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Blick über den See
© Stadt Offenbach
Dem Schultheisweiher fehlt Sauerstoff: Gleich mehrere physikalische und chemische Prozesse setzen seit dem vergangenen Jahr dem Schultheisweiher massiv zu. Der Klimawandel sorgt dabei für hohe Temperaturen schon ab dem Frühjahr und wenig Frischwasser in Form von Regen für das stehende Gewässer. Für 2018 zeigen alle Messungen zum Wetter für Offenbach Ausreißer. Nach aktuellen Zahlen des Umweltbundesamtes lag Offenbach bundesweit zudem als ungewollter Spitzenreiter vorn bei den Tropennächten, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad gefallen ist (siehe Grafik Klimadaten).

Zentrales Problem ist jedoch die Überdüngung des Weihers. Zu viele Nährstoffe im Wasser führen auf mehreren Ebenen zum Sauerstoffmangel: Die Cyano-Bakterien vermehren sich eklatant – sterben aber beim nächsten Absinken der Temperaturen unter einen bestimmten Wert. Die Zersetzung der Lebewesen braucht jeglichen Sauerstoff auf. Eine dauerhafte Lösung bringt nur die Entfernung der Phosphate aus dem Schultheisweiher. Dazu wären teure Filteranlagen notwendig. Dazu werden teure Filteranlagen notwendig, wodurch Kosten von rund 600.000 Euro entstehen würden. Die Stadtverordneten wurden im letzten Jahr über diese Problemlage informiert.

In früheren Jahren konnten mit einer biologischen Fällung im Wasser gelöste Phosphate zumindest gebunden – wenn auch nicht aus dem Weiher entfernt werden. Durch die Kombination mit den Folgen des Klimawandels ist inzwischen eine Wasserschicht über dem Sediment des Weihers entstanden, die keinerlei Sauerstoff mehr enthält. Gleichzeitig sorgen bei Wassertemperaturen von 25 Grad die Cyano-Bakterien für eine Entkalkung des Wassers und immer höhere PH-Werte. Damit können aus dem Sediment vorher gebundene Phosphate wieder ins Wasser gelöst werden. Aus diesem Grund hat die Wirkung der Fällung in diesem Jahr nur kurz die Situation für den Weiher verbessert. Schon knapp sechs Wochen später waren die Phosphatwerte wieder erheblich angestiegen.

Zusätzlich erschweren die invasiven Krebsarten die Erhaltung einer für Fische und andere Lebewesen ausreichenden Wasserqualität: Im viele meterdicken Sediment des Weihers sind große Mengen an Phosphat gebunden – eingesickert über das Grundwasser. Wühlen unzählige Krebse im Schlamm, wird auch mehr Phosphat gelöst.

Von oben sorgen seit einigen Jahren sowohl die zahlenmäßig stark wachsende Schar der Wasservögel (insbesondere Kormorane) und die eingewanderten Wildgänse für noch mehr Nährstoffe in Form von Phosphat – auch weil sie den Uferbereich als Toilette nutzen und die Stoffe von da in den Weiher sickern.

Sauerstoff brachten die bis 2017 im See vorhandenen Wasserpflanzen – sie produzieren durch Photosynthese Sauerstoff. Leider hat der Rote Sumpfkrebs den Wasserpflanzen den Garaus gemacht.

Größere Gewässer mit einem natürlichen Zu- und Ablauf können den Folgen des Klimawandels besser standhalten. Durch die Bewegung kommt mehr Sauerstoff in das Wasser und es werden auch Materialien weggespült. Für den Schultheisweiher gibt es jedoch keine Möglichkeit, ihn in ein fließendes Gewässer umzuwandeln. Der naheliegende Main liefert keine ausreichenden Wasserqualitäten für ein Badegewässer und verschlechtert auch das Naturschutzgebiet, da in ihn die Abwässer der kommunalen Kläranlagen eingeleitet werden. Damit ist das Wasser nicht nur zum Baden ungeeignet – auch für die Fische, Wasservögel und die Wasserpflanzen, verschlechtern sich die Bedingungen durch die hohen Nitrat- und sonstigen Nährstoffeinträge. Alle Maßnahmen in einem Naturschutzgebiet müssen zudem vorab mit den Aufsichtsbehörden abgestimmt werden, die eine Einleitung von Wasser aus dem Main nicht genehmigen würden. 

