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In Offenbach steht die erste Synagoge, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Hessen errichtet wurde. Gegen die Erwartungen selbst Jüdischer Verbände verzichtete eine kleine Gruppe Überlebender des Holocausts darauf, nach Israel auszuwandern und gründete stattdessen wieder eine Jüdische Gemeinde in Offenbach.
Prof. Jacoby
© Stadt Offenbach

Diese Gemeinde feiert 2008 ihr 300-jähriges Bestehen. Simone Kaucher-Quade von der Online-Redaktion sprach mit dem Vorsitzenden Professor Alfred Jacoby.

Online Redaktion: Im September hat der Veranstaltungsreigen zum 300-jährigen Jubiläum der Jüdischen Gemeinde begonnen. Wie ist die Resonanz, gelingt der gewünschte Dialog mit der Öffentlichkeit?

Alfred Jacoby: Ich kann sagen, dass zu unseren Veranstaltungen sehr viele Nicht-Mitglieder kommen. Es kommen auch gelegentlich Fragen, die den Alltag der Gemeinde betreffen, zum Beispiel danach, wie ein Gottesdienst abläuft. Dieses Interesse ist wohl auch geweckt worden.

Einen politischen Dialog mit der Stadt gibt es ebenfalls. Wir haben vor, unser Jugendzentrum wieder aufzubauen. Und da habe ich bereits mit Bürgermeisterin Birgit Simon Gespräche geführt. Sie hat mir die fachliche Unterstützung der Stadt zugesagt – auch wenn es um die Frage geht, wo man Fördermittel bekommen kann.

Wie erleben Ihre Gemeindemitglieder, vor allem die neueren, das Leben in Offenbach?

Die Hälfte unserer rund 1000 Mitglieder ist in den vergangenen zehn bis 15 Jahren aus Russland eingewandert. Die Gemeinde ist für sie eine wichtige Anlaufstelle, weil sie dort Hilfe bekommen. Wir haben in der Gemeinde eine Sozialarbeiterin eingestellt, die russisch spricht, und die unseren neu zugewanderten Mitgliedern bei Behördengängen hilft und als Übersetzerin fungiert. Sie hält unsere Mitglieder aber auch dazu an, wenn nötig Deutschkurse zu besuchen. Auch unsere Veranstaltungen finden fast ausschließlich auf Deutsch statt, nur in speziellen Fällen, wenn es zum Beispiel um juristische Fragen geht, sorgen wir für eine Übersetzung. Sprache ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration. Man muss zusehen, dass man eine Sprache spricht. Und ich glaube, dass der Erfolg uns Recht gibt. Wir haben keine Probleme mit Menschen, die orientierungslos in diesem Land umherirren, weil sie die Sprache nicht beherrschen.

Wie integrationsfähig ist Offenbach als Kommune?

Ich glaube, unsere Mitglieder sind zufrieden in Offenbach zu sein. Die Stadt tut das Mögliche und Nötige, um ihnen ein Leben zu ermöglichen, das besser ist als in Russland. Man darf diese Menschen aber nicht als Wirtschaftsflüchtlinge sehen, denn sie legen großen Wert auf ihre jüdische Identität. Weil sie diese nicht ausleben konnten, haben sie ihre Heimat verlassen. Hier legt man ihnen diesbezüglich keine Steine in den Weg. Natürlich leben sie hier nicht wie im Paradies, sondern meist von Sozialhilfe. Das ermöglicht ihnen keine großen Sprünge. Aber die finanzielle Unterstützung durch die Stadt und das Aufgehobensein in der Gemeinde ermöglichen eine lebenswerte Existenz.

Wir rechnen der Stadt auch hoch an, dass sie unseren Kindergarten so großzügig fördert, ihn unterstützt, wie die Kindergärten anderer freier Träger. Jetzt mag man sagen, das ist doch nichts Besonderes. Stimmt vielleicht. Aber wir sind immerhin ein jüdischer Kindergarten und legen den Schwerpunkt auf jüdische Traditionen. Wir feiern nicht Weihnachten, sondern Chanukka. Interessant ist, dass zwei Drittel der Kinder nicht jüdischen Glaubens sind. Auch das ist ein Beleg für die gelungene Integration der Jüdischen Gemeinde in das Offenbacher Gemeinwesen. Wenn man davon ausgeht, dass das gelungene Miteinander von Menschen verschiedener Überzeugung, verschiedener Lebensart und Tradition eine funktionierende Gesellschaft ausmacht, dann kann man sagen, dass unser Kindergarten wie keine andere Einrichtung der Jüdischen Gemeinde auf gesamt Offenbach ausstrahlt.

