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1. Biographisches

Der Maler und Radierer Georg Heinrich Hergenröder wurde am 24. Juli 1736 als Sohn des Fuhrmannes Johann Hergenröder in Darmstadt geboren. Wo er seine künstlerische Ausbildung erhielt, ist nicht bekannt. Otto Kellner vermutete, dass Hergenröder in unmittelbarer Nähe des Hofes aufwuchs, da sein Vater als Kutscher herrschaftlicher Läufer tätig war. Da seine zeichnerische Begabung Aufmerksamkeit erregt haben könnte, wäre es möglich, dass man ihn zu einem der Hofmaler in die Lehre schickte. Kellner nahm an, dass er bei Johann Christian Fiedler (1697-1765) in die Lehre gegangen ist. Durch Fiedler könnte der junge Hergenröder auch die ersten Eindrücke von der niederländischen Malerei erhalten haben, die sich – und hier insbesondere die Landschaftsmalerei – damals in Darmstadt großer Beliebtheit erfreute. Schon 1774 ist er in Offenbach nachweisbar, wo er eine vom regierenden Fürsten von Isenburg-Birstein unterhaltene Zeichenschule leitete. Aus derselben Quelle geht hervor, dass er mit Anna Catharina, geb. Klapper, verheiratet ist. Zwischen 1774 und 1782 kommen fünf Kinder zur Welt, von denen Hergenröder zwei Söhne zum Malerberuf bestimmt haben soll. Sein älterer Sohn Johann Matthias Hergenröder wurde durch seine Mitarbeit an der "Naturgeschichte der Vögel Deutschlands" von Dr. Bernhard Meyer bekannt. Von seinem jüngeren Sohn Johann Friedrich hat sich ein Plan von Offenbach am Main aus dem Jahr 1802 erhalten. Hergenröder starb 62jährig am 23. Februar 1799 in Offenbach.
Heute erinnert in Offenbach der Hergenröderweg als auch die Hergenröderstraße an ihn.

2. Zum Werk

Höhlen- und Grottenbilder mit Marmorstatuen und Brunnen, Räubern und Beraubten sind Hergenröders bevorzugte Bildmotive, die zur Zeit ihrer Entstehung großen Anklang fanden. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden diese Bildthemen insbesondere von Niederländern gepflegt. Dementsprechend entstanden auch Hergenröders Höhlenbilder in starker Anlehnung an einen holländischen Meister – Abraham van Cuylenburg, der um 1620 in Utrecht geboren wurde und dort am 22.11. 1658 gestorben ist. Dieser malte Landschaften mit mythologischer Staffage, meist mit kleinen nackten Figuren, die sich wiederum eng an Cornelis van Poelenburch anlehnen.
Bedeutsam sind ferner Hergenröders Radierungen, die das Offenbacher Stadtbild zwischen 1780 und 1790 zeigen, sowie Landschaftsbilder, die größtenteils aus Flusslandschaften bestehen.
Hergenröder wurde von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt, "denn er malt" – wie es in einem Bericht von 1782 heißt –, "sehr artige Landschaften von eigener Erfindung und nach der Natur; die meisten der schönen Gegenden um Frankfurt am Mayn sind von ihm schon aufgenommen worden, denen es ebenso wenig an Fleiß als angenehmen Kolorit mangelt: nur wäre zu wünschen, dass gleiche Wärme, wie in seinen Katakomben darinn herrschte".

3. Stilhistorische Einordnung

Hergenröders Höhlenbilder verbinden Elemente des Rokoko, wie die Farb- und Lichteffekte und das Motiv der Grotte, mit denen des Klassizismus, wie die Darstellung antiker Elemente und pathetischer Gebärden.

