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Rettungsring
© Michael Schwarzenberger/ pixabay.com
Wenn Menschen sich von ihren Familien, Freunden, Schulkameraden und Kollegen abwenden, weil sie sich einer Religion bis hin zum Extremismus zuwenden, herrscht oft Ratlosigkeit. Die Stadt Offenbach am Main bietet dazu seit 2015 in Kooperation mit dem vom Land Hessen finanzierten Violence-Prevention-Network eine Beratungssprechstunde an. Im Interview berichtet eine Mutter (Name von der Redaktion geändert) über ihre Erfahrungen, die dieses Angebot genutzt hat.

Stadt Offenbach (SOF): Wie sind Sie auf das Angebot von VPN gestoßen?

Jessica M.: Mein Sohn ist konvertiert. Er ist später ausgereist und überraschend im Ausland gewaltsam zu Tode gekommen und ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte. Da habe ich nach Hilfe gesucht und bin auf VPN gestoßen. Nach einem Telefonat bin ich am nächsten Tag mit Unterstützung von Freunden zu einem Berater hier in Offenbach gegangen. Er hat uns unterstützt und Kontakte vermittelt und mir mit allen Formalitäten geholfen. Inzwischen besuche ich auch ein Trauercafé.

SOF: Wie haben Sie am Anfang bemerkt, dass sich Ihr Sohn als junger Erwachsener verändert hat?

JM: Er hat angefangen sich für die muslimische Religion zu interessieren. Ich dachte, das sei so eine Phase. Doch ein Jahr später ist er dann konvertiert. Da habe ich Panik bekommen und zu ihm gesagt „Du wirst jetzt aber kein Terrorist“. Er lachte und sagte, das hätte mit Terror nichts zu tun und hat mir seine Haltung erklärt und die Moschee gezeigt. Er war auch immer tolerant – hat sich immer mehr von früheren Freunden und seiner Clique zurückgezogen, es war ein schleichender Prozess. Dann hat er auch Bart und Kaftan getragen. Er war stolz darauf, dass ich den Kontakt zu ihm nicht abgebrochen habe, wie andere Eltern.

SOF: Wenn Sie in dieser Zeit schon vom Beratungsangebot des VPN im Stadtteilbüro Mathildenviertel informiert gewesen wären, hätte Ihnen das geholfen?

JM: Auf jeden Fall – es war mir ja lange nicht klar, wo das hinführt. Er hat sich nie von mir abgewendet, aber westliche Werte waren auf einmal immer schlecht. Darüber haben wir immer wieder diskutiert – er wollte keine Musik mehr hören, obwohl er selbst früher Musik gemacht hat. Und er hatte das Gefühl, durch seinen Glauben anzuecken; dass er nur deswegen angehalten wird von der Polizei. Vielleicht hätte es hier geholfen, sich mit jemanden von VPN auszutauschen.

SOF: Gibt es Anzeichen für eine Radikalisierung, die Sie heute anders einschätzen würden?

JM: Er hat sich mit einer Frau aus einer streng gläubigen Familie verlobt. Ich wurde auch von der Familie eingeladen, alle mussten ihre Handys ausschalten und in ein Zimmer legen. Männer und Frauen durften sich nicht die Hand geben oder sich angucken. Da habe ich nicht mehr gedacht, dass er ausreisen könnte, weil er doch eine Familie gründen wollte. Doch dann ist er mit seiner Frau in Urlaub gefahren – plötzlich waren alle Handys aus und ich konnte ihn nicht erreichen. Später bekam ich dann die Nachricht seines Todes. Ich habe nie erfahren, was genau passiert ist.  

SOF: Hat Ihr Sohn erklärt, warum er diesen Weg für sich gewählt hat?

JM: Einmal hat er zu mir gesagt, dass ich ihm als Mutter alles gegeben hätte, aber dieses Männerding, den Zusammenhalt – wir sind die Starken – das könne ich ihm nicht geben. Das hätte er jetzt gefunden.

SOF: Was würden Sie anderen Eltern in Ihrer Situation raten?

JM: Vielleicht, dass man sich ganz früh Hilfe suchen sollte. Ich habe die Beratung von VPN zu spät gefunden. Es sollte auch an allen Schulen etwas angeboten werden, als normales Unterrichtsmodul. Es ist ein sehr ernst zu nehmendes Thema!

Hintergrundinformation VPN

Violence Prevention Network ist ein Verbund erfahrener Fachkräfte, die seit Jahren mit Erfolg in der Extremismusprävention sowie der Deradikalisierung extremistisch motivierter Gewalttätern tätig sind. Das Team von Violence Prevention Network arbeitet seit 2001 erfolgreich im Bereich der Verringerung von ideologisch motivierten schweren und schwersten Gewalttaten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Die Beratungsstelle Hessen von Violence Prevention Network wendet sich an Jugendliche, Eltern und Fachpersonal mit Fragen im Themenfeld Extremismus. Sie bietet Maßnahmen der Prävention und Deradikalisierung als Antwort auf die allgemeine Hilflosigkeit im Umgang mit religiös begründetem Extremismus an. Die Beratungsstelle fördert die Stärkung der Toleranz von unterschiedlichen Weltsichten sowie die Früherkennung, Vermeidung und Umkehr von Radikalisierungsprozessen.

Die Angebote der Beratungsstelle sind kostenlos und grundsätzlich für alle Menschen gedacht, die Beratung oder Unterstützung in der Auseinandersetzung mit religiös begründetem Extremismus benötigen.

BERATUNGSSTELLE Hessen (Außenstelle Offenbach)

Stadtteilbüro Mathildenviertel, Krafftstraße 29, 63065 Offenbach am Main

Beratung: mittwochs 14 - 16 Uhr | Hotline: 069 27 29 99 97

E-Mail: offenbachviolence-prevention-networkde

Weitere Informationen

https://www.offenbach.de/leben-in-of/sicherheit-ordnung/kommunale_Praevention/kommunale-praeventionsarbeit/interview-hakan-celik-28.06.2018.php

https://www.offenbach.de/leben-in-of/sicherheit-ordnung/kommunale_Praevention/beratungsstelle-extremismus22.02.2019.php

https://www.offenbach.de/leben-in-of/sicherheit-ordnung/kommunale_Praevention/kommunale-praeventionsarbeit/beratungsstelle-radikalismus28.12.2017.php

Offenbach am Main, 11. November 2019