Sprungmarken
Aktuelles Wetter:bedeckt17°C
Suche
Suche

Seit dem preußischen Sieg über Österreich im Jahr 1866 gab es in Kreisen der französischen Politik ausgeprägte Befürchtungen um einen Verlust der Vormachtstellung Frankreichs in Kontinentaleuropa. Der aus dieser Situation fast notgedrungen folgende Krieg entzündete sich an der Frage, ob ein Angehöriger aus dem Hause Hohenzollern den spanischen Thron besteigen dürfte. Die französische Reaktion auf eine diplomatisch ohne Gesichtsverlust nicht zu Lösende Krise war die Kriegserklärung an Preußen, das im Kriegsjahr 1870/71 Unterstützung aus den zuvor zumindest neutralen, wenn nicht gar verfeindeten süddeutschen Staaten erhielt. Vorrangig Kriegs entscheidend für die deutsche Koalition war die Schlacht bei Sedan. In deren Verlauf geriet der französische Kaiser Napoleon III. in Gefangenschaft, woraufhin in Paris die Ausrufung der Republik erfolgte. Jedoch führte der unter Léon Gambetta ausgerufene „Volkskrieg“ keine Änderung des für Frankreichs ungünstigen Kriegsverlaufs herbei.

Der „gesamtdeutsche“ Sieg wurde als Signum für die Berufung der Deutschen zu „Größe und Einheit“ gedeutet. Im nationalen Überschwang, getragen von der Rückbesinnung auf mittelalterliche Größe, wurde überdies die Annexion des längst frankonisierten Elsass und Lothringens vollzogen. Der Vorgang, durch Otto von Bismarck forciert, wurde von den meisten politischen Parteien begrüßt und stieß nur auf geringe und aussichtslose Opposition.

Am 18. Januar 1871 wurde der Akt der Reichsgründung offiziell vollzogen. Die Kaiserproklamation, durchgeführt vor den versammelten deutschen Fürsten im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, war letztlich ein preußisch–militärisches Schauspiel, eine Selbstinszenierung des Feudalstaates. Doch auch auf die Euphorie des „einfachen Volkes“ muss verwiesen werden, welches durch die Erhebung zu nationaler Größe eine Verbesserung der eigenen Lebensumstände erhoffte. Solche Hoffnungen wurden nur bedingt erfüllt, wie sich in der Folgezeit erweisen sollte. Innere Spannungen im neuen Reich waren somit auf Dauer kaum zu überdecken, geschweige denn aufzuheben.

Das deutsche Kaiserreich von 1871 wurde von einem ungleichen Bündnis zwischen der nationalen und liberalen Bewegung sowie der konservativen preußischen Staatsführung gestützt. Diese grundsätzlich in ihren Interessen widerstrebenden Kräfte mussten notgedrungen schlecht austarierte Kompromisse eingehen, die bereits der zeitgenössischen Kritik extrem instabil erschienen. Während bereits 1848/49 ein Verfassungsstaat auf Grundlage der Volkssouveränität angestrebt worden war, bleib das 1871 formierte Reich ein monarchischer Obrigkeitsstaat.

Die Gründerjahre

Im neuen Nationalstaat wurde der Kampf gegen die oppositionelle Sozialdemokratie ein wesentlicher Aspekt der staatlichgesellschaftlichen Gegebenheiten. Bismarcks hierzu erlassene „Sozialistengesetze“ verhinderten letztendlich die Integration der Arbeiterschaft. Eine offizielle Begründung für diese Politik wurde in zwei gescheiterten Attentatsversuchen auf Kaiser Wilhelms I. gesucht. Ein Nebeneffekt der Sozialistengesetze war eine Spaltung der Nationalliberalen Partei, deren Mitglieder zu einem großen Teil den entsprechenden Gesetzen und Verordnungen widersprochen hatten. In der zeitgenössischen Kritik wurde daher die Vermutung geäußert, dass Bismarck die Liberalen mit jenen Gesetzen und Verordnungen ebenso ins Visier genommen habe wie die Sozialdemokratie. Jedoch fand die Nationalliberale Partei ihrerseits kein Konzert zur Lösung drängender sozialer Fragen, wobei die von Bismarck angeregte Sozialgesetzgebung, die das positive Gegenstück zu den Verfolgungsgesetzen darstellen sollte, von den Nationalliberalen abgelehnt wurde.