Die Schaffensphase des Malers fällt in jene geistesgeschichtliche Epoche, die man das "Zeitalter der Empfindsamkeit" nennt:
Die Empfindsamkeit wendete sich zwischen 1740 und 1780, von England ausgehend, als Bewegung vor allem des politisch einflusslosen Bürgertums, gegen die Vorherrschaft des Rationalismus. Das Wort "empfindsam" wurde von Gotthold Ephraim Lessing 1768 als Übersetzung des englischen "sentimental" vorgeschlagen. Dieser hatte seinem Freund J.J. Bode diese Übersetzung für Laurence Sternes Roman "A Sentimental Journey through France and Italy" vorgeschlagen. Die empfindsamen Züge in der zeitgenössischen Literatur spiegelten in vielfältigen Variationen das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen und Widersprüchen wider. So wurde die Natur als Fluchtmöglichkeit angesehen, welche die Sehnsucht nach Ruhe, Abgeschiedenheit und Einsamkeit stillte. Ein weiteres bestimmendes Element der empfindsamen Dichtung ist die Rührung, die bewusste Förderung sentimentaler Emotionen. Der Briefroman "Geschichte des Fräuleins von Sternheim" (1771) von Sophie La Roche schildert den Sieg der Tugend über Laster und Verworfenheit und kann in mancher Hinsicht als Vorläufer von Goethes "Werther" gelten, welches als "Bibel der Empfindsamen" bezeichnet wurde.
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) Werk bildet einen der Höhepunkte der literarischen Entwicklung des 18. Jahrhunderts. Klopstock ist der erste Dichter, der dem Gefühl, der Empfindsamkeit in der Dichtung zum Durchbruch verhilft. Die Empfindsamkeit spielt insbesondere in seiner Naturlyrik und seinen religiösen Gesängen eine wichtige Rolle.
Eine Hauptgattung unter den "empfindsamen" Künsten ist neben der Literatur die Gartenkunst, in der die Grotte als "empfindsame" Staffage eine wichtige Rolle spielte.
Zu dieser Zeit erhielt auch die Freundschaft, die man als "die Wurzel des Lebens" oder "das höchste Glück" ansah, einen hohen Stellenwert, wie die Bildung zahlreicher Freundeszirkel (Göttinger Hain, Darmstädter Kreis) beweisen. Der "Darmstädter Kreis" ("Darmstädter Empfindsame", von Goethe "Gemeinschaft der Heiligen" genannt) war ein um 1770 am Hof der geistig interessierten Landgräfin Henriette Christiane Caroline von Hessen-Darmstadt (1721-1774) gebildeter Freundeskreis empfindsamer oder "schöner Seelen" mit Zentren in den Häusern von A. P. von Hesse und Johann Heinrich Merck, Geheimrat Andreas Peter von Hesse, seine Frau Friederike von Hessen, geb. Flachsland, Kriegsrat Johann Heinrich Merck, Caroline Flachsland, die Braut Herders ("Psyche"), die Hofdamen Henriette von Roussillon ("Urania") und Louise von Ziegler ("Lila"), Hofarzt Johann Ludwig Leuchsenring und Prinzenerzieher Franz Michael Leuchsenring. Gewissermaßen auswärtige Mitglieder waren bei seinen zwei Aufenthalten Herder ("der Dechant") und Goethe ("der Wanderer"), der besonders 1772/73 oft und lange in dem Kreis weilte, seine Arbeiten vorlas sowie Aufmunterung und Anregungen empfing. Hier praktizierte man eine empfindsame Naturschwärmerei mit Waldhütten, Lauben, Blumenaltären und Mondscheinspaziergängen. Später distanzierte sich Goethe jedoch in satirischen Schriften von dem Gefühls- und Freundschaftskult des Darmstädter Kreises. In seiner Satire "Triumph der Empfindsamkeit", die 1777 entstand, kritisierte er die zeitgenössische Empfindsamkeit in ihrer besonders zugespitzten Form der Sentimentalität. Joachim Heinrich Campe verfasste 1785 sogar eine "besondere Warnung vor dem Modefehler die Empfindsamkeit zu überspannen". In dieser Schrift warnt er davor, die Empfindsamkeit über die anderen Kräfte des Menschen, das heißt über den Verstand und seine Vernunft zu stellen. Christoph Friedrich Nicolai (1733-1811) schuf 1775 die Parodie "Freuden des jungen Werthers", welches sich nicht gegen Goethe oder gegen das Werk richten sollte, sondern gegen die Auswüchse bei den Lesern der Selbstmordgeschichte.
Daneben zeugen die zeitgenössischen, spöttischen Bezeichnungen "Mondschein- und Vergissmeinnichtepoche" von der kritischen Haltung gegenüber diesem Zeitalter, welches sein Ende durch die Französische Revolution erlebte.
Räuberdarstellungen waren zu jener Zeit auch in der Literatur ein beliebtes Motiv. Man denke hier an Schillers "Räuber", die 1781 veröffentlicht wurden oder an Goethes Schwager Christian Vulpius, der seine Schrift "Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann" 1798 veröffentlichte. Daneben ist die historische Figur des Räuberhauptmanns Johann Bückler (1783-1803) – dem Schinderhannes – zu nennen, der sein Unwesen Ende des 18. Jahrhunderts trieb, bis er in Mainz enthauptet wurde.