Was macht Toleranz aus? Wie viel Auseinandersetzung mit jüdischem Leben fordern Sie von Ihrer Umwelt?

Es ist für mich kein Zeichen von Intoleranz, wenn jemand nicht viel über das Judentum weiß. Toleranz bedeutet Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Glaubensrichtungen und ihren Vertretern. Ich erwarte nicht, dass Menschen, die zu unseren Veranstaltungen kommen, und sei es der Oberbürgermeister der Stadt, ein genaues talmudisches Wissen haben. Eine Kultur erfährt man nicht so sehr über das Regelwerk, sondern über das Verhalten der Menschen und den Austausch mit ihnen.

Die große Bedeutung der Jüdischen Gemeinde für die Entwicklung Offenbachs ist allgemein bekannt. Sorgt das für besondere Wertschätzung?

Ja, aber, würde ich sagen. Die städtischen Institutionen sind aus meiner Sicht sehr um Integration bemüht, man tut sehr viel für den interkulturellen Ausgleich. Da hat es die Jüdische Gemeinde allerdings schwer, spezielle Zuwendungen für sich zu beanspruchen. Aber ich verstehe das. Wir unterstützen den Kurs der Stadt, weil wir auch dazu beitragen wollen, dass der Ausgleich insgesamt funktioniert. Denn es gibt in diesem Land öffentliche Orte, die man als Angehöriger einer Minderheit nicht gefahrlos betreten kann, wo das Zusammenleben von Einheimischen und Zugereisten nicht funktioniert. Das wollen wir nicht. Deshalb mischen wir uns auch ein, wenn es um die Belange von Minderheiten in Offenbach geht – auch wenn wir nur Wenige sind.

Der besondere Umgang mit Juden gründet aus meiner Sicht weniger auf den glänzenden Leistungen herausragender jüdischer Persönlichkeiten. Er ist durch den Holocaust begründet. Die offizielle Politik in Deutschland ist heutzutage geprägt durch ein wirklich sensibles Verständnis, dass man mit Juden nicht wie mit Kleinvieh umzugehen hat. Jede andere Haltung würde das internationale Ansehen des Landes ernsthaft beschädigen.

Ist es in Offenbach mehr als politische Korrektheit?

Die Stadt hat den Mitbegründer und langjährigen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Max Willner, 1993 zum Ehrenbürger gemacht. Das ist ein Zeichen. Das heißt, man steht der Jüdischen Gemeinde seit Kriegsende mit Wohlwollen gegenüber. Und ich kann für Offenbach keinen Politiker nennen, der diese Haltung nicht geteilt hätte. Es gab seit dem Krieg keinen Oberbürgermeister, der auf Distanz ging zur Gemeinde.

Es gibt also ein gewisses Niveau der Beziehungen, das nicht unterschritten wird?

Es gibt ein gewisses Einsehen, dass man froh sein muss, dass es überhaupt wieder eine Jüdische Gemeinde gibt, dass man diesen Sprössling gedeihen lassen soll. Immerhin: In Offenbach steht die erste Synagoge, die nach dem Krieg in Hessen aufgebaut wurde. In Offenbach hat man schon sehr früh jüdische Menschen wieder ins öffentliche Leben integriert. Max Willner war Direktor des Stadtkrankenhauses und er war Jude und jeder wusste das. Die Politik hat sich nicht gescheut, das zu machen. Die Stadt hat begriffen, dass ihr diese Linie besser tut als wenn sie dabei zusieht, wie alle Juden nach Frankfurt gehen.

Das ist doch auch der Hintergrund der Gemeindeprivilegien, die vor 300 Jahren zur Gründung der Jüdischen Gemeinde geführt haben: Die Obrigkeit wollte sich das kulturelle und wirtschaftliche Potenzial nicht entgehen lassen.

