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Hauptbahnhof
© Stadt Offenbach

Zeitweise gab es einmal eine Gartenwirtschaft oder auch die temporäre Lounge Achtzehn:52. Genutzt hat das alles nicht, um den Bedeutungsverlust des Offenbacher Hauptbahnhofs aufzuhalten und das Gebäude wieder zu beleben. Dort, wo früher reger An- und Abreiseverkehr herrschte, betreten Reisende heute eine Halle mit blinden Scheiben leerstehender Verkaufsflächen rechts und links und Fahrkarten- und Getränkeautomaten in der Mitte. „Alles andere als eine Einladung für Ankommer und zudem nicht barrierefrei“, bilanziert Marion Rüber-Steins, Referatskoordinatorin Stadtentwicklung und Städtebau beim Amt für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement, die derzeitige Situation. Denn aktuell ist das Gebäude von der Kaiserstraße aus für Menschen mit einem Rollstuhl gar nicht und von der südlichen Marienstraße aus nur umständlich zu erreichen. Barrierefreiheit herstellen, Nutzungsideen für das Gebäude entwickeln und das umgebende Areal neu gestalten: Bereits im 2016 verabschiedeten Masterplan wurden punktuelle Eingriffsmöglichkeiten wie ein Radschnellweg auf Gleis 6 oder eine zweigeschossige Quartiersgarage ersonnen, die dem Quartier weitere zusätzliche positive Impulse geben sollen.

Station 11: Hauptbahnhof / Busbahnhof
Bei einem Stadtspaziergang im November 2015 wurde Entwicklungsmöglichkeiten für den Hauptbahnhof besprochen. © tresurban

Aus dem Mathildenviertel lernen

Rund um den Hauptbahnhof soll daher jetzt angegangen werden, was im Mathildenviertel bereits erfolgreich umgesetzt wurde: 2002 wurde das Quartier mit Geldern aus dem Förderprogramm Hessische Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt (HEGISS) mit einem Bündel an Maßnahmen erfolgreich aufgewertet. Der ehemals schlechte Ruf des ehemaligen Arbeiterviertels in der östlichen Innenstadt ist gewichen, heute sind Wohnungen und Flächen insbesondere bei Familien und Start-ups gefragt. Gelungen ist dies mit Mitteln der „Sozialen Stadt“, zu deren Philosophie es gehört, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen und das Quartier ganzheitlich zu denken. „Die Akteure vor Ort waren eingebunden und konnten wichtige Impulse geben“, so Rüber-Steins weiter.

Ein ähnlicher Turn-around soll jetzt auch in der Südlichen Innenstadt gelingen. Erste Ideen wurden mit Bürgern in einer ersten Beteiligungsphase 2015/2016 entwickelt. Dabei wurde insbesondere Hospitalstraße, Schäferstraße, Schillerplatz sowie die brachliegenden Garagen hinter der Lutherkirche als verbesserungswürdige Punkte identifiziert. Langfristig geht es darum, die Wohnqualität in dem Bereich zwischen Geleitsstraße, Starkenburgring, südliche Ludwigstraße, entlang der Feldstraße bis zur Bieberer Straße mit städtebaulichen Maßnahmen zu verbessern und lokale Ökonomien zu fördern, erläutert die Stadtplanerin. Das auf einen Projektzeitraum von 10 Jahren angelegte Förderprogramm ermöglicht zwar umfangreiche Maßnahmen, wie beispielsweise auch die Einrichtung eines Quartiermanagements, kann aber auf privates Engagement nicht verzichten.

Hauptbahnhof neu gedacht

Das Areal rund um den Hauptbahnhof hat viel von seinem ehemaligen Glanz verloren, seit 1995 die S-Bahn-Strecke in der Innenstadt eröffnet wurde. Heute halten über den Tag verteilt noch einige Regionalexpress- und Intercity-Züge auf vier von ehemals sechs Gleisen. Der Bedeutungsverlust der ehemaligen Trasse hat Spuren hinterlassen. Zahlreiche ungenutzte Flächen in und um das in den 1920er Jahren im Neo-Renaissance-Stil gebaute Gebäude haben die Stadtplaner um Marion Rüber-Steins bei zahlreichen Rundgängen ausgemacht. „Einen barrierefreien Zugang zu schaffen, ist ohne größere Eingriffe kaum möglich. Der Platz vor dem Gebäude ist für eine Rampe nicht ausreichend und auch der Zugang zu den Gleisen bleibt schwierig.“ Insgesamt betrachtet, findet auch Oberbürgermeister Horst Schneider, könne sich eine boomende Stadt wie Offenbach, ein solches Entree nicht leisten: Die Bahn als Eigentümer von Gebäude und Anlage kann von der derzeitigen Entwicklung der Stadt nur profitieren, „wenn sie mit der Regionaltangente Süd einen schienengebunden leistungsfähigen Verkehr herstellt, um die Wachstumsfähigkeit der Metropolregion zu erhalten.“ Schneider will das Thema noch während seiner Amtszeit weiter vorantreiben, so oder so sieht er die Bahn in der Pflicht „eine vernünftige Nutzung des Gebäudes zu gewährleisten.“

Der Ball liegt jetzt bei der Bahn

Dass die Funktionsfähigkeit erhalten bleiben muss, ist unbestritten. Zwei Varianten haben die Stadtplaner erarbeitet, Investitionen in unterschiedlichem Umfang erfordern beide. Die „kleine Lösung“ sieht die Errichtung eines Korridors an der Rückseite des Gebäudes zur Herstellung der Barrierefreiheit vor, Gebäude und die umliegenden Flächen blieben hierbei im Wesentlichen unangetastet.

Die umfangreichere Variante entkoppelt Gebäude und Gleiszugang, indem die ehemaligen Gütergepäcktunnel im beziehungsweise unter dem Nebenbahnhof nach Süden geöffnet werden und den bisherigen Zugang ersetzen. Damit entfällt die Funktion des derzeitigen Hauptgebäudes als Passagebahnhof und die Flächen können neu gedacht werden. „Die Bahn möchte das Gebäude am liebsten verkaufen, was bei der derzeitigen Nutzung schwierig ist“, weiß Rüber-Steins. Rund 10 Millionen Euro würde diese Variante kosten, mit nur rund 4 Mio. schlüge Variante 1 zu Buche. Für den Oberbürgermeister mehr als nur ein Rechenexempel, er plädiert für die Umsetzung des integrierten Handlungskonzeptes und hofft nun darauf, dass die Bahn das Potential der Stadt erkennt: „Die Bahn hatte bisher kein wirtschaftliches Interesse, aber die positive Entwicklung Offenbachs liefert uns gute Argumente.“

17.02.2017