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Stadt Offenbach

„Wir sind da, wenn die Welt stillsteht“

Offen & vereint für unsere Stadt: Ehrenamt in Offenbacher Vereinen

Eltern sterben vor ihren Kindern – das scheint ein ehernes Gesetz zu sein. Aber was, wenn das Unvorstellbare eintritt und das eigene Kind stirbt? Bevor es sein Leben überhaupt leben konnte? Für diese Trauer, die oft unsichtbar bleibt, gibt es in Offenbach seit 6 Jahren einen Ort - Unsere Sternenkinder Hessen e. V.

Ein lichtdurchfluteter Raum mit vielen Möglichkeiten: ein Kreis von Stühlen, in der Mitte ein schönes Gesteck aus Moos und Blumen. Hier finden Selbsthilfe- und Trauergruppen statt. Ein Tisch zum Konferieren und um zusammen zu sitzen bei einer Ruhe spendenden, warmen Tasse Tee. An einer Wand ein Gitter, an dem Karten, Federn, Blumen befestigt sind – und hölzerne Klammern in Herzform, auf denen jeweils ein Name steht. Ein separates Zimmer mit Sitzgruppe für Einzelgespräche zur Beratung und Trauerbegleitung. In der Ecke wartet eine kleine Bibliothek zum Thema – einem traurigen Thema. Denn in diese ansprechenden Räume kommen Eltern und Angehörige, die um „Sternenkinder“ trauern: Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind.

Jessica Hefner, Trauerbegleiterin, studierte Künstlerin und Mitgründerin von "Unsere Sternenkinder Hessen e. V."

Ein Thema, das – gerade bei Kindern, die vor ihrer Geburt versterben – oft unsichtbar bleibt, sodass die Eltern mit ihrer Trauer allein sind. Hier finden sie einen Ort, an dem sie über ihren Verlust sprechen können, Austausch, Beratung und Unterstützung finden. „Wir erleben immer wieder, dass Menschen aus dem, was wir zum Beispiel in Interviews sagen, das Wort Tod rausstreichen und versuchen, es sanfter zu formulieren. Wir glauben aber: Es ist, wie es ist, und ein anderes Wort ändert das nicht. Was es braucht, ist eine stimmige Begleitung und eine Sensibilität der Öffentlichkeit“, sagt Jessica Hefner, Trauerbegleiterin, studierte Künstlerin und Mitgründerin des Vereins.

Oft ist da erst mal nur Schmerz. Aber der Schmerz ist nur da, weil da Liebe ist.

Jessica Hefner, Trauerbegleiterin und Vorstandsvorsitzende von „Unsere Sternenkinder Hessen e. V.“

„Wir wollen immer etwas tun, aber das geht in dem Moment nicht. Wir können aber sagen: Ich bin da, ich sehe dich, ich halte es mit dir aus. Ich höre dir zu oder schweige mit dir.“ Jessica Hefner hält zwei hölzerne Tränen in die Luft. „Oft ist da erst mal nur Schmerz. Aber der Schmerz ist nur da, weil da Liebe ist.“ Sie dreht die Tränen um und fügt sie zusammen: Ein Herz entsteht. „Das zu erkennen, ist oft ein wichtiger Schritt.“ Auch Rituale bieten Trost, geben dem Abschied eine Form. Viele wissen jedoch nicht, –dass sie ein Recht haben, an der Gemeinschaftsbeerdigung ihres “Sternenkinds” teilzunehmen – auch wenn die Schwangerschaft nur kurz war. Zudem gelten in jedem Bundesland, jeder Kommune unterschiedliche Regelungen. Hier unterstützt der Verein nicht nur Ratsuchende, sondern setzt sich auch politisch für einheitliche Regelungen und die Rechte Betroffener ein. Gemeinschaft ist im Verein wichtig – auch, weil das Ziel, alle Betroffenen gut zu versorgen, nur durch eine Netzwerkgemeinschaft möglich ist, etwa mit Rückbildungskursen in Kliniken.