Die Bismarcksche Sozialpolitik hatte nicht zuletzt das Ziel, durch materielles Entgegenkommen die Arbeiterschaft mit der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung auszusöhnen. Diese Absicht schlug jedoch fehl. Das gesellschaftspolitische Klima des deutschen Kaiserreiches war vielmehr von einem schroffen Gegensatz zwischen den Organisationen der Arbeiter und den nach dem Krisenjahr 1873 entstandenen Interessenverbänden von Industrie und Agrarwirtschaft geprägt. Der wirtschaftliche Aufschwung der Gründerjahre war durch die Reichsgründung von 1871 benannt und verursacht worden, ebbte jedoch mit der Krise von 1873 ein wenig ab. Dennoch blieb die Nachfrage nach Arbeitskräften weiterhin enorm. Gedeckt wurde dieser Bedarf vor allem aus den ostdeutschen Gebieten. Von dort hatten bereits seit den 1860er Jahren Wanderungsbewegungen ehemaliger Landarbeiter insbesondere in die Industriestädte des Ruhrgebiets stattgefunden.

Allerdings war mit diesen Wanderungen keineswegs eine Entschärfung der sozialen Krisen verbunden – das Gegenteil war der Fall. Neue Wege der Eisenerzverhüttung als Grundlage der Stahlproduktion, wie auch allgemein Fortschritte in der chemischen Industrie aber auch der Landwirtschaft, führten zu einem steigenden Wohlstand der neuen „Industriebarone“. Diese versuchten, an den gesellschaftlich dominierenden Adel aufzuschließen und blieben für politische Änderungen weitgehend unempfänglich.

Die Impulse der Reichseinigung von 1871 und französische Kontributionszahlungen hatten in jenen Gründerjahren zu einem raschen Wachstum der deutschen Wirtschaft geführt. Eine damit verbundene Welle von Unternehmensgründungen zwang den Industriestädten aber ein oft unorganisches Wachstum auf, welches meist irreparable Folgen nach sich zog. Der Börsenkrach, der 1873 von Wien nach Berlin übergesprungen war und gewaltige Kursverluste nach sich gezogen hatte, beendete diese Phase des Aufschwungs. Konkurse waren nun an der Tagesordnung, und vor allem diejenigen Unternehmen, die ohne solide Basis auf wachsende Märkte spekuliert hatten, brachen zusammen. Eine Folge dieser Entwicklung war der Zusammenschluss zu Konzernen und Trusts, die Marktschwankungen besser abfedern und eine marktbeherrschende Position sichern sollten. Psychologisch führte der Wachstumsrückgang zu einer Verunsicherung und Unzufriedenheit des Bürgertums.

Die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs waren auch mit dem Entstehen eines „echten“ Industrieproletariats verbunden. Zu beobachten war der soziale Abstieg von Handwerkergesellen und sogar kleinen Handwerksmeistern, die sich in den entstehenden Fabriken verdingen mussten. Das soziale Elend der Arbeiter war unbeschreiblich. Karitative Vereine entstanden, die deren Not lindern sollten. Allerdings blieb dies ein Kurieren an Symptomen: Gegen die Ursachen dieses Elends wandten sich die in der Folgezeit entstehenden, unter sozialistischen Vorzeichen agierenden Arbeitervereine.

Die frühen Jahre des Reichs waren trotz aufbrechender Interessenkonflikte von einem zumindest im weitesten Sinne liberalen Klima geprägt. Bereits 1878/79, nach den Attentaten auf den Kaiser, änderte sich dies: Die Beamtenschaft in Regierung und Verwaltung wurde weitgehend durch Anhänger eines grundkonservativen Kurses ersetzt; die liberalen Minister in Preußen traten zurück. Eine Neuorganisation der Reichsbehörden und eine Finanzreform verstärkten letztlich die Macht des Reichskanzlers. Die späte Bismarck-Epoche stand im Zeichen einer von Junkern (Großgrundbesitzern im Osten), Schwerindustriellen und konservativer Staatsführung getragenen Interesseneinheit. Mit der Entlassung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1890 war dennoch kein grundsätzlicher Politikwechsel verbunden.

