten fünf Frauen die medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung mit anonymer Befundsicherung in den beiden Offenbacher Kliniken – die Beweise wurden in Frankfurt eingelagert.

In 2015 war dies vier Mal der Fall, außerdem haben sich zwei Frauen medizinisch versorgen lassen ohne Sicherung von Beweisen. Von Januar bis Juni 2016 sind bereits sieben Untersuchungen mit vertraulicher Spurensicherung erfolgt. Die genannten 18 Fälle von medizinischer Soforthilfe ohne vorherige polizeiliche Anzeige im Zeitraum 2014 bis Juni 2016 sind durch eine Dokumentation in den Kliniken und eine weitere Dokumentation der Transporte bei pro familia Offenbach ermittelt worden. Weitere Angaben liegen aus der Statistik des Polizeipräsidiums Südosthessen (PPSOH) für das Stadtgebiet Offenbach vor: bezogen auf das Jahr 2014 sind 28 Anzeigen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung nach § 177 Strafgesetzbuch dokumentiert. Im Jahr 2015 wurden dort 18 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen angezeigt.

Dörr verweist auf die Probleme von Frauen eine Verurteilung der Täter zu erreichen: „Nach geltendem Recht ist in Deutschland die Verurteilung einer Vergewaltigung von der beweisbaren Gegenwehr des Opfers abhängig oder davon, dass das Opfer sich in einer besonders schutzlosen Lage befunden hat. Die Kritik, dass ein „Nein“ bisher nicht ausreicht, um eine Vergewaltigung strafrechtlich zu ahnden, wird von den Fachberatungsstellen, von Juristinnen, vielen Politikerinnen und von den Frauenbeauftragten vehement geäußert.

Die kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr hofft, dass möglichst viele Menschen die Information über das Offenbacher Angebot "Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung" in ihrem Umfeld weitergeben. Dazu kann dieser Kurzlink verwendet werden:
http://bit.ly/292Byvi

Die Stadt Offenbach sowie das Land Hessen (Kommunalisierte Mittel für Soziale Hilfen in Hessen) stellen die Grundfinanzierung des Hilfsangebotes und der Öffentlichkeitsarbeit sicher. Die beiden Krankenhäuser stellen zeitliche Ressourcen zur Verfügung, obwohl dafür keine Kostenerstattung erfolgt. "Wir schließen die anderenfalls bestehende Versorgungslücke aus humanitärer Überzeugung heraus und aus fachlichen Gründen, weil wir wissen, wie wichtig diese Soforthilfe im Hinblick auf die Verarbeitung dieses extrem traumatischen Erlebnisses ist“, erklärt Jackisch." Baier ergänzt: "Das sind traumatisierte Seelen, dafür gibt es kein Pflaster".

Offenbach dankt Kooperationspartnern

Der Dank der Stadt Offenbach gilt allen Unterstützerinnen und Unterstützern für ihren Beitrag zur Ermöglichung dieser freiwilligen Leistung. „Maßgeblich für die Umsetzung ist das Engagement aller beteiligten Organisationen. Besonders den beiden Kliniken und der pro familia gilt mein Dank“, erklärt Oberbürgermeister Horst Schneider. Eine ausführliche Darstellung ist in dem Faltblatt „Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall. Im Krankenhaus erhalten Sie Hilfe. Vertraulich.“ (Download siehe unten) enthalten. Informationen gibt es auch unter www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de im Internet. Das Faltblatt in Papierform kann angefordert werden unter der Rufnummer 069 8065-2010 – sowie unter offenbachprofamiliade oder unter frauenbuerooffenbachde per Email.