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Dr. Jürgen Eichenauer, Leiter des Haus der Stadtgeschichte, konnte im Kunsthandel zehn seltene Lithographien erwerben, die im Jahr 1848, zur Zeit des ersten deutschen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche, in Offenbacher und Frankfurter Verlagen erschienen sind. Diese Blätter zeigen scharfsinnige, mit Text unterlegte Karikaturen auf Politiker und Ereignisse der deutschen Nationalversammlung. Diese wurden im Umfeld der Frankfurter Paulskirche verkauft, um tagesaktuell die damalige Demokratiebewegung zu kommentieren und zu unterstützen. Dabei war die im Jahr 1800 in Offenbach am Main erstmals kommerziell eingeführte Kunst der Lithographie ein geeignetes Medium, um parlamentarische Redebeiträge und Revolutionsereignisse für das Publikum zu illustrieren.

Die Revolution von 1848 begann als Bürgerbewegung, verlagerte sich im Mai 1848 in das Frankfurter Parlament und versuchte, einen geeinten Nationalstaat zu begründen. Nachdem dieses Vorhaben im Frühjahr 1849 durch die deutschen Fürsten vereitelt worden war, begann eine Epoche politischer Desillusionierung. Die Pressefreiheit, der diese Karikaturen zu verdanken sind, endete abrupt. Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke findet dazu nachdenkliche Worte: „Diese Karikaturen mahnen uns, wie zerbrechlich Demokratie sein kann, wenn wir uns nicht alle jeden Tag für deren Bestehen einsetzen. Wir haben heute die Verpflichtung, die Arbeit der Demokratinnen und Demokraten von 1848 fortzusetzen, die damals von der Unfreiheit besiegt worden sind.“

Vor und nach der Revolution gab es in Deutschland keine Pressefreiheit. Künstler in Frankfurt und Offenbach hatten die gebotene, zeitlich kurze Chance genutzt, blieben aus Vorsicht aber meist anonym. Bei den erworbenen Blättern hat lediglich der Zeichner Alfons von Boddien mit seinem Namen signiert, der, aus Mecklenburg stammend, selbst Mitglied der Nationalversammlung war. Er hat im Verlag von Eduard Gustav May in Frankfurt am Main beispielsweise den Abgeordneten Gustav Adolf Rösler von Oels als „Reichskanarienvogel“ verewigt. Der durchaus noch aktuelle Spruch „Singt wenig, spricht viel, und lebt von Diäten“ ist dem Blatt als Schriftzug beigegeben. Bei dieser Karikatur fällt zudem die wunderbare historische Kolorierung auf, die noch von Hand vorgenommen worden ist.

Der Offenbacher Verlag von Salomon Stern hingegen nahm den zurückgetretenen Außenminister Johann Gustav Heckscher aufs Korn, der als Katze versucht, auf das Rednerpult zu springen, auf dem bereits ein anderer Abgeordneter als bissiger Hund den Platz verteidigt. Die anderen Blätter zeigen ebenfalls aussagekräftige Bilder des damaligen Parlamentslebens.

Bildinformation:

Zeichnung
Alfons von Boddien, Karikatur „Der Reichskanarienvogel“, 1848, Grafische Sammlung im Haus der Stadtgeschichte. © Stadt Offenbach

Offenbach am Main, 25. August 2021