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Viele Menschen in Offenbach sind neben ihren täglichen Pflichten zusätzlich ehrenamtlich aktiv. Sie schenken Zeit, hören zu, helfen, übernehmen Tätigkeiten und engagieren sich selbstlos zum Wohle der Allgemeinheit.

In loser Folge stellen wir Ehrenamtliche in der Stadt vor. Nach Dr. Adriana Marinescu, Mitglied des Ausländerbeirats der Stadt Offenbach und Integrationslotse Khairalla El-Cheikh, folgt nun Sarbast Al-Khder, Mitglied der Yezidischen Gemeinde OF. Die Geschichten von Integrationslotsin Yodit Embaie-Zekarias und Semra Yilmaz, Gründerin einer Fraueninitiative, bilden den Abschluss der Reihe. Alle Interviews finden sich dann auf www.offenbach.de/Integrationshelden

Helfen ist keine Frage des Alters

Aufgewachsen im Nordirak, engagierte sich Sarbast Al-Khder bereits als Jugendlicher ehrenamtlich, indem er Familienmitgliedern und Bekannten in der neuen Heimat Deutschland half. Wie viele andere Yezidinnen und Yeziden waren diese vor Krieg, Gewalt und den Kämpfern des IS geflohen. Sarbast Al-Khder, heute 23 Jahre alt, begleitete sie bei Behördengängen, übersetzte Antragsformulare und vieles mehr. Nach und nach lernte er auf diese Weise immer mehr über die Abläufe einer deutschen Verwaltung.  „Ich war wohl ziemlich häufig da“, scherzt Sarbast Al-Khder, denn irgendwann sprachen ihn die Mitarbeitenden in den Behörden an und baten ihn gelegentlich als Dolmetscher auszuhelfen.

Seitdem hat er schon viele Menschen bei ihren ersten Schritten in Deutschland unterstützt. Dabei war es für Sarbast Al-Khder nicht immer einfach den eigenen Alltag und das ehrenamtliche Engagement miteinander zu verbinden. Geholfen hat hier die Gründung der Yezidischen Gemeinde, die Neuankömmlingen bei Fragen eine organisierte Anlaufstelle bietet. 

„Integration“– kleines Wort, große Aufgabe  

„Wenn ich weiß, dass ich helfen kann, dann mache ich das auch“, erklärt Sarbast Al-Khder seine Haltung. Sein Engagement gestaltet sich dabei so abwechslungsreich, wie die Hürden, die der Alltag bereithalten kann. Mal betreut er jugendliche Geflüchtete bei schulischen Problemen, mal ist er Ansprechpartner bei medizinischen Angelegenheiten. So erhielt er etwa eines nachts einen Anruf mit der Bitte, einen Krankenwagen zu rufen, da die Betroffenen den Notfall nicht eigenständig schildern konnten. Fälle, bei denen es um die Gesundheit einer Person geht, wären meistens die schwierigsten. „Es nimmt einen schon sehr mit, wenn man übersetzen muss, dass der Arzt bei einer lebensbedrohlichen Krankheit keine gute Diagnose hat“, sagt Sarbast Al-Khder. Trotz, oder vielleicht gerade deswegen engagiert er sich gerne. „Die Leute bitten nicht einfach so um Hilfe. Manche leiden richtig, weil sie sich sehr bemühen und doch nicht weiterkommen.“ Er versucht sein Gefühl zu beschreiben, wenn er andere in solchen Situationen sieht. Das sei, als begegne man jemandem, der sich ein Glas Wasser einschenken wolle, es aber nicht könne. Da würde doch jeder zur Wasserflasche greifen und das Glas füllen, meint er.

