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Synagoge
© Stadt Offenbach
"Ich war aufrichtig bemüht, diesem Bau, wenn er auch klein ist, ein ihm entsprechend würdiges Aussehen zu geben." Unprätentiös wie die Architektur, die er entworfen hatte, waren die Worte, mit denen der Architekt Hermann Zvi Guttmann die von ihm erbaute Synagoge am 2. September 1956 der Jüdischen Gemeinde Offenbach übereignete, zwei Wochen vor dem jüdischen Neujahrsfest "Rosch HaSchana". Guttmann sprach in Anwesenheit von zahlreichen Ehrengästen, die an jenem Sonntagmorgen der Feier zur Einweihung der ersten Synagoge und dem angegliederten Gemeindezentrum in Hessen nach der Schoa beiwohnten.
Den Gästen erzählte Guttmann, der als einer der wichtigsten Synagogenbauer nach 1945 gilt, was ihm ein Zeitungsreporter während des Baus der Synagoge gefragt hatte: Woher die Juden den Mut nähmen, nach all dem, was in Deutschland geschehen sei, hier noch Synagogen zu bauen. Er habe geantwortet, sagte Gutmann: Möge die letzte Verfolgung wirklich die letzte gewesen sein, die erste sei sie nicht gewesen, wenn sie auch in ihrem Ausmaß die Schrecklichste und die Größte sei. Immer wieder seien aus der Asche der alten neue Gotteshäuser gewachsen, sei neues Leben erwacht. "Nur unser tiefer Glauben und der daraus blühende, fast uferlose Optimismus war es, der uns wieder leben ließ. Und es geschah überall, wo Juden waren - getreu dem Wahlspruch, welchen Herr Landesrabbiner I.E. Lichtigfeld aus der Bibel, dem Pentateuch, für die Außenaufschrift wählte: \'An jeder Stelle, an der Du meinen Namen nennen wirst, werde ich kommen und Dich segnen!\'" 18 Jahre nach dem Novemberpogrom von 1938 und elf Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Massenmords an den Juden sollte diese Synagoge das Symbol eines neuen Beginns sein, ein "Wahrzeichen der Toleranz", wie die Lokalzeitung "Offenbach Post" ihren Bericht über die Einweihungsfeier überschrieb. In der kleinen, 90 Plätze zählenden Synagoge saßen Vertreter der Stadt, des Darmstädter Regierungspräsidiums und der christlichen Kirchen neben Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft.

Vorsichtige Annäherung

Doch nur tastend waren Juden und Nichtjuden in den ersten Nachkriegsjahren aufeinander zugegangen. Der Gemeindevorsitzende Max Willner erinnerte bei der Synagogeneinweihung laut dem Bericht einer Chronistin daran, dass die Stadt Offenbach der Jüdischen Gemeinde schon 1946 angeboten habe, eine neue Synagoge zu bauen. Der damalige Gemeindevorstand habe aber das Angebot abgelehnt, weil er angenommen habe, dass doch alle Juden aus Deutschland auswandern würden. Zwei Jahre später habe die Stadt ihr Angebot wiederholt, was schließlich zum Bau der jetzigen Synagoge geführt habe, sagte Willner.

Wie andernorts galt auch die Jüdische Gemeinde Offenbach sozusagen als Abwicklungsgemeinde. Von den KZ-Überlebenden ohnehin nur als Zwischenstation auf dem Auswanderungsweg nach Israel, den Vereinigen Staaten oder Südamerika aufgefasst, verhinderte die Ächtung durch internationale jüdische Organisationen wie der Jewish Agency", dass jüdisches Leben in Deutschland während des ersten Jahrzehnts nach der Schoa etwas anderes sein konnte als ein Provisorium.

Mehr als 400 Offenbacher Juden ermordet

Nur wenige der 1933 fast 1500 Mitglieder zählenden Gemeinde waren nach der Schoa in ihre frühere Heimatstadt Offenbach zurückgekehrt, nicht mehr als 18 Menschen. Zwar hatten viele Gemeindemitglieder Hitler-Deutschland verlassen können; doch mehr als 400 Offenbacher Juden waren in den Konzentrationslagern ermordet worden. Es waren vor allem Juden aus Osteuropa, die sich in dieser Gemeinde im Sommer 1945 zusammenfanden, aber auch deutsche Juden wie der in Gelsenkirchen geborene Willner, der die Deportation in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Auschwitz, Flossenbürg und Dachau überlebt hatte. Bald nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur trafen sich die Juden zum Gebet in der beim Novemberpogrom 1938 geschändeten Synagoge an der Goethestraße, deren Gebäudehülle unbeschädigt geblieben war.

