Sprungmarken
Aktuelles Wetter:Regen22°C
Suche
Suche

Durch die liberale Religionspolitik der machthabenden Grafen konnten sich im 18. Jahrhundert viele Hugenotten und Juden in Offenbach niederlassen, die durch ihre Religion, ihre Traditionen und ihr Handwerk einen wesentlichen Teil sowohl zur kulturellen als auch zur wirtschaftlichen Entwicklung Offenbachs beitrugen.
Priviliegien der französisch-reformierten Gemeinde zu Offenbach
© Bernd Georg / Stadt Offenbach

Die Hugenotten in Offenbach

Die französischen Protestanten, die sich zur Lehre Johann Calvins bekannten, wurden von der katholischen Regierung Frankreichs verfolgt, wobei sich seit ca. 1560 die Bezeichnung »Hugenotten« einbürgerte.

Schätzungen nach wurden etwa 500.000 Hugenotten aus Frankreich vertrieben. In einigen Gebieten Deutschlands fanden die Religionsflüchtlinge Aufnahme, so auch 1698/99 in der Grafschaft Isenburg. Im Jahr 1699 erfolgte die Gründung der französisch-reformierten Gemeinde in Offenbach.

Die erste bekannte Gemeindeliste aus diesem Jahr enthält die Nennung von 46 Familien. Die ersten Offenbacher Hugenotten hatten alles verloren, denn die Kollekten in England und den Niederlanden, die Gelder zum Hausbau bereitstellen sollten, waren für andere Zwecke verwendet worden.

Die meisten Familien dieser ersten Siedlerwelle waren bäuerlich geprägt und verließen den Ort, um im gräflichen Forst zu siedeln: Neu-Isenburg wurde gegründet (1699). In Offenbach trafen im Jahr 1703 weitere, handwerklich ausgebildete und somit kapitalkräftigere Hugenotten ein: Wollfabrikanten, Strumpfweber, Seidenweber, Leinweber, Hutmacher, Posamentierer, Perückenmacher, Knopfmacher, Gerber, Gießer, Goldwirker, Goldarbeiter, Färber und andere.

Graf Johann Philipp von Isenburg erteilte der französisch-reformierten Gemeinde am 28. Mai 1705 umfangreiche Privilegien (1710 im Druck erschienen). Diese zielten in erster Linie darauf ab, den Gewerbefleiß der neuen Einwohner zu fördern und in der Folge hatten die Hugenotten an der nachfolgenden wirtschaftlichen Entwicklung Offenbachs tatsächlich großen Anteil. Mit der zweiten Siedlungswelle war das Fortbestehen der Gemeinde gesichert.

Im Jahr 1717 wurde der Grundstein einer eigenen, am 1. Mai 1718 geweihten Kirche gelegt: die französisch-reformierte Kirche in der unteren Herrnstraße wurde errichtet. Im 18. Jahrhundert war vor allem die Offenbacher Textilindustrie ein hugenottisches Metier. Das ausklingende 18. Jahrhundert und letztendlich das Wegbrechen von Märkten während der napoleonischen Kriege bedeuteten das Ende dieses hugenottischen Gewerbes.

Die 1729/1730 errichtete Synagoge an der Ecke Große Marktstraße/Hintergass
© Stadt Offenbach

Jüdisches Leben in Offenbach

Im Umfeld des Isenburger Schlossbaues finden sich in den 1560er Jahren erste Hinweise auf jüdische, in Offenbach anwesende Händler. Während des Frankfurter „Fettmilch-Aufstandes“, gewalttätigen Zunftunruhen, daraus resultierenden antisemitischen Plünderungen und Vertreibungen, sowie während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) hielten sich Juden vermehrt in Offenbach auf. Sie lebten – abgesichert durch Zahlungen – unter landesherrlichem Schutz. Jedoch waren ihr Aufenthaltsrecht und ihre wirtschaftliche Tätigkeit begrenzt.

Im Jahr 1707/ 08 wurde den Juden unter Graf Johann Philipp von Isenburg, Vertreter einer liberalen und merkantilistisch ausgerichtete Religions- und Zuwanderungspolitik, Statuten erteilt. Diese Sammlung von Restriktionen und Gewährungen beförderte trotz zahlreicher zeitbedingter Einschränkungen die Entstehung einer jüdischen Gemeinde in Offenbach.

Es wurden die Anlage eines Friedhofs und der Bau einer Synagoge erlaubt. Im Jahr 1721 brannte diese erste Synagoge nieder, und ihr Neubau an gleicher Stelle in der Judengasse (Große Marktstraße) wurde über den langen Zeitraum von 1729 bis 1916 genutzt.

Im späten 18. Jahrhundert, entweder 1786 oder 1788, ließ sich der jüdische Häretiker Jakob Frank (1726-1791) aus Korolowka in Podolien (Ukraine) mit mehreren hundert Anhängern in Offenbach nieder. Als angebliche Reinkarnation der Messias-Seele, des wiedergeborenen Sektengründers Sabbatai Zwi gab er sich 1648 als Messias zu erkennen. Nach Franks Tod konnte sich die Sekte unter dessen Tochter Eva noch bis zum Jahr 1816 in Offenbach halten.

Erst das Zeitalter der Aufklärung war in der Lage, Charakteren vom Schlage eines Jakob Frank die nötige Toleranz zu gewähren. Das Feld für jene Toleranz hatten die Schriften der Philosophen bereitet. Unter den religiös geprägten Denkern des 18. Jahrhunderts stacht Moses Mendelssohn hervor, dessen Werke die jüdische Religion mit den Begriffen der zeitgenössischen Philosophie deuteten, wobei nicht zuletzt die Forderung nach einer Toleranz der Weltreligionen formuliert worden war.

Die nachkommende Generation erklärte die Umsetzung solcher Forderungen denn auch zum Tagesgeschäft. So setzte der Offenbacher Jude Wolf Breidenbach (1751 – 1829) im Jahr 1803 als „Hoffaktor“ des Fürsten Carl auf dem isenburgischen Territorium die Abschaffung des sogenannten „Leibzolls“ durch, einer diskriminierenden Vermögensabgabe für Juden.

Mit Breidenbachs Aufruf zur Abschaffung dieses Zolls, dem viele deutsche Staaten folgten, ging von Offenbach ein wichtiger Impuls der jüdischen Emanzipationsbewegung aus.

Die 1729/1730 errichtete Synagoge an der Ecke Große Marktstraße/Hintergass Stadt Offenbach
2 / 2