Für das wirtschaftliche Potenzial stimmt das.

Sie als Synagogenbauer kennen auch Jüdische Gemeinden in anderen Städten. Beobachten Sie Unterschiede zu Offenbach?

In Rheinland-Pfalz habe ich die Erfahrung gemacht, dass es ungemein schwierig ist, eine Synagoge zu realisieren. Das Land tut sich so schwer. Was den Synagogenbau in Mainz betrifft, wird seit zehn Jahren rumgeeiert. Sowas gab´s in Hessen nie. Auch Offenbach war nie so. Offenbach ist keine reiche Stadt und trotzdem hat sie unseren Kindergartenbau vor zehn Jahren mit einer Million Mark unterstützt. Das ist eine Leistung. Mir scheint, da gibt es einfach ein Verständnis für jüdisches Leben. Das hat sicherlich mit Offenbachs Geschichte zu tun.

Und wie äußert sich Antisemitismus in Offenbach?

Den gibt es auch – in Form dummer Briefe an die Gemeinde. Man bekommt die üblichen Anfeindungen: „Wir legen Euch um“, „wir schänden euren Friedhof“. Es ist in letzter Zeit weniger geworden. Ich glaube, Antisemitismus wird es immer geben. Man würde sich keinen Gefallen tun, das zu leugnen. Aber Offenbach ist eine angenehme Stadt, hier muss man sich nicht verkriechen.

Gibt es für die Jüdische Gemeinde in Offenbach Probleme durch den hohen Anteil an muslimischer Bevölkerung?

Wir haben als Gemeinde vor Jahren mal einen gemeinsamen interreligiösen Abend gemacht. Das hat uns vielleicht geholfen. Es gibt in Offenbach sicherlich keinen Hassprediger. Zwischen jüdischer Gemeinde und muslimischen Gemeinden in Offenbach gibt es eine friedliche Koexistenz. Ich glaube, dass so etwas Signalwirkung auf die Gemeindemitglieder hat. Es gibt hier eine Art Verhaltenskodex im öffentlichen Raum. Jeder weiß das und hält sich daran.

In Offenbach sind wir als Jüdische Gemeinde ein Mosaiksteinchen im städtischen Leben und finden Beachtung. Und wir haben offene Türen – auch wenn es Sicherheitsvorkehrungen gibt. Die hat uns das Innenministerium auferlegt.

Um auf ihre Pläne in punkto Jugendzentrum zurückzukommen. Wie wichtig ist ein institutioneller Dialog? Hilft ein Jugendzentrum der Gemeinde dabei, mit anderen Jugendzentren in Kontakt zu kommen?

Ja, früher haben wir das gemacht, zum Beispiel auf der Ebene des Stadtjugendrings. Wir haben andere Jugendliche eingeladen. Uns fehlt ein hauptamtlicher Jugendpfleger, der weiß, wie man mit Jugendlichen ins Gespräch kommt. Uns geht es nicht darum, in einem Jugendzentrum jüdische Religion zu lehren, es geht darum jüdisches Wissen zu vertiefen, um jüdische Traditionen, jüdische Geschichte. Man spielt zusammen, man reist zusammen.

Es gibt so viele Möglichkeiten und es wäre schade, wenn wir die nicht nutzen würden. Das sehe ich als wirkliche Aufgabe. Schauen Sie sich unsere Gottesdienste an, das Durchschnittsalter liegt etwa bei 70. Die jungen Leute bleiben uns fern. Das ist schlecht.

Eine Frage zum Abschluss: Können Sie auf eine knappe Formel bringen, was Sie mit den Veranstaltungen zum Jubiläum vermitteln wollen?

Ganz einfach: Wir wollen den Menschen verdeutlichen, dass es jüdisches Leben in Offenbach seit 300 Jahren gibt.


Alfred Jacoby ist Jahrgang 1950 und wurde als Kind polnischer Überlebender des Holocausts in Offenbach geboren. Er leitet das Institut für Architektur in Dessau und unterhält seit 1980 ein eigenes Architekturbüro in Frankfurt am Main. Das Zentrum der Jüdischen Gemeinde in Offenbach wurde 1997 nach seinen Plänen umgestaltet.