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Wenn man an den Sommer und Herbst 2015 zurück denkt, waren Flüchtlinge, Flüchtlingswelle, Flüchtlingsströme die beherrschenden Themen in den Medien, und ab dem 16. September hieß es dann: „Offenbach Stadt muss in kürzester Zeit 1000 Plätze als Notaufnahme schaffen!“ Diese Aufforderung der Landesregierung wurde innerhalb weniger Tage umgesetzt, als mit Hilfe des Katastrophenschutzes drei Turnhallen für die Öffentlichkeit gesperrt und für die erwarteten Menschen vorbereitet wurden.

Schon schnell hatten sich zahlreiche BürgerInnen bei der Stadt und beim Freiwilligenzentrum gemeldet, um zu unterstützen. Die von Privatleuten initiierte Facebookgruppe „Offenbacher Flüchtlingshilfe“ wurde immer größer. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) fand im Rahmen des Katastrophenschutzes innerhalb weniger Tage über 120 Dolmetscher – vor allem für Arabisch, Dari, Farsi, Paschtu, Urdu und andere Sprachen. Eine Bürgerversammlung in der Stadthalle zeigte viel Verständnis in der Bevölkerung für die Ausnahmesituation.
Oberbürgermeister Horst Schneider richtete eine Stabsstelle „Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe“ unter der Leitung des Ehrenamtsbeauftragten der Stadt Reinhard Knecht ein. Zum Team gehörten der Integrationsbeauftragte Luigi Masala und die Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums Sigrid Jacob. Ab Mitte Oktober kamen noch Monika Pröse und Azimet Avci – jeweils in Teilzeit – sowie ab Januar Katja Lenz hinzu. Zur Schaffung dieser zusätzlichen Stellen erhöhte die Stadt den Etat für das Freiwilligenzentrum und auch die Dr. Marschner-Stiftung und die aqtivator gGmbH unterstützen den höheren personellen Aufwand. 

Viel Engagement von Ehrenamtlichen

Mitte Oktober ging die Erstaufnahmeeinrichtung im Kaiserlei an den Start, der Arbeiter Samariter Bund (ASB) hatte den Betreiberauftrag erhalten.

Ankunft von Flüchtlingen in der Notunterkunft am Kaiserlei
Ankunft von Geflüchteten am Kaiserlei © Stadt Offenbach am Main

Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer war in der inzwischen erstellten Datenbank auf 500 angewachsen, die Facebookgruppe wuchs kontinuierlich weiter. Teachers on the road gründete Lerngruppen in Offenbach. Erste Projektideen wurden von Freiwilligen an die Stabsstelle herangetragen: Die VHS wollte Lernbegleiter für ein Lernportal schulen, die Gastmahl-Idee entstand, es wurden Möglichkeiten gesucht, Kunstprojekte und Kinderbetreuung anzubieten, zahlreiche Spendenangebote kamen herein. Aus der Facebookgruppe heraus wurde der Aufbau einer Kleiderkammer in der Erstaufnahmeeinrichtung initiiert, und die Kontakte zur Stabsstelle wurden enger, um mehr und gezielte Kleiderspenden und Freiwillige zu gewinnen.

Kleiderkammer in der Erstaufnahmeeinrichtung
Kleiderkammer in der Erstaufnahmeeinrichtung © Eric Wolf

