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Grußworte Dr. Paul Becker, Deutscher Wetterdienst
© Stadt Offenbach

Mehr als 80 Teilnehmer bei „Natur- und Klimaschutz gemeinsam betrachten“

„Ich habe für mich heute die Bestätigung erhalten, dass Natur- und Klimaschutz zusammen umgesetzt werden können: ja, es geht. Wir sind schon auf dem richtigen Weg und müssen uns für die Themen stark machen. Es braucht mehr Information und Weiterbildung insbesondere für die Fachplaner und Architekten. Aber auch die Öffentlichkeit muss mehr über den Mehrwert informiert werden und die rechtliche Notwendigkeit bei Sanierungsvorhaben auf die Vögel und Fledermausarten zu achten, die in Dächern, Mauerspalten und auf Kirchtürmen wohnen.“

Dies war nur ein Ergebnis der 9. Klimakonferenz des Amtes für Umwelt, Energie und Klimaschutz am 28.08.2017. „Es ist absolut unverständlich, dass in den Fachkreisen und im Architekturstudium Umweltbelange eine so untergeordnete Rolle spielen. In der Stadt stellen Gebäude eine Vielfalt an Habitaten für Pflanzen und Tiere zu Verfügung, die eine zunehmende Wichtigkeit für den Erhalt und die Förderung der Artenvielfalt haben werden."

Einer der Teilnehmer setzt das Ergebnis gleich am nächsten Tag um : “Ich werde als nächstes bei der Architektenkammer nachfragen, warum es keine Fortbildungen zu diesem Thema gibt (Dach- und Fassadenbegrünung)."

Heike Hollerbach vom Amt für Umwelt, Energie und Klimaschutz, die auch die Konferenz moderierte sagte: „Trotz der in der Fachwelt grundsätzlich bekannten Möglichkeiten, Konflikte zwischen Klimaschutzmaßnahmen und Naturschutzbelangen zu vermeiden und Synergien gewinnbringend zu nutzen, werden diese oftmals ungenügend umgesetzt. Dies kann sowohl an Wissenslücken bei den handelnden Akteuren liegen als auch an – manchmal nur vermuteten – wirtschaftlichen Nachteilen bei der Auftragsabwicklung. Dabei ist es beispielsweise relativ einfach, im Zuge von Gebäudesanierungen Ersatznistplätze für verloren gehende Quartiere zu schaffen, etwa in Form von Kästen, die an der Fassade angebracht oder in diese integriert werden können. Dies ist eine gesetzliche Pflicht. Wichtig ist jedoch, sich frühzeitig vor Beginn einer Baumaßnahme mit dem Artenschutz auseinanderzusetzen.“

Konflikte aber auch Synergien zwischen Klimaschutzmaßnahmen und Belangen des Naturschutzes aufzuarbeiten und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen – das ist das Ziel eines Forschungs- und Entwicklungsprojektes des Bundesamtes für Naturschutz gemeinsam mit dem Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der Technischen Universität Berlin (TUB). Das Amt für Umwelt, Energie und Klimaschutz der Stadt Offenbach beteiligt sich an diesem Projekt als Modellkommune. Ergebnis wird unter anderem ein Handlungsleitfaden für Kommunen und Regionen sein.

Anlässlich dieses Forschungsprojektes stand auch die neunte Klimaschutzkonferenz des Offenbacher Umweltamtes in der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes unter dem Motto, Natur- und Klimaschutz gemeinsam zu betrachten.

Das Thema der Konferenz stieß offensichtlich auf starkes Interesse: Über 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Stadt, der Region und ganz Hessen stellten einen neuen Teilnehmerrekord auf.

Ein konkretes Thema war die Vereinbarkeit von fachmännischer Hausdämmung und Artenschutz: „Die Sicherung von Niststätten bedrohter Arten ist im Zuge von energetischen Dach- und Fassadensanierungen mit dem Verschließen von Hohlräumen an und in den Gebäuden ein vordringliches Problem“ so Martin Hormann von der staatlichen Vogelschutzwarte. Die Lebensräume sind dann unwiederbringlich verloren.“

Im Zeichen des Klimawandels, der eindringlich von Prof. Dr. Thomas Schmid vom Hess. Landesamt für Naturschutz, Umwelt u. Geologie vorgestellt wurde, muss die energetische Dach- u. Fassadensanierungen vorangebracht werden. Dr. Bernd Demuth von der TU Berlin bot in seinen Vorträgen Denkanstöße zur kritischen Auseinandersetzung an: „Naturschutz mitdenken und die Konflikte ausräumen, das ist die Aufgabe von uns allen: Wir brauchen Energieberater und Stadtplaner genauso wie die Naturschutzfachleute. Die Aufgabe ist nicht unlösbar.“

Insbesondere für die in der Konferenz stark vertretenen Naturschutzbehörden stellt der Verlust von Lebensstätten gebäudebewohnender Arten im Zuge der energetischen Dach- und Fassadensanierung einen nicht gelösten Brennpunkt des Artenschutzes dar. Aber auch kommunale Klimaschutzbeauftragte, Energieberater und Fachplaner sowie ehrenamtliche Umweltschützer und Lokalpolitik haben die Relevanz der Themen erkannt.

