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Das Grundwasser in Offenbach ist durch den letzten Sommer deutlich zurück gegangen und ist im Winterhalbjahr auch nicht wieder auf normale Werte gestiegen. An immer mehr Stellen in Offenbach werden daher Risse an privaten und öffentlichen Gebäuden gemeldet.

Wer auf Offenbacher Stadtgebiet in der Zeit sehr weit zurück reisen würde, bekäme nasse Füße: Vor 30 Millionen Jahren lag das Gebiet noch unter dem Meeresspiegel. Sedimente setzten sich ab. Auenlandschaften kamen und gingen. Bäume und Sträucher wuchsen und vergingen wieder. Daraus entstand, wofür der Offenbacher Untergrund bekannt ist: Neben und übereinander liegende Schichten aus Ton, Lehm, Stein oder Sand.

Für den Bau von Häusern bedeutet das immer wieder neu die Prüfung der Tragfähigkeit des Bodens und dessen Fähigkeit zur Aufnahme von Wasser. Mitunter steht die rechte Seite des neuen Hausfundamentes auf Ton, der bei extremem Wassermangel stark schrumpft, und die linke auf Stein.

Überall dort, wo vor allem Tonschichten vorhanden sind, zeigt der aktuelle Wassermangel im Offenbacher Boden immer deutlichere Spuren an Häusern. 

Wieso fehlt dem Boden in Offenbach Wasser?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen das Klima: trockene Sommer kombinieren sich mit schneearmen Wintern in den letzten 10 bis 15 Jahren. Aktuell werden in Offenbach unterdurchschnittliche Grundwasserstände gemessen – bis zu 140 Zentimeter ist das Wasser in Offenbach zurückgegangen. Das deckt sich auch mit hessenweit erhobenen Daten des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG).

„Die Niederschläge dieses Winters haben anders als in früheren Jahren nicht zu einer Erholung des Grundwassers in Offenbach geführt“, erläutert Sergej Justus von der Unteren Wasser- und Bodenschutzbehörde des Offenbacher Amtes für Umwelt, Energie undKlimaschutz.

„Allein die Veränderung in den letzten drei Jahren ist signifikant: Die Niederschläge haben sich 2018 fast halbiert, während die Zahl der heißen Tage extrem gestiegen ist“, erklärt Heike Hollerbach, Leiterin des Amtes für Umwelt, Energie und Klimaschutz.

Die Zahl der Sommertage über 25 Grad Celsius lag 2016 und 2017 bei 64 und stieg auf 106 Tage 2018 an. Die Zahl der heißen Tage über 30 Grad Celsius lag 2016 bei 15, 2017 bei 16 und 2018 bei 40 Tagen. Waren es 2016 1549 Sonnenstunden, gab es 2133 Stunden Sonne in 2018. Der Niederschlag sank von 807 Liter pro Quadratmeter in 2016 und 821 Liter pro Quadratmeter in 2017 auf 459,6 Liter pro Quadratmeter 2018.

Durch Hitze kann der Boden bis in fünf Meter Tiefe austrocknen. Dazu tragen auch versiegelte Flächen bei. Asphalt heizt sich an heißen Tagen auf bis zu 70 Grad Celsius auf.

Starkregen gelangt kaum in den Boden

Hoffnung bringen dabei auch extreme Regenfälle nicht, weil der Boden das Wasser nur ganz langsam aufsaugen kann. Bis dahin ist der Starkregen in die Kanalisation geflossen. Das freut zwar die Stadtwerke in Offenbach, weil der Kanal durchgespült wird – dem Boden fehlt aber das Wasser. Stattdessen führen die häufiger und punktuell auftretenden Starkregen zu überfluteten Straßen und Häusern.

Starkregen in der Mainstraße in Offenbach © Stadt Offenbach / Umweltamt

Drainagen statt Nutzgärten

Ältere Offenbacher erinnern sich noch an Flächen, die regelmäßig nass waren, weil zum Beispiel bei längerem Regen Wasser aus dem Wald abfloss. Auch Schächte füllten sich regelmäßig mit Wasser. An den früher feuchten Boden erinnert heute noch der Name „Nasses Dreieck“ – doch das Wasser ist verschwunden.