Die Zusammenarbeit der Stabsstelle mit dem Einrichtungsleiter Thomas Lüth und der Ehrenamtskoordinatorin Evelyn Weiß wurde immer intensiver. Zahlreiche interne und externe Projektideen entwickelten sich: die Einrichtung eines Fahrradverleihs mit Unterstützung des Radsportvereins Germania und des ADFCs, Beratungsangebote von Pro Familia, Spaziergänge mit Migrantinnen zur Erkundung der Stadt, Gastmahl-Aktionen in privatem Umfeld und in Gemeinden wie Ahmadiyya, Al Falah und DITIB. Deutschkurse und Kinderbetreuung in der Einrichtung, Samstagstreff im Hafen 2 zur Begegnung, Sportangebote wie Boxen, Fußball und Kricket, Beschäftigungsangebote wie stricken und häkeln mit gespendeten Materialien, kochen mit Frauen, backen mit Kindern, Weihnachtsbeutel für Kinder, Aktionen mit Schulklassen und Schulbesuche an Schillerschule und Theodor-Heuss-Schule, HipHop-Workshop etc. Es wurde auch gefeiert: Kinderfest im Achathotel, Fest für Flüchtlinge und Helfer im Hafen 2, Faschingsfeier im Hafen 2 sowie das Neujahrsfest im Hafen 2. 

Zwei Geflüchtete sind zu Gast bei einer Offenbacher Familie
Zwei Geflüchtete sind zu Gast bei einer Offenbacher Familie © Katja Lenz
Flüchtlinge tanzen im Kulturzentrum Hafen 2
Willkommenfest im Hafen 2 © Bernd Georg/Stadt Offenbach

Die Information, Koordination und Berichterstattung zu all diesen Angeboten erfolgte über die Stabsstelle Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe. Auch passgenaue Informationsveranstaltungen und Beratungsangebote wurden organisiert und durchgeführt. Die Ehrenamtlichen in der Datenbank erhielten Informationen mit einem regelmäßigen Newsletter sowie durch direkte Ansprache über aktuelle Projekte und auch die Facebookgruppe bekam den Newsletter zum Verbreiten.
So entstanden innerhalb von sechs Monaten über 100 Projekte und die Ehrenamtlichen zeigten mit circa 1400 Einsätzen in diesen Projekten ein unglaubliches Engagement. Auch Offenbacher Firmen, unter anderen Siemens als Nachbar der Einrichtung sowie Kappus-Seifen, Galeria Kaufhof, Kaufhaus M. Schneider, Löwenapotheke, Copy Dali waren mit von der Partie, sei es durch Geldspenden, Sachspenden oder Freistellung ihrer Mitarbeiter für Aktionen. In Offenbach zogen die Ehrenamtlichen, die Stadt, die Initiativen und die Stabsstelle an einem Strang.

Offenbacher Bürger geben Spenden ab
Offenbacher Bürger geben Spenden ab © Bernd Georg/Stadt Offenbach

Aktueller Stand und Ausblick

Im Dezember 2015 wurde die Stadt aufgefordert, bis Februar nochmals 1000 Plätze als Notaufnahme zur Verfügung zu stellen. Dann kam im März 2016 die Information, dass die daraufhin umgebaute Immobilie als weitere Erstaufnahme durch das Land betrieben werden soll. Inzwischen ist aufgrund der rückgängigen Flüchtlingszahlen die erste Einrichtung geschlossen, die neue Einrichtung wurde bislang nicht eröffnet und soll nach dem angepassten Standortkonzept vom 31.08.2016 auch nicht mehr betrieben werden.

Mehr als 2000 Flüchtlinge wurden in Offenbach begrüßt und hielten sich zeitweise in unserer Stadt auf. Darunter waren auch viele Familien mit Kindern, elf von ihnen haben sogar den Geburtsort Offenbach. Sie konnten nicht bleiben, aber geblieben ist eine große Hilfsbereitschaft in der Stadt, die wir – inzwischen die Stabsstelle Offenbach hilft – nun unter dem Begriff der Integration verorten möchten. Denn eines hatte sich auch während dieser aufregenden Monate gezeigt: Viele Ehrenamtliche bedauerten sehr, dass das Zusammensein mit den Flüchtlingen nur von kurzer Dauer war, intensivere persönliche Kontakte waren nicht immer möglich. Dieses jedoch gibt es bei den Integrationsprojekten wie Patenschaften oder Alltagsbegleitung und anderes mehr.