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Teilnehmer am Stadtteilspaziergang Ortskern Bürgel bei der ersten Station
© www.stefaniekoesling.de
Wo viele unterschiedliche Menschen zusammenleben, gibt es auch unterschiedliche Ansprüche und Interessen. Diese möglichst weitfassend in Einklang zu bringen, ist nun Aufgabe der Offenbacher Stadtverwaltung, nachdem Anwohnerinnen und Anwohner Bürgels in zwei Stadtteilspaziergängen ihre Ideen und Anregungen zu Protokoll gegeben haben.

Die knapp zweistündigen Rundgänge zu den Themen „Ortskern und Sanierung“ sowie „Bürgel allgemein“ waren als Fortsetzung der Bürgerbeteiligung zum Stadtteilentwicklungsprozess in Bürgel Ende Mai angesetzt.

Zusammen mit den Fachleuten des Amtes für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement machten sich jeweils rund 25 Personen ein Bild der Situation an Ort und Stelle. Stationen waren der Dalles, der historische Dorfkern, das Mainufer mit dem Reichstag, die fast vergessene Automatenfabrik der Gebrüder Hau in der Kurfürstenstraße, Reste der historischen Stadtmauer und die Langstraße.

Aufwertung des Dalles?

Vor allem beim Dalles gingen die Meinungen auseinander. Viele Beteiligten waren der Ansicht, dass Gastronomie, Spielmöglichkeiten für Kinder und eine Gestaltung, die auch Besucher des Mainufers nach Bürgel lockt, den Bürgerplatz beleben könnten. Dabei wurde die Absenkung des Platzes nach historischem Vorbild in Betracht gezogen. Andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer fürchteten um den Verlust der Grünfläche und sprachen sich für den Erhalt des jetzigen baulichen Zustands aus. „Eine Neugestaltung könnte zu einer stärkeren Lärmbelastung führen“, äußerten sie ihre Befürchtung. „Die Teilnehmer wünschten sich vor allem, dass Ruhe am Platz einkehrt. Hundekot, Verkehrslärm und laute Passanten beeinträchtigen ihrer Ansicht die Qualität des Platzes stark“, fasst die vom Amt beauftragte Projektleiterin Anna Biegler die Äußerungen zusammen. Kristina Oldenburg, Moderatorin des Bürgerbeteiligungsprozesses, ergänzt: „Der Dalles beschäftigt die Bürgerinnen und Bürger von Bürgel. Der aktuelle Zustand ist nicht zufriedenstellend. Im weiteren Prozessverlauf ist es daher notwendig, sich vertieft mit dem Bürgerplatz zu beschäftigen.“

Teilnehmer am Stadtteilspaziergang Ortskern Bürgel bei der zweiten Station
© www.stefaniekoesling.de

Sanierung historischer Gebäude

Im historischen Ortskern wurde das Engelsgässchen genauer unter die Lupe genommen. „Es ist eine der schönsten Straßen im Dorfkern. Das liegt nicht nur an dem guten Zustand der Gebäude, sondern auch an dem Blick, den man in die historischen Hinterhöfe, den Hofreiten, werfen kann“, so Biegler. Architektin Thekla Sturm, Expertin für Ortskerngestaltung, bestätigte dies und hob die Wirkung von privaten Freiflächen in historischen Dorfkernen hervor: „Im Bürgeler Dorfkern gibt es viele Mauern, die so nicht in das historische Gesamtbild passen und eine Anonymität schaffen. Mit wenig Mitteln kann der Ortskern harmonischer wirken. So kann ein Rosenstock, der über eine Mauer herausragt, oder ein Hoftor, das einen Blick in den Hof gewährt, die Atmosphäre aufwerten.“

Anwohner Anton Demmer berichtete über seine Erfahrungen bei der Sanierung seines Fachwerkhauses, die mit dem Denkmalschutzpreis der Stadt Offenbach prämiert wurde. „Im Nachhinein war die Sanierung keine so große Herausforderung wie erwartet. Wichtig ist, dass man mit Experten zusammenarbeitet.“ Von diesen gebe es in der Region leider nicht viele. Er habe für die Verschieferung des Fachwerkhauses einen Handwerker aus Thüringen beauftragt. Beratungsbedarf äußerten andere Teilnehmer und regten einen Stammtisch an, der sich zum Austauschen von Erfahrungen und Fragen eignen würde.