Verändert hat sich auch das Leben der Offenbacherinnen und Offenbacher. Noch vor 20 bis 30 Jahren nutzten die meisten Menschen ihren Garten für Nutzpflanzen, die regelmäßig bewässert wurden. Davon profitierte der Boden im ganzen Stadtgebiet. Viele frühere Nutzgärten sind Rasenflächen gewichen oder bebaut und damit versiegelt worden. Weil Trinkwasser aus der Leitung viel zu kostbar ist, können Gartenbesitzer nur mit Regenwasser wässern. Das hat früher gut funktioniert, heute sind die Sammelbehälter oft schon in der Hälfte des Jahres leer.

Probleme verursachen auch immer wieder an den Kanal angeschlossene Drainagen. Diese Drainagen sind in Offenbach verboten. Sie entwässern den umliegenden Boden und das Wasser fließt in den Kanal, statt im Boden versickern zu können. Geregelt ist das in der Satzung zur Grundstücksentwässerung.

Ton schlecht für Bäume

Auch Bäume entnehmen dem Boden fortlaufend Wasser, damit sie über ihre Blätter weiter Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln können. Durch das Verdunsten des Wassers aus den Blättern entsteht ein Vakuum, das neues Wasser aus den Wurzeln nachzieht. Auf diesem Weg ist allerdings nur die Erzeugung einer bestimmten maximalen Saugkraft möglich, die ausreicht, um Wasser aus Grob- und Mittelporen des Bodens zu entziehen.

Aus Tonschichten, die fast ausschließlich aus Feinporen bestehen, ist daher eine Wasserentnahme durch Bäume und andere Pflanzen pflanzenphysiologisch weitgehend unmöglich. Denn dazu wäre eine Saugkraft von 15 bar notwendig - das Wasser ist daher nicht für Bäume verfügbar. Auf Böden mit hohem Tonanteil sind Bäume daher ebenfalls die Leidtragenden. Ist das Wasser aus den Grob- und Mittelporen aufgebraucht, werfen die Bäume um zu überleben alle Blätter ab und versetzen sich in eine Art Winterschlaf. "2018 haben dies viele Bäume bereits im Juli getan, weil es im Boden kein Wasser mehr gab“, erläutert Manfred Harbich, Sachbearbeiter Grünwesen im Geschäftsfeld Stadtservice der Stadtwerke-Gruppe. 

Bäume können in manchen Fällen den bereits vorhandenen Austrocknungsprozess des Bodens zu einem geringen Anteil verstärken. Wesentlicher ist aber: Eine Austrocknung des Bodens durch Hitze und Rückgang des Grundwassers geht viel weiter und kann zu erheblicher Schrumpfung von Tonböden führen.

Durch die Erhitzung lockert sich das Bodengefüge (Ausdehnung) und gibt auch einen Anteil des nicht pflanzenverfügbaren Feinporenwassers der Verdunstung preis. Zu diesem Zeitpunkt haben Bäume in der Regel schon ihren Stoffwechsel heruntergefahren: Sie werfen ihr Laub vorzeitig ab als Schutzreaktion gegen Trockenheit und Hitze.

Verursacher von Schäden an Häusern sind Bäume vor allem bei leichten Gebäuden, wenn Wurzeln die Gebäude anheben.

Sinkt das Grundwasser, schrumpft der Ton

Unter Wassermangel kann Ton schrumpfen. Passiert das unter dem ganzen Fundament eines Hauses, ist es oft unproblematisch: Das ganze Haus senkt sich einfach. Je nach Bodenbewegung sind Höhenveränderungen bei Häusern um bis zu 80 Zentimetern zwischen Winter und Sommer bekannt. Erkennen lässt sich dies am besten mit Setzmarken. Schrumpft an einer Stelle unter einem Gebäude der Ton, an den anderen Stellen befindet sich aber nichtschrumpfender Boden, sackt das Haus an dieser Stelle ab und dokumentiert dies durch Risse. 