Der junge Kaiser wollte lediglich sein „eigener Kanzler“ sein, die bereits unter Bismarck deutlich zurückgedrängten parlamentarisch-demokratischen Elemente verloren im Reich weiter an Bedeutung. Durchaus ambitionierte innenpolitische Veränderungen scheiterten an mangelnder Kompetenz. Auch der Versuch, die Sozialdemokratie durch Aufhebung der Sozialistengesetze an den Staat zu binden, scheiterte zunächst. Auf außenpolitischem Feld führte der neue Kurs, festzumachen etwa an der Flottenaufrüstung, zu Irritationen, als deren Folge ein Zusammenschluss der Großmächte Russland, England und Frankreich sowie die deutsche Isolation zu sehen sind. Die weltpolitischen Ambitionen der europäischen Großmächte führte schließlich zu einer blinden „Flucht nach vorn“ – hinein in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges. Auch die sozialdemokratische Fraktion im Reichstag bewilligte ab 1914 Kriegskredite. Der „Burgfriede“ der politischen Parteien und die nationale Euphorie zu Kriegsbeginn waren jedoch nicht von langer Dauer.

Mit der Krisensituation des Krieges verschärften sich auch innenpolitische Gegensätze, wobei über die Frage eines Verständigungsfriedens oder eines Friedens durch Sieg – mit weit reichenden Annexionen – heftig gestritten wurde. Die Radikalisierung der politischen Landschaft zeigte sich in der Gründung der Vaterlandspartei auf der äußersten Rechten und des Spartakusbundes auf der äußersten Linken.

Die Parteienlandschaft

Die Parteinlandschaft des Weltkrieges offenbarte innenpolitische Brüche, die sich bereits in den Friedensjahren angekündigt hatten. Die entscheidend durch Otto von Bismarck geprägte Verfassung von 1871 garantierte dem Reichskanzler eine erhebliche Machtfülle, von der Bismarck als erster Reichskanzler denn auch regen Gebrauch gemacht hatte. Durch diese Machtfülle war der prinzipiell vorhandene parlamentarisch-demokratische Anteil der Reichspolitik stark relativiert worden. Maßgebend war das preußische Dreiklassenwahlrecht, das stimmberechtigte Bürger nach ihrem Steueraufkommen in drei Klassen einteilte. Die Vertreter der Arbeiterbewegung waren damit ebenso benachteiligt wie durch den besonderen Zuschnitt der Wahlkreise in den industriellen Ballungsgebieten, der dortige sozialdemokratische Wahlerfolge unterlaufen sollte. Dennoch gelang es der SPD im Jahr 1912, im Reichstag die stärkste Fraktion zu stellen. Organisationen wie die Nationalliberale Partei oder die linksliberalen Parteien Deutsche Volkspartei und Deutsche Fortschrittspartei, die sich 1910 zur Fortschrittlichen Volkspartei zusammenschlossen, die „staatstragende“ Deutsch-Konservative Partei, die antiparlamentarisch ausgerichtete Reichspartei sowie das katholisch geprägte Zentrum und selbstverständlich die SPD, waren wichtige gesellschaftliche Kräfte im deutschen Kaiserreich. Außerparlamentarische Interessenverbände von Unternehmern und Großgrundbesitzern oder aber die Gewerkschaften prägten das soziale Leben in ebensolchem Maße. Entscheidend blieb jedoch – vor allem im Ersten Weltkrieg – die herausragende Rolle des Militärs. Das Fehlen des Primats der Politik über das Militär führte zur verhängnisvollen Einflussnahme hoher militärischer Führer auf das politische Entscheidungsgeschehen.