Von der Verwaltung wünschte man sich einen Ansprechpartner, der eigens für Bau- und Gestaltungsfragen im historischen Ortskern zuständig ist. „Eine Gestaltungssatzung, die das Ziel verfolgt, das historisch gewachsene Erscheinungsbild zu erhalten und zu verbessern, könnte als Orientierung dienen“, so Biegler. „Und ein ausgeschilderter Rundgang mit Hinweistafeln zu historischen Orten, Ereignissen und wichtigen Personen den Dorfkern als Ganzes wahrnehmbar machen.“

Einzelhandelsversorgung im Stadtteil

Auch über die Geschäftsstruktur wurde in der Langstraße diskutiert. „Wir kaufen fast ausschließlich in dieser Straße ein. Da wir kein Auto besitzen, ist es ein großer Vorteil, die Einkaufsstraße fußläufig erreichen zu können“, berichtete eine Familie, die in Bürgel lebt. Auch für Senioren ist die Möglichkeit, im Stadtteil einzukaufen, immens wichtig. „Wir sind froh, dass wir noch über eine Postfiliale verfügen. Das soll bitte auch noch lange so bleiben“, bekräftigte eine Teilnehmerin des Rundgangs.

Mit der ehemaligen Automatenfabrik der Firma Hau in der Kurfürstenstraße wurde ein fast vergessener Ort besichtigt. Die stark in die Jahre gekommene Halle fristet aktuell ein Schattendasein. Ein alteingesessener Bürger bedauerte: „Mein Vater hat für die Firma Hau gearbeitet, die ein weltweites Ansehen für ihre Automaten hatte. Welche Funktion die Fabrik früher hatte, weiß heute kaum jemand mehr.“ Stadtplanerin Biegler erläuterte, dass Bürgel durch die Industrialisierung stark gewachsen ist. „Die Automatenfabrik der Firma Hau ist ein Zeugnis dieser industriellen Vergangenheit“, so Biegler. Über die Zukunft des Gebäudes wurde kontrovers diskutiert. Angeregt wurde ein Ausbau der Fabrikhalle zu Lofts oder zu Räumen für Kunst und Kultur. Andere Stimmen befürworteten Abriss und Neubau.

Verkehrsbelastung

Auch die Verkehrsbelastung des Stadtteils war ein großes Thema. Aufgrund seiner Nord-Süd-Ausrichtung hat Bürgel einen hohen Durchgangsverkehr. Durch den Mainzer Ring kommt es zwar zu einer Verkehrsreduzierung im Ortskern. Vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern geht diese jedoch nicht weit genug. Horst-Ingo Kupfer, Verkehrsplaner der Stadt Offenbach, konnte aber einen positiven Ausblick geben: „Aktuell werden die Langstraße und die Offenbacher Straße von Kreisstraßen zu Gemeindestraßen herabgestuft. Das macht den Weg frei für Tempo 30. Beide Straßen bleiben dabei Vorfahrtsstraßen.“

Abschließend betonten die Fachleute der Verwaltung, dass sie sich über die positive Resonanz auf die Bürgerbeteiligung freuen. „Wir laden alle Anwohner ein, sich weiterhin zu beteiligen und am dritten Spaziergang zum Thema Barrierefreiheit und Senioren teilzunehmen.“ Der Rundgang startet am Dienstag, 13. Juni, um 10 Uhr am Dalles.

2. Juni 2017