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Stadtarchivarin Anjali Pujari mit der Neuerwerbung
© Peter Thomas
Das Archiv im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte hat ein Buch aus der Anwaltsbibliothek von Siegfried Guggenheim neu in seinen Bestand aufgenommen. Der Band des „Zentralblattes für freiwillige Gerichtsbarkeit und Notariat sowie Zwangsversteigerung“ aus den Jahren 1906 bis 1907 ist eine Schenkung der Bibliothek des Juristischen Seminars der Universität Bonn.

„Dieser Neuzugang ist eine wertvolle Ergänzung unseres Bestandes“, freut sich Stadtarchivarin Anjali Pujari, „zum ersten Mal besitzt das Stadtarchiv Offenbach nun ein Buch aus der Arbeitsbibliothek Siegfried Guggenheims. So können wir sein Wirken als Rechtsanwalt und Notar in unserer Stadt aus einer neuen Perspektive dokumentieren“.

Bei dem Buch aus der Bibliothek des Offenbacher Ehrenbürgers und Rechtsanwaltes handelt es sich um einen Band des „Zentralblattes für freiwillige Gerichtsbarkeit und Notariat sowie Zwangsversteigerung“. Enthalten sind die Ausgaben von Juli 1906 bis Juni 1907. Die juristische Fachzeitschrift erschien von 1901 bis 1922 im Leipziger Verlag Dieterich‘sche Verlagsbuchhandlung. Nach Offenbach kam das historische Buch durch eine großzügige Schenkung der Bibliothek des Juristischen Seminars der Universität Bonn.

Wer das juristische Fachbuch aufschlägt, begegnet auf dem Vorsatzblatt einem Exlibris mit dem Konterfei Siegfried Guggenheims als junger Mann. Der Rechtsanwalt sitzt an seinem Schreibtisch, er ist vornehm mit Stehkragen und Seidentuch gekleidet und zeigt einen entschlossenen Gesichtsausdruck. Vor ihm liegt ein Exemplar des Bürgerlichen Gesetzbuches. Rechts neben dem Fenster des Arbeitszimmers befindet sich auf einer geschwungenen Säule eine Statuette der Göttin der Gerechtigkeit, Justitia. Beide Objekte stehen in Zusammenhang mit Guggenheims Beruf. Der Blick aus dem Fenster zeigt die Westseite des Domes St. Peter zu Worms: Das mittelalterliche Bauwerk verweist auf Guggenheims Heimatstadt Worms, wo er 1873 geboren wurde. Auf der zweiten Seite des Buches ist schließlich ein Stempelabdruck der Unterschrift Guggenheims zu sehen.

Der Rechtsanwalt engagierte sich während seiner Offenbacher Zeit ab 1900 in zahlreichen Vereinen. 1933 wurde er Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Offenbach und setzte sich u.a. im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ für die staatsbürgerlichen Rechte jüdischer Bürgerinnen und Bürger ein. Sein großes Interesse für Buchkunst und die jüdische Tradition brachten u.a. die Offenbacher Haggadah hervor. Das liturgische Buch zum Passachfest gab er 1927 im Selbstverlag heraus. Die künstlerische Gestaltung übernahm Guggenheims Freund Rudolf Koch, der als Schriftkünstler in Offenbach wirkte und ein gläubiger Protestant war. Die Offenbacher Haggadah steht für die jüdische und christliche Verbundenheit in Deutschland vor dem Nationalsozialismus, für die Guggenheim Zeit seines Lebens einstand.

Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft wurde Guggenheims Wirken zunehmend eingeschränkt, im November 1938 deportierte man ihn in das Konzentrationslager Buchenwald. Dort blieb er nur vorübergehend, ihm gelang die Emigration mit seiner Familie einen Monat später in das US-amerikanische Exil. Als Siegfried Guggenheim 1961 starb, fand er seine letzte Ruhestätte seinem Wunsch nach auf dem jüdischen Teil des Alten Friedhofs, da er zeitlebens Offenbach verbunden blieb.