Der Erste Weltkrieg

Nationalismus innerhalb der politischen Ideen erschien im 19. Jahrhundert nicht auf den deutschen Raum beschränkt. Insbesondere die politischen Vordenker der slawischen Völker Ostmitteleuropas, vor allem auf dem Balkan, waren an der Errichtung eigener Nationalstaaten interessiert. Vor diesem Hintergrund ist die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau durch einen serbischen Nationalisten am 28. Juni 1914 in Sarajewo zu sehen. Der österreichische Versuch, die „serbische Frage“ nun endgültig zu lösen, führte zur Verwicklung eines Deutschen Reiches auf der anderen Seite in einen zunächst regional erscheinenden, sich schließlich zum Ersten Weltkrieg ausweitenden Konflikt.

Die nationale Euphorie der Augusttage 1914 erfasste alle Kriegs teilnehmenden Nationen. Durch Garantieerklärungen an Österreich gebunden, doch gleichzeitig militärisch der feindlichen „Entente cordiale“ unterlegen, schien der deutschen Heeresführung ein völkerrechtswidriger Angriff auf Belgien Erfolg versprechend. Der Bewegungskrieg im Westen lief sich jedoch bald fest, weshalb das Kriegsgeschehen an der Westfront nahezu durchgängig durch einen zermürbenden Stellungskrieg geprägt bleib. Trotz lediglich minimaler territorialer Gewinne kostete dieser Millionen von Soldaten das Leben. Der „schwarze Tag“ des deutschen Heeres, der 8. August 1918, brachte durch alliierten Panzerdurchbruch nach fast vierjährigem Patt eine Vorentscheidung, deren Weichenstellung jedoch bereits mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1917 erfolgt war.

Der Kriegsverlauf an der Ostfront war zunächst von russischen Erfolgen bestimmt, ehe es General Paul von Hindenburg gelang, die „russische Dampfwalze“ in den Kesselschlachten von Tannenberg und an den Masurischen Seen zum Stehen zu bringen: Das „Wunder von Tannenberg“ brachte nicht nur militärischen Ruhm für Hindenburg, sondern führte nachfolgend auch dazu, dass jener erklärte Antidemokrat in der Weimarer Republik – gewählt aufgrund seines damals gewonnenen Ansehens – das Amt des Reichspräsidenten übernehmen konnte. Trotz zahlenmäßiger Überlegenheit war die Kriegsführung der russischen Armee nicht von Erfolg gekrönt. Unruhen im Zarenreich wurden von deutscher Seite dadurch angeheizt, dass die Oberste Heeresleitung im Jahr 1917 dem Vordenker der russischen Bolschewiki, Wladimir Iljitsch Lenin (eigtl. Uljanow), den Transit in einem verplombten Eisenbahnwaggon gestattete, womit ein wesentliches Moment zur Auflösung der Oktoberrevolution gegeben war. Die durch Bürgerkrieg geschwächten Führer der jungen Sowjetunion mussten sich dann im März 1918 dem Frieden von Brest-Litowsk beugen. Die UdSSR verlor die ehemaligen westlichen Provinzen Russlands, die Ukraine wurde ein selbstständiger Staat.

Bereits 1916 hatten die politischen Kräfte in Deutschland einen Ausgleichsfrieden mit den westlichen Kriegsparteien zu finden gesucht, was diese jedoch ablehnten. Mit dieser Ablehnung verbunden war eine Stärkung derjenigen Kräfte im Reich, die einen Frieden durch Sieg über die Kriegsgegner favorisierten. Die Entlassung des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg war eine wesentliche Station dieser Neuorientierung, denn sein Nachfolger Michaelis setzte dem Einfluss der Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff keinen Widerstand mehr entgegen. Das Militär hatte nunmehr auch die politischen Entscheidungsgremien unter seiner engsten Kontrolle. Dennoch beabsichtigten SPD, Zentrum und Fortschrittliche Volkspartei, über einen „interfraktionellen Ausschluss“ einerseits eine parlamentarische Monarchie zu bewerkstelligen, andererseits die Regularien für einen Verhandlungsfrieden zu schaffen, womit im Jahr 1917 die Grundlage einer Friedensresolution des Reichstages gegeben war. Radikale Abgeordnete der SPD spalteten sich in der Folgezeit von der Mehrheitssozialdemokratie ab und formierten sich in der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei). Anschluss an diese neue Linkspartei suchten auch Aktivisten unter der Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, aus deren Kreis sich später die KPD entwickelte.

