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Frankfurter Straße 19. Jahrhundert
Frankfurter Straße im 19. Jahrhundert © Stadt Offenbach
Im Jahr 1820 beginnt die kommunale Selbstverwaltung in Offenbach. In der Jahrhundertmitte setzt die Industrialisierung machtvoll ein. Offenbach wird »Arbeiterstadt« und »Lederstadt«. 1914 steht Offenbach auf dem Sprung zur Großstadt.

1815 endet die Regentschaft der Isenburger Fürsten. Offenbach ist nun eine Gemeinde im Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Mit der Verfassung und der Hessischen Gemeindeordnung von 1820 beginnt die Geschichte der kommunalen Selbstverwaltung. Es gibt nun gewählte  Stadtverordnete, die einen Bürgermeister und einen Beigeordneten bestimmen. Georg d´Orville ist der erste Bürgermeister aus nobler hugenottischer Fabrikantenfamilie. Die Stadtverwaltung bleibt über lange Jahrzehnte ganz schmal. Ganz niedrig sind auch die Steuern. Öffentliche Dienstleistungen gibt es kaum. Wer hat, der kann sich Güter, Bildung, Dienstleistungen kaufen. Drei Viertel der Bevölkerung haben nicht viel oder nichts.

Langsam und immer in spannungsreicher Beziehung zu Frankfurt setzt ab 1825 die wirtschaftliche Erholung Offenbachs ein. Sie geht in die industrielle Revolution über. Offenbach wird zu der Gewerbestadt im Großherzogtum. Vom Pauperismus der Jahre ab 1830 bleibt Offenbach daher verschont. Georg Büchners »Hessischer Landbote« wird zwar 1833 heimlich in Offenbach gedruckt, findet aber keinen Nachhall am Ort.

Die bürgerliche National- und Freiheitsbewegung von 1848 hat auch in Offenbach viele Anhänger, die sich in politischen Vereinen organisieren und profilierte Vertreter in das Frankfurter Paulskirchenparlament entsenden. Die Bewegung spaltet sich nach wenigen Monaten und endet im Folgejahr. Die radikalen Anhänger flüchten in die Schweiz oder wandern aus in das freie Amerika.

Der Demokratenfresser 1848 von Leopold Nickelsberg
Der Demokratenfresser 1848 von Leopold Nickelsberg © Haus der Stadtgeschichte / Stadt Offenbach

Ab 1850 wird das industrielle Wachstum immer schneller. Die Dampfmaschine setzt sich durch. Offenbach wird nun Schwerpunkt der Lederindustrie, des Maschinenbaus und der Metallverarbeitung. Die Bevölkerung wächst stark. Hungerkatastrophen und Seuchen gehören der Vergangenheit an.

Die Arbeiterbewegung entsteht in den 1860-iger Jahren aus Bildungsvereinen. Die Sozialdemokratie gründet sich 1872, überlebt die (in Hessen nicht scharf umgesetzten) Sozialistengesetze und bringt in Offenbach starke Führungspersönlichkeiten hervor. Ab 1900 dominieren die Sozialdemokraten die Kommunalpolitik in der Arbeiterstadt Offenbach – einzigartig im Deutschen Reich, möglich durch ein verhältnismäßig demokratisches Wahlrecht im Großherzogtum und durch Wahlbeteiligung von nahe 90% (der Männer). Der liberale Großherzog genehmigt 1908 sogar die Bestellung des Sozialdemokraten Leonhardt Eißnert zum hauptamtlichen Beigeordneten – eine höchst umstrittene Premiere im Deutschen Reich.

In Offenbach wird moderne Sozialpolitik entwickelt - »Munizipalsozialismus« lautet das Schlagwort der Zeit. Die Beschäftigten der Stadt erhalten Urlaub und deutlich bessere Gehälter in einem modernen Tarifsystem. Die Stadt ist Schulträger - zahlreiche Schulen und die Technische Lehranstalt werden gebaut, Lehrer werden eingestellt, und die Klassenfrequenz in den Volksschulen sinkt von 90 auf 55. Es gibt tiefe Differenzen zwischen bürgerlichen Parteien und Sozialdemokratie – aber wenn es um den Ausbau der städtischen Infrastruktur geht, waltet eine große Koalition.

Unumstritten ist daher der stürmische, schuldenfinanzierte Ausbau von Hafen, Energieversorgung, Krankenhaus, Schlachthof, Kinderkrippen, Versorgungshaus, Stadtbad, Grünanlagen: sie alle entstehen binnen knapp 20 Jahren zwischen 1895 und 1915.

Vor Beginn des 1. Weltkriegs steht Offenbach auf dem Sprung zur Großstadt. Beim aktuellen Wachstumstempo wird im Jahr 1925 die 100.000–Marke erreicht sein. In den Schubladen des Bauamts liegen Pläne für ein prächtiges neues Rathaus und ein Theater.