Eine weitere relevante Klimaschutzmaßnahme ist die Umrüstung der Straßenbeleuchtung von den noch weit verbreiteten Hochdruck-Quecksilberdampflampen auf energieeffiziente LED-Beleuchtung. Hier bietet sich eine sehr gute Chance, negative Wirkungen des Lichts auf tierische Organismen und deren Ökosysteme zu reduzieren. Vorgestellt wurde das Thema von Markus Eichberger, Leiter vom Amt für Stadtplanung, Verkehrs- u. Baumanagement, Michael Weber von der Energienetze Offenbach GmbH sowie Markus Dietz vom Institut für Tierökologie und Naturbildung. Offenbach ist da bereits auf einem guten Weg.

Horst Schneider, Oberbürgermeister von Offenbach, betonte bei der Konferenz: „Die Zusammenarbeit zwischen Klima- und Naturschutz, auch im Hinblick auf die Anpassung an die sich ändernden Umweltbedingungen, ist eine zentrale Zukunftsaufgabe. Der Klimawandel schreitet derzeit ungebremst weiter voran, beim Rückgang der Artenvielfalt ist nach wie vor keine Trendwende in Sicht. Wir haben in Offenbach schon einiges getan, um den Klimaschutz voranzubringen.“ Schneider nannte unter anderem die schrittweise Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf LED mit warm-weißer Lichtfarbe und die Bestrebungen der Stadt, unnötige Beleuchtung und Streulicht zu vermeiden. „Gleichzeitig müssen wir aber auch bei der Verknüpfung mit dem Natur- und Artenschutz noch besser werden. Gebäudebewohnende Arten wie Mauersegler sind stark gefährdet. Wir sollten daher mit gutem Beispiel vorangehen und könnten bei jedem Neubau- und Sanierungsvorhaben an städtischen Gebäuden, sofern sie sich dafür eignen, Nistkästen anbringen.“

Zahleiche staatliche Stellen, seien es Kommunen wie die Stadt Offenbach oder Institutionen des Bundes und der Länder, unterstützen Klimaschutzmaßnahmen durch Beratungs- und Informationsangebote sowie Fördergelder mit dem Ziel, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren. Beides – Klimaschutz und Naturschutz – sind Schwerpunktthemen, zu denen sich die Teilnehmer der Konferenz durch mehrere aufeinander aufbauende Vorträge auf einen aktuellen Wissensstand bringen und diskutieren konnten.

Gefördert werden muss in diesem Zusammenhang die Information für die Bauherren. „Werden wir als Naturschutzbehörde während einer laufenden Sanierungs­maßnahme zum Beispiel durch Nachbarn auf das Vorhandensein von Vögeln im Dachstuhl aufmerksam gemacht, müssen wir einen Baustopp anordnen und gegebenenfalls sogar einen teilweisen Rückbau des Gerüstes fordern“, sagt Sabine Swoboda, Fachreferentin für Naturschutz im Umweltamt. Der folgende Zeitverzug ist ärgerlich. Es darf erst dann weitergearbeitet werden, wenn die Vögel das Nest endgültig verlassen haben. Außerdem müssen Ersatzquartiere angebracht werden. „In den bisherigen Fällen waren die Bauherren letztlich immer sehr kooperativ und es konnte eine gemeinsame Lösung gefunden werden. Die Dunkelziffer der verloren gegangenen Lebensstätten an Gebäuden dürfte jedoch sehr hoch sein, gleichzeitig machen sich die betroffenen Fachfirmen strafbar, wenn sie nicht handeln.“

Die enge organisatorische Verzahnung zwischen den Fachgebieten Naturschutz und Klimaschutz im Amt für Umwelt, Energie und Klimaschutz in Offenbach bietet eine gute Voraussetzung, beide Themen von vornherein integrativ anzugehen. Heike Hollerbach: „Wir wollen es zukünftig schaffen, diese integrative Herangehens­weise auch mit unseren Partnern im Stadtkonzern und in den Klimaschutzprojekten, beispielsweise in der stadtteilbezogenen Energieberatung für Hausbesitzer und Unternehmer zu nutzen, um die Sensibilität für den Naturschutz zu schärfen.“

Offenbach, 29.08.2017