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Viele Menschen in Offenbach sind neben ihren täglichen Pflichten zusätzlich ehrenamtlich aktiv. Sie schenken Zeit, hören zu, helfen, übernehmen Tätigkeiten und engagieren sich selbstlos zum Wohle der Allgemeinheit. Semra Yilmaz, Name von der Redaktion geändert, ist heute 50 Jahre alt und gründete vor vielen Jahren eine Fraueninitiative.
Hände auf einem Tisch
© Clay Banks / Unsplash

In loser Folge stellen wir Ehrenamtliche in der Stadt vor. Bisher erzählten Dr. Adriana Marinescu, Mitglied des Ausländerbeirats der Stadt Offenbach, Integrationslotse Dr. Khairallah El-Cheikh, Sarbast Al-Khder, Mitglied der Yezidischen Gemeinde Offenbach, und Yodit Embaie-Zekarias, die sich in verschiedenen Projekten engagiert. Mit Semra Yilmaz endet unsere kleine Reihe, alle Interviews finden sich auf www.offenbach.de/Integrationshelden.

 

"Man musste sich eben durchboxen"

Die Familie von Semra Yilmaz lebte bis 1977 in einem kleinen Dorf in der Türkei. Das Haus war aus Lehm, Wasser holten die Menschen aus dem Brunnen und es gab keinen Strom. Die Umstellung war also enorm, als sie ihrem Vater, der als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen war, nachreisten. „Da waren überall Autos, viele Verkehrslampen und inmitten der Frankfurter Straße fuhr eine Straßenbahn! Wasser kam aus dem Hahn und Strom aus der Steckdose.“, beschreibt Yilmaz ihre Eindrücke bei der Ankunft in Offenbach. „Als Kind war das alles erstmal schrecklich für mich“, gesteht sie. „Ich hatte Heimweh und wollte wieder in unser Dorf zurück.“

In den ersten Jahren in Deutschland waren Semra Yilmaz Deutschkenntnisse noch gering. Dieser Umstand wurde zu einer großen Hürde, besonders in der Schule. Ihre Eltern konnten ihr dabei nur wenig helfen, der Vater arbeitete viel und die Mutter fing selbst erst an, die neue Sprache zu lernen. „Ich kann nicht sagen, wie wir es damals schafften. Man musste sich da eben durchboxen“, stellt Yilmaz rückblickend fest. Mit ungefähr 12 Jahren sprach sie schon so gut, dass sie ihre Familie zu Terminen begleitete und übersetzte. Schwierigkeiten gab es nur, sobald Fachwörter auftauchten: „Wenn ich mal ein Wort nicht verstanden habe, habe ich einfach jedes Mal nachgefragt. So ging es dann Stück für Stück weiter.“

Einmal besuchte sie mit ihrer Mutter eine Verwandte in Göppingen, 250 Kilometer von Offenbach entfernt. Innerhalb von einer Woche erledigten sie gemeinsam sämtliche anstehenden Behördengänge. In dieser Zeit habe ihr ehrenamtliches Engagement gewissermaßen angefangen, meint Yilmaz nachdenklich: Neben Familienmitgliedern half sie bald auch Freunden und Nachbarn, das ist bis heute so geblieben.

Während der Ausbildung zur Arzthelferin, nach der zehnten Klasse, bekam sie viele neue Impulse und konnte ihren Horizont erweitern: „Ich war ein junges Mädchen und meine Kolleginnen waren allesamt erwachsene, lebenserfahrene Frauen.“ Bis dahin hatten der Schulalltag und ihre Mitsorge für die fünf jüngeren Geschwister ihr Leben bestimmt. „Alles Neue an Perspektiven und Informationen habe ich gleich gespeichert. Für mich war das ein großer Schritt in die Selbstständigkeit“, sagt sie.

Ein Wegweiser für andere sein

Vor 21 Jahren, 1999, kam Semra Yilmaz dann auf die Idee, ein wöchentliches Frühstück für Frauen zu organisieren. Dort sollten sie in entspannter Atmosphäre die Routinen des Alltags vergessen und über ihre Wünsche und Sorgen sprechen können. Auch eine Betreuung für Kinder sollte es geben. Yilmaz ist selbst Mutter von drei Kindern und weiß: „Wenn Kinder da sind, ist es unmöglich sich richtig zu unterhalten. Mit einem Auge schaut man immer nach, ob alles in Ordnung ist“, schmunzelt sie. Über die kommunale Frauenbeauftragte und das Offenbacher Jugendamt fanden die Frauen in der Sandgasse einen geeigneten Ort für ihre Idee. Bei den ersten Treffen waren sie ungefähr 20 Frauen gewesen. „Manche brachten dann ihre Freundinnen mit, andere kamen irgendwann nicht mehr und so hat sich die Gruppe über die Jahre immer wieder verändert.“ Zwischen 45 und 60 Jahren sind die Besucherinnen, sie eint die gemeinsame Biographie. Keine von ihnen ist in Deutschland geboren und viele kamen als Ehefrauen. Sie kochten für die Familie, kümmerten sich um den Haushalt und zogen die Kinder groß.

„Wenn wir zum Frühstücken zusammenkommen, unterhalten wir uns über alles Mögliche. Hier fühlt man sich verstanden und hilft sich gegenseitig, auch bei Problemen“, sagt Yilmaz und erklärt weiter: „Wenn ich ausschließlich in meinen eigenen vier Wänden bleibe, komme ich nicht weiter.“ Es gäbe oft genug im Leben Situationen, in denen man selbst keinen Rat weiß und genau dann hilft ein gegenseitiger Austausch. Vor ein paar Monaten hatte Yilmaz schließlich den Einfall, Fachleute zu den Treffen der Gruppe einzuladen. Diese sollten zu Themen sprechen, die immer wieder in den Runden auftauchten. Nach Rücksprache mit den Frauen standen bald vier konkrete Themenblöcke fest: Pflege, Prävention und Sicherheit, Bildung und Frauengesundheit. Der Integrationsbeauftragte der Stadt Offenbach, Luigi Masala, unterstützte sie bei der Organisation der Reihe und half ihr, passende Referenten zu finden. Jede der folgenden vier Veranstaltungen war bis auf den letzten Platz besetzt und die Fragerunden gestalteten sich lebhaft. Die Teilnehmerinnen, so Semra Yilmaz, wüssten fortan nicht nur für sich mehr, sondern gäben dieses Wissen auch an Ihren Bekanntenkreis weiter. „Ich glaube, jeder von uns braucht manchmal einen Wegweiser und das kann nur ein Mensch aus Fleisch und Blut sein. Der Austausch von Mensch zu Mensch, das ist eine Sache, die man nicht ersetzen kann“, findet Semra Yilmaz.

15. Oktober 2020

Hände auf einem Tisch Clay Banks / Unsplash
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