Die militärische Entwicklung sowie innenpolitische Krisen ließen auch Wilhelm II. nicht unbeeindruckt. Der Kaiser stellte eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts in Aussicht. Die zaghafte Umsetzung solcher Ideen erfolgte allerdings erst, nachdem die militärische Lage bereits aussichtslos geworden war. In den so genannten „Oktober-Reformen“ von 1918 wurde unter dem neuen Reichspräsidenten Prinz Max von Baden der entscheidende Schritt in Richtung auf ein parlamentarisch-monarchisches Regierungssystem unternommen. Dieser Schritt erschien jedoch durch die nur einen Monat später bei Kriegsende sich überschlagenden Ereignisse obsolet. Jener letzte Versuch einer Reform hatte das Ende der Monarchie nicht verhindern können. Stattdessen bot er die Möglichkeit einer Entlassung der Militärs aus der politischen Verantwortung für das Kriegsende, womit die „Dolchstoßlegende“ aufkommen konnte. Letzterer erzählte vom Verrat, den die liberalen und linken Politiker am „im Felde ungesiegten“ Heer gegangen hätten.

Änderungen der kommunalen Strukturen

Offenbach wurde seit dem Jahr 1824 von ehrenamtlichen Bürgermeistern regiert. Nachdem deren Stellung 1874 hauptamtlich geworden war, wurde 1887 das Amt des Oberbürgermeisters eingeführt. Offenbachs erster Oberbürgermeister wurde Wilhelm Brink, der schon in den Jahren 1883 bis 1887 als Bürgermeister regierte. In dessen bis 1907 dauernde Amtszeit fallen etliche Modernisierungen der Stadt. Im Jahre 1887 wurde eine feste Mainbrücke errichtet, welche die alte Schiffsbrücke am Schloss überflüssig machte. Bereits 1884 war mit der Straßenbahnlinie nach Frankfurt reichsweit die zweite elektrifizierte Straßenbahn eröffnet worden. Dabei steht die Straßenbahn in einem gewissen Zusammenhang zur Eingemeindung Bürgels: Am 20. Oktober 1907 fuhr erstmals die Straßenbahnlinie 20 in voller Streckenlänge nach Bürgel; am 1. April 1908 wurde Bürgel zum Vorort Offenbachs erklärt. Weitere Maßnahmen zur Verbesserung der kommunalen Infrastruktur fallen ebenso in Brinks Epoche: Die Neubefestigung des Mainufers in den Jahren 1890 bis 1893, die Eröffnung des neuen Stadtkrankenhauses 1894, ab 1900 Planung und Realisierungsbeginn eines als Anlagenring um die Stadt gelegten Grüngürtels (dessen vollständige Umsetzung allerdings erst dreißig Jahre später gelang), ab 1902 die Inbetriebnahme des Mainhafens, der Hafenbahn, des Elektrizitäts- und des Wasserwerks, 1904 schließlich die Indienststellung des Städtischen Schlachthofs.

Auf politischer Ebene brachten die Jahre 1906 und 1907 wesentliche kommunalpolitische Veränderungen für Offenbach. So wurde der Sozialdemokrat Leonhard Eißnert, der später als „Vater der Offenbacher Anlagen“ bezeichnet wurde, im Jahr 1906 zum ehrenamtlichen Beigeordneten gewählt. Wichtiger als jene Wahl, die einer kleinen Sensation gleichkam, war deren Bestätigung durch den Großherzog. Im Jahr 1907 wurde dann Dr. Andreas Dullo von der Fortschrittspartei gegen den Widerstand bürgerlicher Gruppen zum Nachfolger des nationalliberalen Wilhelm Brink in das Amt des Oberbürgermeisters gewählt. Die Kommunalwahlen am 18. November des gleichen Jahres brachten nun einen knappen Sieg der vereinigten bürgerlichen Parteien über die Sozialdemokraten.

