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Liebe Freundinnen und Freunde des Klingspor Museums,
da Sie uns momentan nicht besuchen können, haben wir ein paar kurze Videos zu unserer Ausstellung „Wahrlich! es ist Himmelsvorgenuß. Buch- und Schriftkunst zu Friedrich Hölderlin“ gedreht. Die Filme sind von der Plattform Vimeo abrufbar, hier finden Sie die Links:

Schriftbild von Petra Ober
Aber in Hütten wohnet der Mensch. Schriftbild von Petra Ober. 2018/19 © © Petra Ober. Foto: Simon Malz

Texte zur Ausstellung

Friedrich Hölderlin
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Till Verclas, Winterbuch
© Till Verclas. Foto: Simon Malz

1804 schreibt Hölderlin eines seiner bekanntesten Gedichte. Als ahnte er, ziemlich genau in der Mitte seines Lebens zu stehen. Zurück (Strophe 1) wendet sich der Blick auf eine schier überbordende, schwelgerische Szenerie. Frucht- und blumenreich das Land, trunken von Hingabe die Schwäne. Dann (Strophe 2) bricht jäh der Winter herein und mit ihm die bange Frage nach dem, was fehlt. Umso schroffer, ungerührt, die Mauern und die klirrenden Fahnen, im Wind. Dieses Erstarren fasst Till Verclas, versierter Druck- und Buchkünstler in Hamburg, mit Hilfe eisiger Winterbilder zu seinem "Winterbuch. Eine Antwort." (17+3 Exemplare, Hamburg 2009). Von Seite zu Seite schwinden die Lebenszeichen. Durchsichtige Folien legen sich auf die Bildseiten, jede hebt eine Zeile des Gedichts hervor. Ja, auch die Zeilen der ersten Strophe ! - und dieser Kontrast zwischen Bildern und Text in der ersten Hälfte des Buchs steigert merklich seine Brisanz. Texte und Bilder ergänzen sich zur dominanten Botschaft von Schnee, Stille und klirrender Kälte – den Wind mag spüren, wer Blätter und Folien umschlägt. - Wie sehr passt dieses Buch der Kontraste, des Verharrens, in diesen weiteren Ausnahme-Tag, da die Sonne scheint und die Herzen doch nicht unbeschwert warm werden können... Auf bald wieder ! im Klingspor Museum herzlichen Gruß Stefan Soltek
30.3.2020