Verändern sich Risse an einem Gebäude sehr schnell, kann das verschiedene Ursachen haben. Zum Beispiel kann das ein Indiz für einen Defekt am Kanal sein - Wasser spült dann den stützenden Boden unter dem Haus weg. Dem Fundament fehlt dann die Auflage.

Mitunter verursacht aber auch ein benachbarter Bau das Problem: Die in den Boden übertragene größere Last kann das Nachbarhaus anheben. Ebenso stellen Gutachter immer wieder fest, dass Risse an benachbarten Gebäuden auftreten, wenn die Fundamente unterschiedlich tief im Boden stehen.

So wie Offenbach geht es auch einigen anderen Städten: Gerade werden auch aus Kassel Risse an Gebäuden gemeldet, wo es auch Tonböden gibt.

Weil die Folgen des Klimawandels noch viele Jahre Gebäude im Stadtgebiet beeinflussen, beschäftigt sich die Strategiegruppe zur Anpassung an den Klimawandel aktuell mit der Umsetzung der 2017 beschlossenen Ziele. 25 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Forschung, Kirche, Hochschule für Gestaltung, Stadtverwaltung und Stadtkonzern arbeiten hier zusammen.

„Für die Betroffenen ist ein Schaden am eigenen Haus immer eine Katastrophe. Gerade weil wir wissen, dass es viele Ursachen dafür geben kann, hinterfragen wir natürlich, wenn städtische Bäume als Ursache genannt werden. Da wir mit dem Geld der Steuerzahler haushalten müssen, können wir nicht Kosten für Gutachten zum Schaden am Haus übernehmen. Gerne stellen wir aber unsere Kompetenz zur Verfügung“, erklärt Stadtrat Paul-Gerhard Weiß 

In Kooperation mehrerer Ämter wurde eine Checkliste für die Analyse von Schäden an Gebäuden erstellt:

Gibt es einen städtischen Baum in der Nähe und sind alle anderen Ursachen gutachterlich ausgeschlossen, kann mit den Gutachten bei der Stadt die Fällung des Baumes beantragt werden. Die Gutachten werden von der Unteren Naturschutzbehörde für die gesetzlich geforderte Begründung der Fällgenehmigung benötigt. Damit die Gutachten alle Anforderungen erfüllen, kann beim Umweltamt eine Vorlage angefordert werden, für die Auftragsvergabe an den Gutachter. 

„Wenn wir verhindern wollen, dass die Stadt im Sommer noch weiter überheizt und wir Fahrverbote erlassen müssen, weil wir die Grenzwerte für Schadstoffe nicht einhalten können, brauchen wir mehr Bäume statt weniger“, erläutert Stadtrat Paul-Gerhard Weiß

Die Stadt Offenbach müsste eigentlich neben den vorhandenen im Stadtgebiet noch mehr Bäume für den Klimaschutz pflanzen. „Leider gehen uns inzwischen sogar die Flächen für neue Bäume aus – viele Bäume im Stadtgebiet stehen auch schon in sehr sparsam kalkulierten Pflanzlöchern“, betont Johannes Irgel, Leiter Grünwesen im Stadtwerke-Geschäftsfeld Stadtservice.

Städtische Bäume in Offenbach (ohne Wald):

(Bestand der im Baumkataster erfassten städtischen Bäume)

Standort

2016

2017

2018

Straßen + Parkplätze

10.596

10.554

10.655

Parkanlagen

6.728

6.774

6.880

Spielplätze

2.168

2.162

2.216

Friedhöfe

2.769

2.755

2.718

Summe

22.261

22.245

22.469

Weiterführende Informationen

Flächenverbrauch - Verlust der Bodenfunktionen © Bundesverband Boden e.V.
Klimawandel, Treibhauseffekt und globale Erwärmung in 3 Minuten erklärt © youknow - https://you-know.de
Klimawandel, Paris-Abkommen und das 2-Grad-Ziel in 3 Minuten erklärt © youknow - https://you-know.de