Die Gemeinde richtete ihren Blick in den folgenden Jahren vor allem nach innen, galt es doch, die psychischen und körperlichen Leiden der Überlebenden zu lindern, Hilfe zu leisten bei der Erlangung von Wiedergutmachung, Bedürftige zu unterstützen. Auch musste das religiöse Leben neu aufgebaut werden, das sich völlig von jenem der Gemeinde aus der Zeit vor 1938 unterschied. Denn die aus Osteuropa nach Offenbach gekommenen Juden lebten ihre dem orthodoxen Ritus verbundene Tradition. Diese aber stand im Gegensatz zu der bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückführenden reformerischen, im beginnenden 20. Jahrhundert liberalen Tradition der Jüdischen Gemeinde Offenbachs, die von den international angesehenen Rabbinern Salomon Formstecher und Max Dienemann vertreten wurde.

Die ehemalige Synagoge in der Goethestraße
Die ehemalige Synagoge in der Goethestraße © Stadtarchiv
Guttmanns Synagogenarchitektur spiegelte nicht nur den Bruch wider, der durch die Verfolgung und Vernichtung des deutschen Judentums entstanden war, sondern auch die Zerbrechlichkeit jüdischen Lebens inmitten der noch jungen bundesdeutschen Gesellschaft, die rasch ihren Frieden mit den NS-Tätern und deren Gehilfen geschlossen hatte. Nicht von ungefähr kam die neue Synagoge gegenüber der ehemaligen in der Kaiserstraße zu stehen.

Räumlich nah und doch so weit weg vom Platz an der Sonne

Wenngleich lange Zeit öffentlich nicht wahrgenommen, so bestand doch von Anbeginn ein innerer wie äußerer Zusammenhang zwischen der von den Nationalsozialisten entweihten, als Kino und NS-Kundgebungsstätte missbrauchten Synagoge an der Goethestraße, ihrem monumentalen, nach außen drängenden Gestus, und dem zurückgezogenen, auf sich selbst gerichteten neuen Bet- und Versammlungshaus. Die von einer 30 Meter hohen Kuppel gekrönte, weithin sichtbare, in einem bürgerlichen Viertel plazierte Synagoge an der Goethestraße symbolisierte, wie der Gemeindevorsitzende Max Goldschmidt bei ihrer Einweihung im Weltkriegsjahr 1916 sagte, dass die Juden die "enge Gasse", gemeint ist die Judengasse, also die spätere Große Marktstraße, verlassen, sich "einen Platz an der Sonne erobert" hatten und diesen behaupten wollten. Dort, an der Grenze des alten Offenbachs, hatte die Jüdische Gemeinde seit Anfang des 18. Jahrhunderts ihre Synagoge.

Die Synagoge an der Goethestraße war denn auch Zeugnis des Selbstbewusstseins, welches das deutsch-jüdische Bürgertum im späten 19. Jahrhundert gewonnen hatte, ein "markantes Beispiel" der zur Wende zum 20. Jahrhundert einsetzenden, "letzten Hochblüte des Synagogenbaus in Deutschland", wie Dieter Bartetzko, Architekturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in einem Artikel schrieb.

Eine innere Heimat

"Nach Auschwitz" hingegen sollte die Guttmannsche Synagoge und das mit ihr verbundene Gemeindezentrum der jüdischen Gemeinschaft zuallererst Schutz, dem Einzelnen Zuflucht, eine innere Heimat bieten. Das kam in der Lage wie im Baukörper der Synagoge zum Ausdruck. Das von der Stadt Offenbach bereitgestellte Grundstück an der Kaiserstraße 109 war von einem mit Bäumen umstandenen Garten umgeben, in dessen Mitte Guttmann die Synagoge stellte, rückwärtig durch das Gemeindezentrum -Versammlungssaal, Wohnung für den Gemeindevorsteher und Büros - ergänzt. Von der Straßenseite waren die Gebäude kaum wahrzunehmen. Durch die abgerundeten Außenmauern der Synagoge wurden die Menschen wie von einem Tallit" umhüllt, dem Gebetsschal, den der Gläubige während des Gottesdienstes um seine Schultern legt.

Eigenem Bekunden zufolge beließ Guttmann die Synagoge in der Spannung zwischen moderner Form und liturgisch-orthodoxem Gesetz. Guttmann erläutert: "Die Synagoge ist nach moderner Art erbaut. Die Außenmauern des eigentlichen Tempels sind abgerundet. Das Portal besteht aus einem Glaseingang in einem Rahmen aus schwarz-schwedischem Granit. Darüber befindet sich ein rundes Fenster mit dem Zionsstern. Dieses wie auch die großen Fenster an den Seitenwänden des Synagogenbaukörpers sind bleiverglast. Das Dach ist mit Kupfer eingedeckt. ... Trotz der modernen Form ist das liturgisch-orthodoxe Gesetz und die Tradition eingehalten: Dem Eingang gegenüber, am Ende der Hauptachse, die im Sinne der Liturgie in Ost-West-Richtung verläuft, steht in der Apsis der Thoraschrein. In der Mitte des Raumes ist der Platz der Bima (auch Almemor genannt), des Pultes, an welchem während des Gottesdienstes die Thora gelesen wird. Das Ewige Licht an der Ostwand - eine Sonderkonstruktion - symbolisiert die jüdische Diaspora, künstlerisch ausgedrückt durch die Feuersäule und die Wolke, die das Volk Israel durch die Wüste und in das Gelobte Land führten."

