Sprungmarken
Aktuelles Wetter:bedeckt23°C
Suche
Suche

Kalligraphie auf japanischem Bütten, Japan, 19. Jahrhundert,
Kalligraphie auf japanischem Bütten, Japan, 19. Jahrhundert, Sammlung Klingspor Museum © Klingspor Museum

Christian Scheffler ist gestorben. Im Alter von 84 Jahren ist der langjährige Leiter des Klingspor Museums (1977-2001) von uns gegangen. Von seinem Vorgänger Hans A. Halbey übernahm Christian Scheffler die Verantwortung für das renommierte Buch- und Schriftmuseum in Offenbach am Main. Als Bibliotheksrat und studierter Historiker und Kunsthistoriker (Universität Marburg) vertiefte und vermittelte er seine breit angelegten Kenntnisse in historischer Buchkunde an der Bibliotheksschule in Frankfurt. Für deren praktische Anwendung fand er im Klingspor Museum ein denkbar ergiebiges Terrain. Mit einer profunden Ausstellung des Holzschnitt-Oeuvre von Frans Masereel, die der Sammler Paul Ritter dem Museum übereignet hatte, manifestierte er eindrucksvoll seinen Einstand. Begünstigt durch die großzügige Hinterlassenschaft des Offenbacher Studienrats Kurt Kampf, erwarb Scheffler Zug um Zug wichtige Werke und erweiterte den Bestand des Museums quantitativ und qualitativ erheblich. Einer von vielen Akzenten, die er setzte, galt der japanischen Kalligraphie (Sho). Für dieses Engagement, dem die Sammlung des Klingspor Museums zahlreiche Schriftrollen verdankt, wurde Christian Scheffler sogar in Japan ausgezeichnet.

Zu seinen wichtigsten Publikationen gehört der Eintrag zur Geschichte der Handschrift im Handbuch Schrift und Wirklichkeit, Berlin, New York 1994. Seine erste Liebe in der Sammlung galt indes dem Künstlerbuch. Einzigartig ist die Vielzahl der Arbeiten, die in der DDR entstanden, und für die er ein besonders offenes Auge und Verständnis bewies. Scheffler begriff die Bedeutung der Frankfurter Buchmesse als Umschlagplatz auch für die jungen Buchkunstprotagonisten und war einer der regesten Interessenten, Gesprächspartner und Einkäufer. Seine Flexibilität, den Wandel vom eher klassischen Pressendruck zum experimentellen Künstlerbuch mit voller Sympathie und Sachkenntnis begleitet zu haben, war sein besonderes Verdienst und kommt der Sammlung des Klingspor Museum bis heute sehr zugute. So bleibt die Erinnerung an einen immer umgänglichen, zugewandten Kollegen, besonders auch die an einen fachlich ausgesprochen versierten Kenner seines Fachs. Dass ein Museum von der Fähigkeit eines Leiters lebt, der dessen Inhalte kennt, wissenschaftlich erschließen und wertschätzen kann, bleibt mit dem Namen Christian Scheffler überzeugend verbunden. 

12. November 2020