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Die Teilnehmer üben den türkischen Hochzeitstanz
© Katja Lenz/FzOF
Das Freiwilligenzentrum lädt monatlich ein zu einem Spaziergang oder einer Fahrradtour. Mit „Ich zeig dir meine Stadt“ sollen die Teilnehmer Offenbach aus neuen Blickwinkeln kennen lernen, die ihnen Offenbacher verschiedener Herkunft und Alter zeigen und zwar ganz persönlich. Es ist keine klassische Stadtführung, die Spazierführer wählen drei bis vier für sie besondere Orte aus, mit denen sie eine besondere Geschichte verbindet. Der nächste Stadtspaziergang findet am 28. April statt.

Es gab eine große Nachfrage nach der Spaziertour von Mehmet Harmanci im Rahmen des Projektes „Ich zeig dir meine Stadt“ des Freiwilligenzentrums Offenbach. „Wir mussten über zehn Personen absagen“, bedauern die Organisatorinnen Sigrid Jakob und Katja Lenz. Doch es ist mit einer Wiederholung zu rechnen, weil alle, besonders auch der Spazierführer Mehmet Harmanci Spaß daran hatten.
Ob es an dem merkwürdigen Titel lag oder einfach am Format, das konnten auch die drei Pfungstädter Gäste nicht wirklich beantworten. „Wir waren neugierig, weil wir Offenbach gar nicht kennen.“ Sie werden noch häufiger kommen müssen, denn mit „Ich zeig dir meine Stadt“ lernen Teilnehmer nur einige ausgesuchte Orte kennen, die für die Spazierführer aber von besonderem Wert sind.

Der Pavillon im Dreieichpark.
Der Pavillon im Dreieichpark © Katja Lenz/FzOF

„Kültür“ ist nicht falsch geschrieben, es ist das türkische Wort für Kultur. Und diese ist auch für Mehmet Harmanci wichtig, deswegen war der Treffpunkt auch der Pavillon im Dreieichpark. Hier entdeckte er vor einigen Jahren die Konzerte im Park, die regelmäßig im Sommer stattfinden – „wunderbare Kulturerlebnisse und das kostenlos“, schwärmt er. Er wird nicht müde, teilweise verborgene Vorzüge von Offenbach vorzustellen. „Ich bin kurdischer Abstammung, Alevit, früher mit türkischen, heute mit deutschem Pass und letztlich einfach ein Offenbacher“, fasst er kurz zusammen.

Mehmet Harmanci kam als Fünfjähriger nach Deutschland, nachdem zuvor seine Mutter und später der Vater im Zuge der Anwerbeverfahren in die Fremde fuhren, die drei Kinder blieben zunächst bei einer Tante. Nach einigen Jahren in Sachsenhausen entschieden sich die Eltern, 1985 Eigentum in Offenbach zu kaufen. „Damit war das Thema Rückkehr erledigt, und das ist gut so!“

Das Maskottchen des Projektes „Schülerpower“
Das Maskottchen des Projektes „Schülerpower“ © Katja Lenz

Vom Pavillon auf dem Weg Richtung Leibnizschule verwies Mehmet Harmanci auf ein kleines Brückchen. „Hier habe ich mich – damals noch Sachsenhäuser – mit einem Mädchen aus Offenbach getroffen“, verriet er, aber außer einem verschmitzten Grinsen auch nicht mehr. Der große Spielplatz war ein beliebter Anlaufpunkt, als die beiden Söhne noch klein waren und die später die Leibnizschule besuchten.

Mit Blick auf das ehrwürdige Gebäude der Leibnizschule erzählte Mehmet Harmanci von seiner Herzensangelegenheit - dem Projekt „Schülerpower“. Zunächst hatte er in einem klassischen Nachhilfeinstitut Unterstützung für seinen Sohn gesucht. Unzufrieden mit dem Angebot, entstand quasi am Küchentisch seiner Schwester ein Nachhilfekonzept."Schülerpower" beinhaltet kleine Lerngruppen und Elternseminare – das fand bei der Stadt großen Anklang. Mit Unterstützung des Jugendamtes gibt es „Schülerpower“ inzwischen zehn Jahre lang, zurzeit werden 50 Kinder und Jugendliche aus zwölf Nationen unterrichtet.

Das nächste Ziel der zwanzigköpfigen Gruppe war der Filmklubb von Nicole Werth im Isenburger Ring – etwas versteckt in einem Hinterhaus. Für Mehmet Harmanci eine weitere Kulturperle, „die aufgehoben und poliert werden muss“. In dem großen Raum mit einem gemütlichen Patchwork auch Tischen, Stühlen, Sofas und Sesseln haben Besucher die Möglichkeit, Filmabende zu erleben. Diese beginnen mit alten Wochenschauen, Nicole Werth zeigte auch den großen Schrank mit diversen Rollen und den schönen alten Projektor. „Wir waren auf der Suche nach einem Filmraum, bis mein Mann José da Noiva, der hier seine Werkstatt hat, diesen Raum vorschlug. Und das ist gleich gut angekommen“, erklärt Nicole Werth. Die Besucher erwerben eine Jahresmitgliedschaft und spenden dann für jeden Film, informiert werden sie per Newsletter.

Der Filmklubb von Nicole Werth
Der Filmklubb von Nicole Werth © Katja Lenz/FzOF
Chai, der traditionelle schwarze Tee aus dem Samowar
Chai, der traditionelle schwarze Tee aus dem Samowar © Katja Lenz/FzOF

Weiter ging es für die Gruppe über einen kleinen Spielplatz Richtung Sprendlinger Landstraße. „Habt ihr festgestellt, dass wir immer im Grünen gelaufen sind? Das ist mein Weg, Isenburgring und Dreieichpark, hier kann ich wunderbar abschalten“, sagt Mehmet Harmanci. Die letzte Station ist der Freundschaftsverein Türkei, den deutsche und türkische Jugendliche 1983 gründeten, nachdem ihnen ein VHS-Kurs mit Folkloretänzen so viel Spaß gemacht hatte. Über das Tanzen kam auch Mehmet Harmanci in den Verein, der sich inzwischen für Familien und vor allem für Bildung stark macht. Hier ist auch „Schülerpower“ zu hause. Leise geht die Gruppe an den beiden Lerngruppen vorbei in den großen Raum.

Auf dem Tresen wartet bereits der Chai, der traditionelle schwarze Tee aus dem Samowar, und Mehmet Harmanci gibt eine kurze Einführung. „Den ersten Tee trinkt man noch als Gast, beim zweiten gehört man zur Familie.“ Die bereitgestellten süßen und herzhaften Häppchen finden großen Anklang. Aber noch ist die Tour nicht zu Ende, es fehlt noch der „Halay“. Dies ist ein türkischer Hochzeitstanz. Die meisten Teilnehmer folgen der Einladung, die ersten Schritte kennen zu lernen und bald wogt die Gruppe im Kreis hin und her. In der zweiten Tanzrunde haben sich einige auch in die traditionellen Kostüme gewagt und „bald können wir gemeinsam beim Mainuferfest auftreten“, lacht Mehmet Harmanci.