Gedenktafel der jüdischen Gemeinde
Gedenktafel der jüdischen Gemeinde © OflovesU

Guttmannsche Synagoge als Denkmal anerkannt

Vier Jahrzehnte lang blieb die Guttmannsche Synagoge angesichts ihrer unspektakulären Architektur ein weithin unterschätztes Gebäude, obschon Salomon Korn, Architekt und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, 1988 auf deren Qualität aufmerksam gemacht hatte. Laut Korn trägt die Offenbacher Synagoge die für Guttmanns spätere Synagogenbauten, etwa in Hannover und Düsseldorf, charakteristischen Merkmale: geschwungene Außenwände, große Lichtöffnungen und eine räumliche Dominanz des Thoraschreins. Aber erst die Absicht der Jüdischen Gemeinde Offenbach, die Synagoge abzureißen, durch einen Neubau nebst Gemeindezentrum zu ersetzen, führte Mitte der neunziger Jahre zu einer öffentlichen, bundesweit beachteten Diskussion über die Bedeutung der Guttmannschen Synagoge und schließlich zu deren Anerkennung als schützenswertes Architektur- und Kulturdenkmal. Das Hessische Landesamt für Denkmalpflege indes indes ließ die Gemeinde wissen, die Guttmannsche Synagoge sei nicht nur aus historischen Gründen erhaltenswert, etwa weil sie die erste neu erbaute Synagoge nach 1945 in Hessen sei, sondern sie zeichne sich auch durch die künstlerischen Merkmale der Architektur der fünfziger Jahre aus. Jegliche Veränderung oder gar ein Abriss bedürften der denkmalschutz-rechtlichen Genehmigung. Die Jüdische Gemeinde stoppte daraufhin ihre Planung und folgte den Auflagen des Landesamts für Denkmalpflege, wonach die Guttmannsche Synagoge Ausgangspunkt" einer Erweiterung sein müsse.

Gemeinde auf 900 Personen angewachsen

Wegen des Zuzugs von Juden vor allem aus der damals noch bestehenden Sowjetunion hatte der Gemeindevorsitzende und spätere Ehrenbürger Max Willner seit Ende der achtziger Jahre eine Erweiterung der Synagoge und den Neubau eines Gemeindezentrums angestrebt. Lebten in den fünfziger Jahren nur zirka 100 Juden in Offenbach, so hatte sich die Zahl der Gemeindemitglieder mittlerweile auf etwa 900 Personen erhöht.

Die schließlich 1997 nach Plänen des heutigen Gemeindevorsitzenden von Alfred Jacoby umgestaltete, im Beisein des hessischen Ministerpräsidenten Hans Eichel und des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, eingeweihte Guttmannsche Synagoge verweist in doppelten Sinne auf die Geschichte der Offenbacher Juden: Zum einen sind durch ihre Erhaltung weiterhin die Spuren des Neubeginns jüdischen Lebens in dieser Stadt nach der Schoa erkennbar, zum anderen ist ihr Bezug zum einstigen Bet- und Versammlungshaus nunmehr unübersehbar - die Spitze der mittels eines Glasmantels auf 160 Plätze erweiterten Synagoge deutet auf ihre historische Vorläuferin gegenüber.

"Nicht mehr hinter Bäumen verstecken"

Im Inneren der Guttmannschen Synagoge hat Jacoby eigener Aussage zufolge moderne Gestaltungselemente genutzt, teils in geometrischer Strenge. So schuf der Londoner Künstler Brian Clark mit Texten aus der Thora beschriftete, in changierenden Blautönen gehaltene Bleifenster; Uwe Fischer entwarf zwei siebenarmige Leuchter, Monika Finger (beide Frankfurt) den rituellen Waschtisch, Vorlesepult und Thoraschrein. Zudem
enthält das mit der Synagoge verbundene neue Gemeindezentrum Kindergarten, Jugendzentrum, Seniorenclub und einen großen Veranstaltungssaal.

Synagoge und Gemeindezentrum sollen nicht nur der Integration der vielen osteuropäischen Zuwanderer in Hessens zweitgrößter Gemeinde dienen; nach Jahrzehnten der Zurückgezogenheit werden die Bauten als Zeichen an die Bürgerschaft verstanden. Zur Eröffnung des neuen jüdischen Zentrums sagte das seinerzeitige Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde, Jacob Kerem-Weinberger: Wir wollen uns nicht mehr hinter Bäumen verstecken, sondern ein sichtbarer Teil Offenbachs sein, am Leben der Stadt teilnehmen."

Text- / Autoreninfo: Anton Jakob Weinberger ist Vorsitzender der Max Dienemann / Salomon Formstecher-Gesellschaft Offenbach e.V..
Diese Veröffentlichung ist die gekürzte Fassung eines Beitrags, der im Internet unter
www.dienemann-formstecher.de abgerufen werden kann.