Als Offenbacher Rathaus galt einst die „Mehlwaage“ am Marktplatz. Im Jahr 1858 war der Sitz der Stadtverwaltung in die ehemalige isenburgische Hofhaltung, ins Stadthaus am Aliceplatz verlegt worden. 1920 schließlich wurde das Büsingpalais in der Herrnstraße erworben und als Rathaus eingerichtet. Bereits 1943 zerstörten alliierte Luftangriffe das Palais. Die Verwaltung setzte in verschiedenen Gebäuden, die innerhalb der Stadt verteilt waren, bis zum Rathausneubau von 1971 ihre Arbeit fort.

Kurstadt Offenbach

Ende des 19. Jahrhunderts wäre Offenbach beinahe die Ehre zuteil geworden, in die reihe der deutschen Kurstädte aufgenommen zu werden. Als der Brauereimaschinenbesitzer Adam Neubecker im Jahr 1888 auf seinem Firmengelände an der Ludwigstraße eine Bohrung nach Wasser veranlasste, wurde die Suche in 249 Metern Tiefe belohnt. Allerdings taugte das Wasser aufgrund seiner Temperatur von 19°Celsius nicht zur Maschinenkühlung oder Kunsteisherstellung. Hingegen ergab eine chemische Analyse einen hohen, für medizinische Nutzung geeigneten Natron-Lithium-Wert.

Moderne Infrastrukturen

Wichtig erschien eine Verbesserung der Verkehrsanbindungen, womit vor allem auch die Mobilität der Arbeiter erhöht werden sollte. So wurde im Jahr 1873 mit dem Bau eines Bahnhofs- als wesentlichem Element der verkehrstechnischen Modernisierung – Offenbachs Anbindung an die Bahnlinie Frankfurt-Hanau-Bebra vollzogen. Ursprünglich weit außerhalb, südlich der Stadt im freien Feld gelegen, bot die Lage des Bahnhofs anfangs Anlass zu Kritik und Spott. Nur wenige Jahre später lagen Bahnstrecke und Bahnhof innerhalb des Stadtgebietes und durchschneiden es bis zur Gegenwart.

Um weitere Arbeitskräfte in die Stadt zu führen, wurden kurz vor der Jahrhundertwende die Linien Offenbach – Ober-Roden (1896) und Offenbach – Dietzenbach (1898) in Betrieb genommen. Für den „kurzen Weg“ nach Frankfurt war bereits 1884 die erwähnte Straßenbahnlinie der „Frankfurt-Offenbacher Trambahn-Gesellschaft“ (FOTO) eröffnet worden, welche den Offenbacher Mathildenplatz mit der Alten Brücke in Frankfurt verband und im Volksmund den bezeichnenden Namen „Knochemiehl“ trug. Trotz der Unkomfortabilität dieser Knochenmühle war die Bahn insbesondere für Kinder eine Attraktion – vor allem dann, wenn sie mit der Straßenbahn „Wettläufe“ veranstalten konnten.

Auch die Mainschifffahrt diente der Anbindung Offenbachs. Bereits im Jahr 1842 hatte das erste Dampfschiff den Main bei Offenbach befahren. Allerdings dauerte es bis 1863, ehe es zu einer regelmäßigen Dampfschiff-Verbindung kam, und zwar zwischen Offenbach und – Köln. Das Jahrhunderthochwasser von 1882, das im benachbarten, seinerzeit noch nicht eingemeindeten Bürgel vier Todesopfer gefordert hatte, führte in der Folge zu einem von Bürgermeister Brink forcierten Uferausbau. Mit dieser Maßnahme war im Jahr 1887 die Errichtung einer neuen Mainbrücke verbunden, zudem wurde die bereits im Frankfurter Gebiet begonnene Kanalisierung des Flusses in Offenbach fortgesetzt. Projektiert war überdies ein neues Hafengebiet, das sich von der Mainbrücke bis zum geplanten Mainpark erstrecken und im Süden durch den Nordring begrenzt sein sollte. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts, am 15. September 1902, wurde der neue Hafen feierlich eröffnet, und auch eine Hafenbahn wurde in Betrieb genommen.

