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Spazierführerin Eva Kamm
Eva Kamm zeigt ihr Offenbach © Katja Lenz
Schon immer geht Eva Kamm mit dem „Augen-auf-Prinzip“, wie sie es nennt, durch die Welt, so auch durch Offenbach. Mit einem Umweg über Frankfurt kam die Würzburgerin 1999 als Wohnungssuchende in die Stadt, doch schon elf Jahre zuvor hat sie Offenbach durch Zufall entdeckt. „Ich liebe es, Städte aus dem Bus oder der Straßenbahn zu entdecken und so bin ich als Neuling in Frankfurt in die Linie 16 gestiegen. Dass ich bei der Endstation in Offenbach gelandet war, hatte ich zunächst nicht begriffen.“ Was sie sah, hat ihr gefallen. Und dann hat sie immer mehr für sie besondere Orte entdeckt, die sie Ende April elf Interessierten gerne zeigte.

Die sechste Tour von „Ich zeig dir meine Stadt“ - diesmal als kleine Radtour - begann an der so genannten „Jahn-Eiche“ am Starkenburgring. Diesen hatten Offenbacher Turner 1911 zu Ehren des Turnvater Jahns gepflanzt und inzwischen ist die staatliche Stieleiche ein Naturdenkmal. Eva Kamm schaut von ihrem Balkon auf den Baum und er gehörte schon immer zu ihrem Wohnumfeld in der Stadt. „Nie wohnte ich weiter als 500 Meter entfernt, das ist mein Viertel.“ Und damit führt sie die Gruppe in den benachbarten Laden „Artefakt“, in dem Anja Bamberger und Jürgen Blümel Taschen und Fahrräder verkaufen, aber auch Räder reparieren.

Der Laden „Artefakt"
Der Laden „Artefakt" © Katja Lenz

„Mit dem Laden verbinde ich Freundschaft, Kultur und breites Engagement, bin ich doch schon seit Jahren mit dem Paar befreundet.“ Für das monatliche Ladenkino in der dunkleren Jahreszeit – September bis März – werden alle Fahrräder beiseite geschafft, um sich cineastische Leckerbissen, meist mit einem Bezug zu Fahrrädern, zu Gemüte zu führen. Jürgen Blümel ist auch Initiator von „Wein, Rad & Gesang“, einer dreitägigen Radrennveranstaltung mit Weinständen und Aktionen (28.-30. Juli 2017) am Hessenring. Der Kiosk „OFFcourse“ am Friedrichsweiher ist ebenfalls von den beiden Engagierten ins Leben gerufen worden. Bei dem Microprojekt unter dem Motto „Soziale Stadt“ können Interessierte selber ihre Fahrräder reparieren oder dies unter Anleitung von Jugendlichen lernen.

Dann ging es mit dem Fahrrad zur Stippvisite auf den Schulhof der Albert-Schweitzer-Schule. Es war die Schule der Tochter und Eva Kamm engagierte sich im Elternbeirat. Die Abgeschlossenheit des Schulhofs hat sie schon immer fasziniert.

Schulhof der Albert-Schweitzer-Schule
Schulhof der Albert-Schweitzer-Schule © Katja Lenz
Alter Friedhof in Offenbach
Auf dem Alten Friedhof kann man viel über die Stadtgeschichte erfahren © Katja Lenz

Über den Grünring führte die Tour in den Offenbach Osten bis zum Alten Friedhof. „Hier erklärt sich ein wenig der Titel der Tour „Aus der Zeit gefallen“, denn in der Stille falle ich selbst ein wenig aus der Zeit, alles Hektische fällt von mir ab und dazu erinnert der Ort an längst vergangene Zeiten“, erläutert Eva Kamm. Sie kommt gerne an diesen Ort, um Ruhe und Geborgenheit zu finden. „Auch kann man hier wunderbar der Stadtgeschichte nachspüren.“

So weist sie die Gruppe auf das Grab des so genannten „Streichholz-Karlchen“ hin, dessen Skulptur in Originalgröße am Wilhelmsplatz steht. „Karl Winterkorn hatte sich seinerzeit als der kleinste Holzhändler der Welt bezeichnet, eine Doppeldeutigkeit: er war selber nur 1,30 Meter groß und er verkaufte Streichhölzer.“

Das Grab des so genannten „Streichholz-Karlchen“
Das Grab des so genannten „Streichholz-Karlchen“ © Katja Lenz

Ein sehr ungewöhnlicher Gedenkstein erinnert an das Schleusenunglück von 1909, als sechs Schulkinder ums Leben kamen, nachdem andere Kinder aus Übermut die damalige Schleuse öffneten. Nach dem so genannten „Türkengrab“ muss auch Eva Kamm immer wieder etwas suchen, so unscheinbar ist es. 1920 war ein türkischer Student der Technischen Schule, nun Hochschule für Gestaltung, an Lungenentzündung gestorben. Es ist bis heute das einzige muslimische Grab auf dem Alten Friedhof.

Die letzte Station der Tour führte zum früheren Teerfarbenwerk Oehler, später dann Farbwerke Hoechst, an der Friedhofstraße. Hier ist der Fotograf Andreas Schmidt seit 2008 Mieter mit seinen Parkside-Studios. Doch zuvor öffnete er die Türen zum Alten Badehaus, das seit 1978 ungenutzt ist, inzwischen aber unter Denkmalschutz steht.

Das Alte Badehaus in den ehemaligen Farbwerken Hoechst
Das Alte Badehaus in den ehemaligen Farbwerken Hoechst © Katja Lenz

„Ein ganz besonderer Ort und nun wirklich aus der Zeit gefallen“, sagt Eva Kamm dazu. In über 80 Duschwannen konnten die Arbeiter die Farbe von der Haut schruppen. Heute warten sie auf eine neue Bestimmung, doch bis dahin lässt der momentane Hausbesitzer nur ganz selten die Möglichkeit der Besichtigung zu. Das Studio von Andreas Schmidt befindet sich im ehemaligen Vorstandscasino. „Nebenan gab es für die einfacheren Verwaltungsangestellten eine Essensausgabe“, erzählt er. Die Räume beeindrucken durch ihre Höhe und die Gestaltung – mit Holzfalttür und getäfelten Wänden aus den 60er/70er Jahren.

Die Parkside-Studios von Fotograf Andreas Schmidt
Die Parkside-Studios von Fotograf Andreas Schmidt © Katja Lenz

Eva Kamm kennt die Räume von Konzerten und privaten Feiern, können sie doch auch angemietet werden. Ein weiteres Schmuckstück ist die Telefonzelle mit Fußschalter, mit dem sich bei Betreten das Licht einschaltet. „Es war das einzige Telefon auf dem riesigen Gelände, mit dem auch ins Ausland telefoniert werden konnte“, weiß Andreas Schmidt zu erzählen.

Die Gruppe der Tour zeigte sich begeistert über die ganz besonderen Einblicke, kannten sie vieles nur vom Vorbeifahren oder teils auch gar nicht. „Genau das ist auch die Idee von „Ich zeig dir meine Stadt“, Offenbach neu zu entdecken und auch durch die Brille eines anderen zu sehen“, sagt Sigrid Jacob vom Freiwilligenzentrum. Hier leitet Eva Kamm das Projekt „KaffeeKranz“, ansonsten ist die gelernte Stukkateurin Haushandwerkerin vom Krabbelstubb-Verein.