Jessica Hefner ist Mutter von sechs Kindern: drei lebenden und drei toten. Selbst betroffen, suchten sie und ihr Mann 2017 nach einer Selbsthilfegruppe – aber es gab keine. Also gründeten sie selbst eine. Zwei Jahre später ging daraus der Verein hervor – und ist seitdem stetig gewachsen. Denn der Bedarf ist groß. Exakte Daten zu Fehlgeburten gibt es nicht. Aus Klinik- und Praxisdaten lässt sich schließen, dass auf 1.000 Schwangerschaften etwa 53 Fehl- und 4 Totgeburten kommen – aber die Dunkelziffer ist weitaus höher. Innerhalb des ersten Lebensjahres starben 2024 in Deutschland 2.244 Kinder.

Frühe Kindstode gab es schon immer. Aber dass die Trauer um diese Kinder thematisiert und enttabuisiert wird, ist ein junges Phänomen – sogar für geburtshelfende Berufe. Erst seit 2 Jahren gibt es in Frankfurt für Hebammen ein ins Studium integriertes Seminar das Jessica Hefner und eine Kollegin durchführen.

Im Juli 2025 zieht der Verein innerhalb von Offenbach in die Kaiserstraße 5 um. Dann heißt er „Sternenkinder Hessen e. V.“ und braucht entsprechend größere Räume. Die ebenso ansprechend sein werden wie der alte Standort in der Bernardstraße.

Steckbrief

Unser Name:

Unsere Sternenkinder Hessen e. V. (bis Juli 2025: Unsere Sternenkinder Rhein Main e. V.)
Gemeinschaft zur Begleitung von Familien beim Frühtod ihres Kindes

Unser Team für OF:

... ist eine Gemeinschaft aus Ehrenamt und Hauptamt: 4 hauptamtliche Mitarbeitende, die ausgebildete Trauerbegleitende für Frühtod oder Hebammen und „Sterbeammen“ sind und auch die Geschäftsleitung  bilden, und ca. 45 ehrenamtlich aktive Mitglieder (neben vielen weiteren Mitgliedern), die Aufgaben im Verein übernehmen – von Selbsthilfegruppen bis Social Media.

Wir sind für alle da, die ...

... Beratung und Begleitung im Zusammenhang mit dem Frühtod von Kindern während der Schwangerschaft, der Geburt oder innerhalb des ersten Lebensjahres benötigen. Das sind vor allem trauernde Familien  und Angehörige – die eine kostenfreie, zeitlich unbegrenzte Trauerbegleitung in Anspruch nehmen können –, und Fachpersonen aus Bereichen wie Medizin, Geburtshilfe, Pflege, Seelsorge.

Hier erreichen Sie uns und erfahren mehr:

Webseite: www.unsere-sternenkinder-hessen.de
E-Mail: infounsere-sternenkinder-hessende
Neue Adresse seit Juli 2025: Kaiserstraße 5, 63065 Offenbach
Tel.: 069 950 648 310; telefonische Sprechstunde Mittwoch von 8.30 bis 9.30 Uhr.

So können Sie uns unterstützen:

Durch eine Mitgliedschaft (ab 20 Euro pro Jahr) oder Spende. Spendenkonto: Frankfurter Volksbank, IBAN: DE27 5019 0000 7000 0196 79, BIC: FFVBDEFF. Zwei Großförderer des Vereins sind die Crespo Foundation und die GKV, weitere sind willkommen.

Terminologie

Bei einer Fehlgeburt wird das Kind vor der 24. Schwangerschaftswoche ohne Lebenszeichen geboren und das Geburtsgewicht liegt unter 500 Gramm. Gemeinschaftliche Beerdigungen und Trauerfeiern für diese Kinder werden oft von den Kliniken durchgeführt – in Offenbach auf dem Sternenkinderfeld auf dem Neuen Friedhof. Aber es gibt auch ein Einzelbestattungsrecht.

Eine Totgeburt liegt vor, wenn das Kind bei der Geburt keine Lebenszeichen zeigt und mindestens 500 Gramm wiegt oder die 24. Schwangerschaftswoche erreicht wurde. Hier gibt es eine gesetzliche Pflicht zur Einzelbestattung.

Frühtod ist ein allgemeiner Begriff für den Tod eines Kindes vor oder kurz nach der Geburt – bis zum Ende des ersten Lebensjahres.

Text: Dr. Lena Lindhoff, www.textreich.net


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