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Soldaten 1899
© Haus der Stadtgeschichte
Nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. kam die Nationalversammlung in der Stadt Weimar zusammen und erarbeitete eine gemeinsame Verfassung. Ein vom Volk gewählter Reichskanzler war das Staatsoberhaupt. Jedoch hatte die erste Republik von ihrer Geburtsstunde an mit massiven Problemen zu kämpfen. So machte sich in Offenbach, wie auch auf Reichsebene, die mangelhafte Versorgung der Zivilbevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten immer deutlicher bemerkbar.

Vom Kriegsende bis zum Währungsschnitt

Am 9. November dankte nicht nur Kaiser Wilhelm II. ab – in Darmstadt wurde am gleichen Tag der Großherzog Ernst Ludwig vom Arbeiter- und Soldatenrat für abgesetzt erklärt. Der Rat beauftragte den Offenbacher SPD-Führer Carl Ulrich mit der Bildung einer neuen Regierung für den »Volksstaat Hessen«, zu dem jetzt die Stadt Offenbach gehört. Die ersten Wahlen zum Hessischen Landtag am 26.Januar 1919 führten zu einer Koalition der SPD mit demokratischen Parteien und Carl Ulrich als Ministerpräsidenten. Das Bündnis von Arbeiterbewegung und bürgerlicher Mitte hielt in Hessen über alle Jahre der Weimarer Republik.

Am 9. November wurde auch in Offenbach ein Arbeiter und Soldatenrat unter Vorsitz des Sozialdemokraten Georg Kaul gebildet. Schon am 26.November erklärte die Stadtverwaltung, dass sie sich der Übergangsregierung in Darmstadt unterstellt und nur von ihr Weisungen annimmt. 2 Wochen Machtvakuum sind zu Ende - die alte / neue Stadtverwaltung konnte sich nun ganz der Bewältigung der großen Übergangsprobleme widmen.

Die Demobilisierung des Heeres und der Übergang von der Kriegswirtschaft zur Friedenswirtschaft führte unmittelbar nach Kriegsende zu hoher Arbeitslosigkeit, von der etwa 5.000 Personen betroffen wurden. Immerhin gibt es jetzt die neue Erwerbslosenfürsorge, ausgezahlt vom städtischen Arbeitsamt. In kürzester Zeit organisierte die Stadt entlohnte Beschäftigungsmaßnahmen für 800 Arbeitslose. 1920 ist die Beschäftigungslage schon wieder viel besser und 1922 ist sogar ein Jahr der Vollbeschäftigung, bis die Hyperinflation erneut zu einer tiefen Depression führt.

Die Weimarer Republik hatte von ihrer Geburtsstunde an mit massiven Problemen zu kämpfen. Die mangelhafte Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten setzte sich in den ersten zwei Friedensjahren durch anhaltende Blockade und Transportprobleme fort. Und alles, was es gab, war sehr viel teurer geworden. Löhne und Gehälter hielten trotz häufiger Anhebungen oder durch Streik erreichter Erhöhungen mit der seit den Kriegsjahren anhaltenden und noch zunehmenden Teuerung keineswegs Schritt.

Mit wenigen Ausnahmen waren alle Offenbacher viel ärmer geworden. Wer kurz arbeitete oder von Fürsorge oder Rente leben musste, war in Not. Die Kriegsküchen arbeiteten in Offenbach noch bis Ende 1920 weiter. Besonders hilfreich waren die Spenden der amerikanischen Quäker: durch die »Quäkerspeisungen« wurden täglich mehrere tausend Essen vor allem an unterernährte Kinder ausgegeben. Freiwillige Helfer kochten, teilten aus und sahen streng darauf, dass alles aufgegessen und nichts mitgenommen wurde.

Auch die Wohnungsversorgung war prekär. Der Wohnungsbau war im Krieg zum Erliegen gekommen, und nach dem Krieg kam er durch Verarmung und Mietpreisbindung bis 1923 nicht in Gang. 5.000 Offenbacher waren beim Wohnungsamt als Wohnungssuchende gemeldet.

Ab Herbst 1922 galoppierte die Inflation, schlug in unkontrollierbare Hyperinflation um. Ab Jahresmitte 1923 lief nichts mehr. Tausende Kurzarbeiter und Arbeitslose drängten zum Arbeitsamt.