„Damals, als ich Hilfe brauchte, hat man mich auch nicht allein gelassen“, sagt Sarbast Al-Khder und meint die Zeit, in der er als Kind nach Deutschland kam. Sein Schicksal ist leider kein Einzelfall: Verfolgung und Diskriminierung sind trauriger Bestandteil der Geschichte der Yeziden. Das jüngste Kapitel schrieben die Anhänger Islamischen Staates. Gemeinsam mit einem Freund seines Vaters legte Sarbast Al-Khder den langen Weg nach Europa zu Fuß zurück. „Das waren schwere Monate. Wir haben auf dieser Reise schon einiges durchgemacht.“
Die Familie seiner Tante lebte zu jener Zeit schon länger in Deutschland und nahm ihn wie einen Sohn auf. Trotzdem fühlte er sich in der neuen Umgebung oft fremd und besonders der Schulanfang wurde ohne Deutschkenntnisse zu einer großen Herausforderung. Indessen halfen ihm seine Familie, seine Mitschülerinnen und Mitschüler sowie Lehrende an der Schule wo sie nur konnten. „Ich habe immer ein Heft bei mir gehabt, da schrieben meine Lehrer auf Deutsch hinein und daheim haben meine Cousinen und Cousins es für mich übersetzt“, erinnert sich Sarbast Al-Khder, “das war wie ein Vokabelbuch.“ Damals erschien ihm das Beherrschen der deutschen Sprache unmöglich.  „Ich frage mich bis heute, wie das funktioniert hat“, lacht Sarbast Al-Khder.

Ehrenamt erleichtert auch anderen die Arbeit

Schule und Ehrenamt sind in der Regel gut miteinander vereinbar, im beruflichen Alltag geht die Flexibilität naturgemäß verloren. Zumal wenn man, wie Sarbast Al-Khder in einer Leitungsposition ist. Als Manager ist er für 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich und daher stark eingespannt. Seit es die Yezidische Gemeinde gibt, lassen sich Ehrenamt und Arbeit jedoch wieder besser vereinbaren, da die Gemeinde feste Räume und Zeiten für Beratungen anbietet. Zudem, und das ist ein echter Vorteil, findet Al-Khder, erkennen die Behörden einen gleich als Ehrenamtlichen an, da man einem Verein zuzuordnen ist: „Man wird gleich mit anderen Augen gesehen. Sie wissen sofort, hier ist jemand, der sich extra Zeit nimmt und dabei ist, weil er den Einsatz für die Sache wichtig findet. Das respektieren die Menschen.“ Diese Wertschätzung sei wichtig, weil sie zeigt, dass ehrenamtliche Arbeit gesehen wird. Denn alles in allem erleichtern die Ehrenamtlichen im Migrationsbereich auch die Arbeit der Behörden: „Wir schauen uns vorab die Dokumente mit den Menschen an, tragen angeforderte Unterlagen zusammen und sammeln alles abgabebereit in Mappen. Stellen Sie sich vor, die Leute würden jeden Tag ohne diese Hilfe zu den Ämtern und Behörden gehen.“

Mangelnde Sprachkenntnisse und Bürokratie machen Ankommen schwer

Wenn es um Integration geht, gibt es nicht den einen Grund für das Misslingen einer Sache, hat Sarbast Al-Khder gelernt. Manchmal ist es schlicht eine Frage der Selbst-Organisation und der Eigen-Verantwortung: „Wenn ich etwas will, kämpfe ich auch dafür, dann werde ich mir die Zeit nehmen.“ Die meisten Menschen seien zwar sehr gewissenhaft und kennen sich aber nicht gut genug aus. Hier würde er sich manchmal mehr Verständnis seitens der Behörden wünschen: „Damit diese Menschen in Deutschland Fuß fassen können und selbstständig werden, würde es helfen, Verwaltungsakte, wann immer möglich, leichter zu gestalten", meint er. „Manche Anträge sind dick wie ein kleiner Roman. Damit haben die Leute wirklich große Schwierigkeiten. Auch mir bereitet das Probleme, obwohl ich schon recht lange mit diesen Themen zu tun habe.“ Wenn Unterlagen dann auch nicht verstanden werden, braucht es mehr Zeit, um alles zu vervollständigen. „Die Menschen sind nicht doof, sie können nur nicht gut deutsch“, stellt Sarbast Al-Khder klar.

Warum er sich ausgerechnet im Integrationsbereich engagiert? Er kenne sich doch auch mit Computern und Informatik aus. Die Entscheidung für das Ehrenamt, so Sarbast Al-Khder, habe wenig mit seinen Fähigkeiten zu tun gehabt. Es hatte sich vielmehr aus der Situation ergeben. „Mich hat damals jemand um Hilfe gebeten und weil es menschlich war, habe ich geholfen.“

3. September 2020