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Poetischer Hinterhof
© Quartiersmanagement Mathildenviertel
Sich in einem ganzen Stadtteil zu Hause fühlen? Wie soll das gehen in Zeiten von Corona, wo jeder Mensch sich nur in den eigenen vier Wänden bewegen soll? Wie können ein freundliches Miteinander und gute nachbarschaftliche Beziehungen im Mathildenviertel weiter wachsen, wenn direkte Begegnung und Austausch zwischen Menschen ein gesundheitliches Risiko darstellen? Diese Fragen treiben Julia Wahl und Jens Weber vom Quartiersmanagement Mathildenviertel seit Mitte März 2020 um. Sie waren mitten in den Vorbereitungen für das beliebte Mathildenplatzfest, als die Pandemie hereinbrach. Lockdown, Abstand halten und keine Veranstaltungen und Aktionen im öffentlichen Raum, so lautete die Losung. Ein Großteil des Handlungs- und Gestaltungsspielraums des Quartiersmanagements war damit mit einem Schlag in Frage gestellt. Aber das Quartiersmanagement fand eine Lösung: Das Veranstaltungsformat der „Hinterhofpoesie“. In diesem Format organisierte es am Sonntag, 2. August, ein erfolgreiches Nachbarschaftsevent unter Pandemiebedingungen.

„Aufgabe eines Quartiersmanagements ist es, für ein lebenswertes Wohnumfeld zu sorgen und gute soziale Beziehungen im Quartier zu stärken. Dabei die Bereitschaft der Bewohner zu stärken, sich aktiv für ihre Umgebung einzusetzen und mit ihnen gemeinsam gute Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen. Aber durch die Corona-Bestimmungen erschienen diese Aufgaben auf einmal in einem ganz anderen Licht“, erklärt die Quartiersmanagerin.

Das Quartiersmanagement reagiert schnell auf die neuen Corona-Bestimmungen. Für die Sprechstunden im Stadtteilbüro führen sie digitale Wege ein. Für die Kinder, die nicht zur Schule gehen dürfen, denken sie sich sinnvolle und schöne Angebote aus, die auch digital funktionieren. Aber wie funktionieren Austausch und Kommunikation mit den Bewohnern und die Nutzung und Gestaltung des öffentlichen Raums? Mit Astrid, einer Bewohnerin der Karlstraße, kommt Wahl auf dem Mathildenplatz ins Gespräch. Wie so häufig ist Corona das Thema Nummer eins. Während des Lockdowns war Astrid kaum aus dem Haus gegangen. Auf der Straße bummeln, Freunde treffen, all das vermisst sie. Und besonders vermisst sie Kulturangebote, Konzerte, Festivals, Lesungen.

Für selbständige Künstler und kleinere Kultureinrichtungen ist es derzeit schwer, ohne Auftrittsmöglichkeiten und Publikum zu überleben. Dabei sind gerade Kunst und Kultur Dinge, die das Leben in einem Quartier aufwerten. Und schon entsteht mit Astrid gemeinsam die Idee, einen der Hinterhöfe in der Karlstraße zur Bühne zu machen und sich einen Künstler einzuladen. Bewohnerin Astrid weiß auch schon wen: Samuel Kramer, ein junger Poet und Spoken-Words-Artist. Als die Quartiersmanagerin ihn fragt, ob er Lust hätte, eine kleine Session in einem Hinterhof der Karlstraße zu geben, sagt er sofort zu. Dazu mitnehmen möchte er seinen Freund und Pianisten Sascha Schirrmacher.

Der Rest läuft fast wie von selbst: Ein Nachbar erzählt es dem nächsten, die Idee macht die Runde, es wächst ein kleines Nachbarschaftsnetz, das sich durch die ganze Karlstraße und die benachbarte Krafftstraße zieht. Die Idee der „Hinterhofpoesie“ finden alle schön und viele sind bereit etwas beizutragen. Hubert und Marita, Bewohner der Karlstraße, bieten ihren Hinterhof als Bühne an, holen das okay ihres Eigentümers ein und sorgen für die Stromversorgung. Die Quartiersmanagerin koordiniert im Hintergrund, besorgt eine Minimalausstattung an Tontechnik, ein paar Bänke aus dem Stadtteilbüro und druckt Einladungsflyer, die sie in den angrenzenden Häusern verteilt. Als es soweit ist, bringen die Nachbarn der umliegenden Häuser Speisen und Getränke für ein leckeres Buffet für alle Gäste mit. Die Anwohnerinnen und Anwohner nehmen auf den Logenplätzen, ihren Balkonen, Platz. Weitere Gäste aus den umliegenden Häusern machen es sich im Hinterhof auf Bänken, Stühlen und Picknickdecken gemütlich. Und dann der Auftritt: Die jungen Künstler überraschen und faszinieren, packend, tiefsinnig und zugleich humorvoll ist die Wortakrobatik von Samuel Kramer. Sein besonderes Geschenk an die gesellige Runde der begeisterten Nachbarschaft: ein Gedicht an die Karlstraße (erhältlich unter https://samuelkramer.de ).

„Wohlfühlorte entstehen auch in den Hinterhöfen und durch gute Nachbarschaft. Die Hinterhofpoesie war mit Abstand die schönste Veranstaltung“, beurteilt Quartiersmanagerin Wahl ihre Veranstaltung am Ende zufrieden.

Bildinformation:

Blick in den Poetischen Hinterhof. Foto: Quartiersmanagement Mathildenviertel

Weitere Informationen sind erhältlich bei Julia Wahl unter E-Mail: wahlbsmfde  oder unter der Rufnummer 069 / 40 58 73 34.

Offenbach am Main, 24. August 2020