Sprungmarken
Suche
Suche

St. Nikolaus Bieber
© Bernd Georg / Stadt Offenbach
2007 feierte Bieber – denn seit 700 Jahren gibt es die katholische Gemeinde St. Nikolaus. So alt wie die Gemeinde ist die Kirche selbst allerdings nicht – aus Platzmangel wurde 1936 ein schlichter, moderner Neubau an der Stelle der Vorgänger-Bauten in der Rathausgasse errichtet. Der birgt allerdings im Inneren einige sehenswerte Schätze aus früheren Jahrhunderten: Plastiken des Heiligen Nikolaus, des Heiligen Sebastians und einen „Anna selbdritt“-Seitenaltar mit einer Plastik aus dem Mittelalter.

In einem Testament des Frankfurter Bürgers Wicker wird 1270 zum ersten Mal eine Kirche in Bieber erwähnt. Knapp 40 Jahre später (1307) wird Bieber zu einer eigenen Pfarrei ernannt und 1425 wird der Mainzer Erzbischof und Kurfürst auch Landesherr in Bieber. Die Kirchenbücher beginnen mit ersten Einträgen 1649. 1701 wird die alte Kirche aus dem 15. Jahrhundert abgerissen und eine neue Kirche angelegt. Der alte gotische Turm bleibt erhalten. Das nicht alles neu sein muss, beweist die erste Orgel, die 1775 angeschafft wurde, denn sie war bereits gebraucht. Ein Jahrhundert später wird der Kirchenbau durch ein neogotisches Langhaus auf 370 Plätze erweitert. Die alte Kirche dient als Querhaus, der mittelalterliche Turm bleibt neu ummantelt erhalten.

Der Neubau hat rund 720 Sitzplätzen ersetzt. Während der Bauzeit fanden die Gottesdienste in der Turnhalle, dem Schwesternhaus und auf dem Schulhof statt. Am Vormittag des 11. Dezember 1944 erfolgt ein schwerer amerikanischer Luftangriff auf Bieber, das Pfarrhaus wird zerstört und die Kirche schwer beschädigt. Nach dem Kriegsende 1945 kann die Kirche wieder benutzt werden und der Chor der St. Nikolausgemeinde begründet sich. Das neue und größere Pfarrhaus wird 1947 fertig gestellt.

Der von einem hohen Tonnengewölbe überspannte Kirchenraum ist 16 Meter breit und 35 Meter lang. Der vorgelagerte Chor ist um sechs Stufen erhöht. Auf der Westseite schließt sich ein flaches Seitenschiff an sowie der 38 Meter hohe Turm. Der Gottesraum hat heute keine Nebenschiffe mehr, sondern ist ein einziger Raum, der wie eine Halle wirkt, wenn man ihn betritt. Die Bauweise zeichnet einen Vorteil: von jedem Plätzchen in der „heiligen Halle“ aus ist der graue Steinaltar sichtbar.

Die Außenfassade der St. Nikolauskirche wirkt wie ein praktischer Bau, schlicht, ohne Schnörkel und Verzierungen. Auch im Innenraum herrscht eine schlichte Eleganz vor, die den pointiert gesetzten Kunstwerken – wie beispielsweise die meterhohe Christusfigur über dem Altar und die Heiligenplastiken an der Seitenwand – in Szene setzen. Ein heller Anstrich, dazu die rote Bemalung des Gewölbes und der Rückwand des Chorraumes sowie die rotbraunen Holzbänke. In den länglichen Kirchenfenstern sind die Legenden um den Namenspatron St. Nikolaus dargestellt, in den kleineren, runden Fenstern die Legende des Heiligen Sebastian, der zu Zeiten des Römischen Reiches auf Grund seines christlichen Glaubens mit Pfeilen beschossen wurde. Zudem sind an den Wänden Bilder analog der 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu angebracht.

Ein Blickfang: Die vier Meter hohe, grau-silber-goldene Skulptur in der Rundung des Altarraumes stellt den himmelfahrenden Christus dar. Sie wird 1963 bei der Neugestaltung der Kirche angebracht. Der Korpus am Kreuz stammt aus dem 15. Jahrhundert. Er befand sich an einem Kreuz unter dem Chorbogen des Neubaus von 1701/08 und wurde 1879 als Triumphkreuz im Chor aufgehängt.

Die Nikolausfigur entstammt der Spätgotik. Die Entscheidung für den Heiligen Nikolaus von Myra als Patron ist nicht verwunderlich, da er in den Jahrhunderten um die Gründung der Bieberer Pfarrei sehr beliebt war. Darüber hinaus wird in St. Nikolaus aber auch der Heilige Sebastian als Pestheiliger an seinem Gedenktag (20. Januar) verehrt. Die frühesten Aufzeichnungen hierzu stammen aus dem Jahr 1708, als in der neuen Kirche ein Nebenaltar dem Heiligen geweiht wurde. Seine Figur entstammt der Barockzeit. Ein sehenswertes und kostbares Detail in der St. Nikolauskirche in Bieber ist der „Anna selbdritt“-Seitenaltar. Als Original aus der spätgotischen Periode blieb die Plastik der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind erhalten. Diese typische Darstellung zu dritt geht auf den Annenkult im späten Mittelalter zurück.

Die St. Nikolausgemeinde konnte durch die Zuzüge der vergangenen Jahrzehnte nach Bieber ihre Mitgliederzahlen zunächst steigern und dann stabilisieren. Waren es in den 30er Jahren noch etwas 3.500 Katholiken in der Kirche, sind es heute etwa 5.500. Begünstigt wurde das auch durch die Einrichtung der Filialgemeinde St. Hildegard in Waldheim. Seit 1975 finden dort Gottesdienste statt, zunächst in der Kantine einer Firma, seit 1982 im Haus St. Hildegard. Sowohl St. Hildegard als auch St. Nikolaus haben jeweils einen Kirchenchor. Groß gefeiert wird in Bieber auch die fünfte – närrische – Jahreszeit, wenn die Jugendlichen einmal im Jahr zwei große Fastnachtsabende für die Bieberer organisieren. Das soziale Engagement reicht darüber hinaus und umfasst Seniorenkreise, einen Frauenkreis, verschiedene Angebote für die Jugend und Wallfahrten. Zudem sind die Prozessionen zu besonderen religiösen Anlässen wie beispielsweise Fronleichnam in Bieber noch gut besucht.

Die „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“ errichteten 1892 ihre 47. Niederlassung im Bistum Mainz im Schwesternhaus am Rebstock in Bieber. Die in der Regel sechs Schwestern erteilten Unterricht im Nähen und leisteten ambulante Dienste. 1896 wird dort der Kindergarten der Gemeinde eingerichtet. Im Juni 1976 zieht der katholische Kindergarten vom Schwesternhaus Am Rebstock in den Neubau neben der Kirche ein, nachdem die „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“ die Pfarrei im gleichen Jahr nach 80-jähriger Tätigkeit verlassen haben.