Währungsreform und kurze Erholung

Mitte November 1923 kam der Währungsschnitt, und alles atmete auf. 1924 kam die Wirtschaft erstaunlich schnell wieder ins Laufen, aber die »Rationalisierung« beherrschte nun, als die Preise und Wechselkurse wieder »ehrlich« sind, die Betriebe. Von nun an bis zum Ende der Republik behält Offenbach eine hohe Sockelarbeitslosigkeit. Der »Langzeitarbeitslose« – früher unbekannt - ist eine neue Sozialfigur, die zumal von der extremen Linken mit einfachen Schicksalserklärungen versorgt und zu forderndem Verhalten gegen »die Wohlfahrt« angestachelt wird.

In den Jahren ab 1925 setzte endlich öffentlicher Wohnungsbau durch gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften ein, der aber den aufgestauten Wohnungsmangel kurzfristig nicht beseitigen konnte.

Weltwirtschaftskrise und Untergang

Ende 1929 war die gute Zeit der Weimarer Republik schon wieder vorbei. Eine Weltwirtschaftskrise erfasste die USA und Europa. In Deutschland wuchs die Arbeitslosigkeit von Monat zu Monat in fürchterliche Dimensionen. Zwar gab es seit 1927 die erste Arbeitslosenversicherung und eine Arbeitsverwaltung im Reich – aber die meisten Arbeitslosen waren schon bald nicht mehr bezugsberechtigt und wurden ausgesteuerte »Wohlfahrtserwerbslose«. Offenbach litt ab 1930 unter der höchsten Arbeitslosenquote im Deutschen Reich – mindestens 30%, in Spitzenzeit fast 50% Prozent der Einwohnerschaft waren kürzer oder für lang fürsorgeabhängig bei minimalen Leistungen. Auch die Beschäftigten mussten mit Sozialleistungsabbau und Lohnverzicht leben.

Die Radikalisierung der politischen Landschaft war eine Folge dieser Krise und überforderte die von Anfang an geschwächte Weimarer Republik schon bald. Insbesondere die rechtsextremen und linksextremen Parteien erzielten ab 1930 starke Zuwachsraten an Wählerstimmen. Diese Kräfte waren explizite Gegner der Republik und versprachen Rettung entweder durch Diktatur des Proletariats oder durch Führerherrschaft im nationalsozialistischen Volksstaat.

In Offenbach blieben die Parteien der Arbeiterbewegung bei den Wahlen dieser Jahre zwar in der Mehrheit bis Anfang 1933, doch bekämpfte die KPD die »Sozialfaschisten« der SPD in gleicher Weise wie die Nazis. Zu einem konzentrierten Widerstand gegen die Nazis kam es nicht.

Ende Januar 1933 entließ der Reichspräsident Hindenburg den amtierenden Reichskanzler und berief eine »Nationale Regierung« unter Adolf Hitler. Das Ende der Republik war damit besiegelt. Nach der »Machtergreifung« Hitlers griff der Terror der SA schnell um sich; führende Offenbacher Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in provisorische Lager gesperrt.

Hitler versprach Abschaffung der Arbeitslosigkeit binnen fünf Jahren. Die neue Regierung startete schon im Frühjahr in rascher Folge zahlreiche Arbeitsbeschaffungen und Investitionsprogramme. Eine außerordentliche Aufbruchsstimmung griff um sich - eine deutsche Eigenart, die sich schon im August 1914 gezeigt hatte und schon damals ins Verderben führte. Am 1. Mai 1933 – nun erstmals arbeitsfreier »Tag der Arbeit« - erschienen 20.000 Offenbacher, darunter viele früher den Arbeiterparteien anhängende Menschen, unter einem braunen Fahnenmeer auf der Maikundgebung der NSDAP. Im Frankfurter Ostpark kamen sogar 200.000 Menschen zusammen und bejubelten die Radioansprache des Führers.

Am nächsten Tag wurden die Gewerkschaftshäuser ohne nennenswerten Widerstand besetzt, der FDBG wurde aufgelöst. Der führende Sozialdemokrat Georg Kaul verübte am 2. Mai Selbstmord; der bekannte Offenbacher Kommunist Heinrich Galm, am 2. Mai aus dem Lager entlassen, sah im Biergrund an den Häusern seiner ehemaligen treuen Wählerschaft die braunen Fahnen flattern - und verstummte bis 1945.