Der jetzige Zustand des Sees ohne Wasserpflanzen, mit zu viel Nährstoffen wie Phosphat, zu hoher Wassertemperatur und zu viel Cyanobakterien (umgangssprachlich „Blaualgen“) sowie geringem Sauerstoffgehalt (in manchen Schichten sogar völlig fehlendem Sauerstoff) lässt sich nicht durch die Einspeisung von Sauerstoff über Fontänen oder Umwälzpumpen verbessern. Mit diesen Eingriffen geht immer eine Vermischung des sedimentnahen und nährstoffangereicherten Wassers mit dem Oberflächenwasser einher. Dadurch würde der Kreislauf aus Bakterien-Blüte und deren Absterben, steigende PH-Werte und abnehmender Sauerstoffgehalt, noch weiter angekurbelt und noch mehr Phosphat in den Schultheisweiher eingebacht.  

Genug Sauerstoff würde der Weiher selbst produzieren, wenn er wieder normal mit Wasserpflanzen bewachsen wäre und der Eintrag von Phosphaten gestoppt - sowie die vorhandenen Phosphate entfernt werden könnten. Eine geeignete Maßnahme dafür wäre die externe Reinigung des Wassers, bei das Phosphat entfernt wird, bevor das Wasser als Frischwasser in den Weiher zurückkommt. Dieses Vorgehen ist allerdings sehr kostenintensiv und muss erst durch eine Finanzierung im städtischen Haushalt ermöglicht werden.

Der akute Sauerstoffmangel durch hohe Wassertemperaturen und die folgende plötzliche Abkühlung hat zunächst die Cyanobakterien im Schultheisweiher absterben lassen. Bei den Zersetzungsprozessen wurde der restliche Sauerstoff aufgebraucht. Das hat am vergangenen Wochenende ein Fischsterben ausgelöst. Über die Möglichkeit, dass eine kritische Lage eintreten könnte, wurde bereits in der Woche vorher der Naturschutzbeirat – in dem auch die Angelvereine vertreten sind – informiert. Alle Beteiligten, das Umweltamt, die Obere Fischereibehörde und der Berufsfischer haben sich am Montag abgestimmt und ein Verfahren zur Lösung besprochen. Die erforderliche Genehmigung wurde eingeholt. Durch Elektrobefischung wurden am Dienstagmorgen  überlebende Fische und Aale eingesammelt. Es wurden 45 Fische umgesiedelt und die toten Fische entfernt.

In Abstimmung mit der Oberen Fischereibehörde, der Oberen Wasserbehörde und dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie wurden weitere Schritte zur Messung von Phosphat und Sauerstoff vereinbart. In der nächsten Woche werden die Untersuchungen fortgeführt und mit der Aufsichtsbehörde abgestimmt. Weiterführende Maßnahmen sind erst möglich, wenn dafür Finanzmittel bereitstehen.

Je nach Wetterlage verändert sich in den kommenden Wochen – wie bereits im letzten Jahr angekündigt – die Sauerstoffkonzentration im Schultheis-Weiher. Es kann daher jederzeit wieder zu einer für die Fische bedrohlichen Situation kommen. Die zur Bekämpfung des Sumpfkrebses eingesetzten und jetzt entfernten Aale müssen im Herbst ersetzt werden. Der Besatz des Weihers mit Aalen auf Basis einer Sondergenehmigung des Regierungspräsidiums hat zuletzt rund 1.700 Euro gekostet.

21. Juni 2019