Als sich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts allgemein der Wunsch nach saisonal unabhängigen Badevergnügungen erhoben hatte, bildete sich 1885 ein auf Privatinitiative beruhender Stadtbadverein. Dieser Verein war erfolgreich, konnte doch bereits zwei Jahre später ein Hallenbad in der Herrnstraße eingeweiht werden, das zu den ersten Badepalästen in Deutschland gehörte. Nach achtjähriger privater Trägerschaft ging das Bad in städtischen Besitz über; nach mehr als einhundertjährigem Betrieb wurde es 1992 geschlossen.

Auf jenem Weg der Modernisierung von Infrastrukturen war die 1894 erfolgte Eröffnung des städtischen Krankenhauses nach dreijähriger Planungs- und Bauzeit ein weiteres wichtiges Element: Nun waren medizinische Betreuung und Pflege auf eine zeitgemäße Qualitätsstufe gebracht.

Grundsätzlich war mit der Reichsgründung von 1871 ein allgemeiner Aufschwung verbunden, der sich vor allem mit der Entstehung und verstärkten Entwicklung einer Offenbacher Maschinenindustrie verbinden lässt. Aber auch Textil- , Lederwaren- und chemische Industrie vermochten im Aufschwung der Gründerjahre die Wirtschaftskraft Offenbachs zu beflügeln. Die steigende Nachfrage nach Wohnraum führte dazu, dass beispielsweise zu Wohlstand gekommene Maurermeister durchaus erfolgreich in der Lage waren, den Sprung zum Bauunternehmer zu schaffen.

Das beginnende 20. Jahrhundert war durch den Bau neuer Gotteshäuser gekennzeichnet. Nachdem die Notkirche St. Marien bereits 1911 abgerissen worden war, wurde 1913 deren Neubau an der Bieberer Straße geweiht. Nahezu zeitgleich wurden zwei protestantische Kirchen gebaut: Die Friedenskirche in der Geleitsstraße und die Lutherkirche in der Waldstraße.

Schließlich wurde am 16. April 1916, also bereits mitten im Ersten Weltkrieg, die an der Ecke Kaiserstraße/Goethestraße erbaute Synagoge durch die jüdische Gemeinde eingeweiht. Das alte Gemeindezentrum an der Großen Marktstraße und die dortige Synagoge sind kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges abgerissen worden.

Krisen vor Kriegsausbruch

Für das ausgehende 19. Jahrhundert lassen sich verschiedene negative Entwicklungen festmachen: Die stark gestiegenen Löhne des benachbarten Frankfurt zogen etliche Arbeitskräfte aus Offenbach ab. Primäre Folge war ein spürbarer Mangel an Arbeitskräften in Offenbach. In weiterer Konsequenz zogen arbeitsintensive Gewerbezweige, die einst den „ersten“ industriellen Aufschwung Offenbachs bewirkt hatten, etwa die Tabak- oder Zigarrenverarbeitung, aber auch das traditionelle Textilgewerbe, in den näheren oder ferneren Umkreis der Stadt. Im Lederwarensektor fand gegen Ende des 19. Jahrhunderts zudem eine Verstärkung des Heimarbeiteranteils statt. In dieser Epoche lassen sich gegen Ende des Jahrhunderts auch die ersten, für die deutsche Arbeiterschaft durchaus erfolgreichen Arbeitskämpfe beobachten. Den entsprechenden gewerkschaftlichen Organisationen gelang es nicht nur, Tarifverträge zur Absicherung der Arbeitsentgelte zu Erstreiten, sondern auch eine Reduzierung der Arbeitszeit auf 60 (!) Wochenstunden zu erreichen. Trotz oder gerade wegen solchen Auseinandersetzungen galt Offenbach als Industriestadt.

Wirtschaftlicher Glanzpunkt für Offenbach war zweifellos die vom 2. bis 6. Juli 1879 stattfindende „Landesgewerbeausstellung des Großherzogtums Hessen“ auf dem Gelände am Dreieichpark. Unter der Schirmherrschaft des Großherzogs Ludwig IV. waren nicht nur 238 Offenbacher Betriebe beteiligt, sondern auch Firmen aus 99 anderen hessen-darmstädtischen Orten. Noch heute lassen sich einige der seinerzeit als bauliche Innovation errichteten Beton-Elemente an gleicher Stelle besichtigen.