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Gruppenbild mit Fahrrad
Gruppenbild mit Fahrrad: Jürgen Blümmel mit einigen Jungen aus dem Projekt „Jugend stärken im Quartier“ © Stadt Offenbach
Treffpunkt, Lernwerkstatt, Freizeitgestaltung: im OffCourse-Kiosk von Jürgen Blümmel am Friedrichsweiher wird geschraubt und repariert. Seit Mitte Februar kommen die 12- bis 16-jährigen Jungen aus Einwandererfamilien zu ihm und lernen, wie Fahrräder (wieder) fahrtüchtig gemacht werden. „Das Deutschlernen passiert dann ganz nebenbei“: Blümmel betreibt mit seiner Frau Anja Bamberger den Fahrradladen Artefakt im Starkenburgring, zweimal in der Woche nimmt er im Rahmen des Projektes „Jugend stärken im Quartier“ die Jugendlichen `unter seine Fittiche´.
Die Fahrradwerkstatt ist nur eines von derzeit insgesamt zehn Mikroprojekten, die Schulverweigerern oder Schulabbrechern eine Perspektive oder schulpflichtigen Jugendlichen aus EU-Staaten das Ankommen ermöglichen sollen. „Die Jugendlichen sind kognitiv gar nicht so schlecht“, erklärt Harry Köhler, Leiter des Jugendbildungswerks beim Jugendamt, „aber die meisten von ihnen besitzen eben keine oder nur schlechte Deutschkenntnisse. Und handwerkliche Fähigkeiten werden in der Schule kaum noch abgefragt.“
Alidzah, Emil und Simo
Jeder Handgriff sitzt: Alidzhan (13), Emil (11) und Simo (13) haben bei Jürgen Blümmel gelernt, wie eine Fahrradgangschaltung funktioniert und mit welchem Werkzeug sie sich reparieren lässt. © Stadt Offenbach
Hier setzen die Mikroprojekte des Förderprogramms „Jugend stärken im Quartier“ (JUSTiQ) an, die die sozialpädagogische Einzelfallarbeit und langfristig angelegte Beratung der Jugendlichen ergänzen. In den Mikroprojekten können diese ihre Stärken gemeinsam mit anderen entdecken und lernen dabei ganz nebenbei, Verantwortung für ihr soziales Umfeld zu übernehmen, so Köhler weiter: „Das kommt dann dem gesamten Quartier zugute.“ So wie im Reparierkiosk, das zum Treffpunkt für Anwohner, Fahrradbesitzer und die jugendlichen Schrauber geworden ist. Sichtlich stolz präsentieren sie auch ihre Räder. „Das war der erste Schritt“, erklärt Jürgen Blümmel, „dass wir den Jungs erst einmal gespendete Räder wieder fit gemacht haben.“. Seitdem gehören auch gemeinsame Fahrradtouren zum Ritual der Gruppe. „Das war natürlich aufregend für die Jungs, zumal sich viele auch erst einmal mit den Verkehrsregeln vertraut machen mussten.“ Damit die Besitzverhältnisse klar sind, hat Blümmel die Räder extra mit einem Aufkleber gekennzeichnet und den Jungs einen Fahrradausweis ausgestellt. Anfangs kam sogar ein Mädchen zu der Schraubergruppe, berichtet Blümmel und vermutet, dass die Familie irgendwann etwas dagegen hatte. Alle anderen sind seit Februar regelmäßig und mit Begeisterung auch über die offiziellen Termine hinaus bei der Sache.

Weitere Projekte im September

Außerdem gibt es „Upcycling Design – Nähwerkstatt für die Quartiere“, deren Ergebnisse unlängst im Stadtteilbüro sowie ein Holzprojekt in der Bachschule. Nach den Sommerferien ist ein Mobiler Fitness Parkour im Senefelder Quartierpark geplant, immer dienstags und donnerstags ab 16.30 Uhr gilt es dann, sich abseits des vorgegebenen Weges einen eigenen durch den urbanen Raum zu suchen. Außerdem wird es weitere Fahrradtreffs in den Quartieren geben: neben dem bestehenden im OffCourse-Kiosk am Friedrichsweiher im JUZ Waldhof und einen weiteren in der Hans-Böckler-Siedlung, der in Kooperation mit der Nassauischen Heimstätte angeboten wird.

Anerkannte Arbeit

„Damit“, so Köhler, „schaffen wir auch ein Stück Zukunft.“ Denn durch die Mikroprojekte bekomme der ein oder andere Jugendliche durchaus eine Idee, was er mit seiner Zukunft anstellen könne. Deshalb ist Köhler zuversichtlich, dass das Programm auch bis 2020 verlängert wird. Vorerst bis Ende 2018 sind Projektmittel in Höhe von 1,6 Millionen Euro über einen Zeitraum von vier Jahren bewilligt. Das Programm wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und den Europäischen Sozialfonds und von der Stadt Offenbach gefördert. „Der Antrag der Stadt Offenbach gehört außerdem zu jenen besonders prämierten Anträgen, weil die Zielgruppe `junge neuzugewanderte Menschen´ als besonders stringent und förderfähig eingestuft wurde.“ Die Kofinanzierungsanteil der Stadt reduziert sich daher um 160.000 Euro auf 640.000 Euro, die Fördersumme durch ESF und Bund erhöht sich entsprechend auf 960.000 Euro.