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Im Gedenken an den herausragenden Schreiber und Kalligraphen R. Spemann (1905-1947), dessen nahezu gesamter Nachlass zum Kernbestand der Museumssammlung gehört, vergibt das Klingspor Museum im zweijährigen Rhythmus den Rudo-Spemann-Preis.
Dreiteilige Siegerarbeit von Susanne Mader "Himmel"
Dreiteilige Siegerarbeit von Susanne Mader "Himmel" © Stadt Offenbach

In einem Wettbewerb wurden aus insgesamt 82 Einreichungen von Studierenden, Auszubildenden und Schülern drei ausgewählt, die die Technik der Handschrift im weitesten Sinne zwischen ornamentaler Gestaltung und individueller Formgebung persönlicher Handschrift als lebendiges Äußerungsmittel fördern und nachweisen.

Dreiteilige Siegerarbeit von Susanne Mader "Hölle"
Dreiteilige Siegerarbeit von Susanne Mader "Hölle" © Stadt Offenbach

Alle eingereichten Arbeiten nahmen gemäß der Ausschreibung Stellung zu einem Aspekt des aktuellen Gesellschafts- und Kulturlebens, der schriftgestalterisch mit besonderer Berücksichtigung von Handschrift in Form gebracht werden sollte. Der mit einem Preisgeld von 1.200 Euro dotierte erste Preis ging an Susanne Mader von der Hochschule Augsburg, zwei mit jeweils 400 Euro dotierte zweite Preise erhielten Carolin Kasche und Sonja Schwab von der Hochschule RheinMain Wiesbaden und über eine begründete Anerkennung konnte sich Junjian Wang von der Hochschule für Gestaltung Offenbach freuen. Die Urkunden werden den Preisträgerinnen während der Eröffnung der Ausstellung AUSDRÜCKLICH SCHRIFT im Klingspor Museum am 18.9. um 19 Uhr verliehen.

Dreiteilige Siegerarbeit von Susanne Mader "Liebe"
Dreiteilige Siegerarbeit von Susanne Mader "Liebe" © Stadt Offenbach

Erster Preis: Susanne Mader, Bayerische Schimpfwörter

„Himmi Herrgott – seids liab; Zum Deifi noa moi – liab sei jetzt; Liab sei zefix.“  Ob Himmel oder Hölle - in beiden Sphären sind Anhalte zur Beschwerdeführung sinnfällig und haben Tradition. Wut macht sich Raum. Auf drei braunen Pappen verteilt, stilisiert Mader die Dynamik und Heftigkeit der Schimpfformeln in Form von subtil aufgebrachten Lettern, die eng an Vorbildern der Fraktur anlehnen. Quer über diese Wortkaskaden verlaufen als lang ausgezogene Buchstabenschleifen die dem Lieben zuratenden Bemerkungen.

Mader schreibt: „Ausgangspunkt war der von Natur aus, traditionell (daher auch die gebrochene Schrift), 'grantelnde' und fluchende Augsburger bzw. Bayer, der mithilfe seiner eigenen Worte zu etwas mehr Empathie für eine respektvollere Gesellschaft aufgerufen wird. Die sehr moderne weiche Handschrift bildet dabei den nötigen zukunftsweisenden Kontrast.“ Die inhaltlich wie formal auf Gegenbewegung angelegten Figurationen bestechen durch ihr Spiel mit den Polen des Gestaltens im Gestern und Heute. Ein höchst stimmiges Schriftbild zeugt von Witz, Ironie und zugleich veritabler Beherrschung schriftgrafischer Ausgestaltung.

Zweiter Preis: Carolin Kasche, Jeder hat ein Recht auf Meinung

Aus blutrotem Grund prallt weiße grätige Schrift ins Auge des Betrachters. Eindringlich macht die schroff zackige Typo ihren Apell augenfällig.

Das Allgemeingut der Botschaft durchdringt die persönliche Haltung der Gestalterin - dafür stehen die vier blattfüllend in den Grund eingeschmolzenen Versalien des Wortes MEIN. Alle Textteile sind gekonnt über die Fläche verteilt, bestimmt von der Größe der Haupt- und der Kleinheit der Nebenaussage. Der Leser wird mitgerissen.

Zweiter Preis: Sonja Schwab, Mikroplastik

Ein Wasserfall, wie gestäubt trägt die herabregnenden Streifen feiner, gestreckter Schriftzüge. Sie formen das Wort Mikroplastik. Dass gleichsam unterschwellig, im Kleinen sich eine umso größere Verseuchung des Wassers als Lebensraum abspielt, wird aus der fein dosierten Abstimmung der formalen und farblichen Mittel visuell spürbar.

Begründete Anerkennung: Junjian Wang,Die Grenze im Herzen

Rudimentärste Elemente, Schwarzer Edding auf Graupappe, billigstes Klebeband aus durchsichtigem Plastik - so lässt der Schreiber ein Wörtermeer entstehen, das die aktuellen Dramen von Menschen einliest, die an Grenzen, Zäunen, Mauern, Verschlägen den Weg der Zusammenkunft, Zugehörigkeit, Zukunft angeschnitten bekommen. Kein Bild könnte deutlicher als dieses Arrangement der Wörter-Verklebung den Menschen unwürdigen Zustand in vielen Ländern vibrierend vor Augen führen. Die Litanei in simpler Radikalität trägt das aufrüttelnde schriftgrafische Signal.

21. Juni 2019