Nachruf: Ernst Buchholz widmete sein Leben dafür, Bildung und Kultur für alle verfügbar zu machen
17.11.2025
Mit dem Tod von Ernst Buchholz verliert Offenbach einen Menschen, der wie nur wenige das kulturelle und geistige Leben unserer Stadt geprägt hat. Über 34 Jahre stand er im Dienst der Öffentlichkeit, davon 29 Jahre als Leiter der Stadtbibliothek Offenbach. Seine enge Verbindung zu Büchern, zum geschriebenen Wort und zur Welt des Wissens begann lange zuvor.
„Seine Offenheit, seine Warmherzigkeit, sein unermüdlicher Einsatz und seine tief verwurzelte Liebe zur Kultur hinterlassen Spuren, die bleiben. Wir verabschieden uns von einem außergewöhnlichen Menschen, einem Musiker, einem Brückenbauer, der stets den Dialog suchte und dafür in der Stadtbibliothek eine Bühne schuf. Wir danken Ernst Buchholz für sein Wirken, für seine Ideen, für seine Menschlichkeit. Er wird uns fehlen. Seine Arbeit aber bleibt – in Büchern, die er erschlossen hat, in Wegen, die er geebnet hat, und in all den Menschen, die er inspiriert hat“, erinnert sich Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke.
Im vorletzten Kriegsjahr in Passau geboren, war Buchholz bereits am Ende seiner Schulzeit ein geistig wacher, neugieriger junger Mann, dessen schriftstellerisches Talent und Interesse für Literatur und Musik früh erkannt wurden. Diese Leidenschaft führte ihn zum Studium in Stuttgart, wo er 1971 als Diplom-Bibliothekar abschloss, und zum Magister in Neuer Deutscher Philologie und Sozialplanung.
1974 begann Ernst Buchholz seinen beruflichen Weg in der Stadtbücherei Neukölln in Berlin. Schon dort erwies er sich als innovativer Gestalter: Er modernisierte das Haus, entwickelte es zu einer Mediothek weiter und schuf neue Formen der Kooperation mit Schulen. Seine dortige Arbeit wurde zu einem Meilenstein – und lies aufscheinen, was Offenbach erwarten durfte.
1978 kam Ernst Buchholz nach Offenbach, eine Stadt, die er bereits durch ein Praktikum kannte und die ihn trotz – oder vielleicht wegen – ihrer rauen Oberfläche anzog. Schnell begann er, die Stadtbibliothek grundlegend zu verändern: Er etablierte einen zeitgemäßen Beratungsservice, stärkte die Zusammenarbeit mit Institutionen und zivilgesellschaftlichen Akteuren und öffnete die Bibliothek für neue Zielgruppen.
Unter seiner Leitung folgten zahlreiche Meilensteine, die das Profil der Stadtbibliothek Offenbach dauerhaft prägten und sie zu einer modernen, lebendigen Kultur- und Bildungseinrichtung formten.
Bereits 1979 setzte Ernst Buchholz wichtige Impulse: Die Eröffnung der Mediothek Lauterborn stellte einen bedeutenden Schritt hin zu einer Bibliothek dar, die nicht länger ausschließlich Bücher verwahrte, sondern Menschen aller Altersgruppen ein vielseitiges Medienangebot bot. Gleichzeitig führte er eine Tradition ein, die die literarische Kultur über einen langen Zeitraum bereicherte: die Bestellung des ersten Schriftstellers im Bücherturm. Dieser Schritt brachte Dichtung und Öffentlichkeit zusammen, machte Literatur in all ihren Facetten erfahrbar und öffnete die Bibliothek für kreative Begegnungen.
Im Jahr darauf folgte mit der Anschaffung eines neuen Bücherbusses - ein Projekt, das Ernst Buchholz besonders am Herzen lag: Bildung und Kultur sollten zu den Menschen gebracht werden, auch in jene Stadtteile, in denen keine Bibliothek in Reichweite war. Mit großem Engagement setzte er sich dafür ein, dass dieses Angebot nicht nur erhalten blieb, sondern wuchs und neue Zielgruppen erreichte.
1983 nahm die Stadtbibliothek mit dem Literaturtelefon eine weitere innovative Idee auf: eine telefonische Hotline, über die literarische Texte, Gedichte oder kurze Geschichten vorgelesen wurden. In einer Zeit lange vor Podcasts und digitalen Hörbüchern war das ein visionäres Projekt, das vielen Menschen auf ganz niederschwellige Weise den Zugang zu Literatur eröffnete.
Die Jahre 1984 bis 1986 markierten schließlich einen tiefgreifenden Wandel: den Abriss und Neubau der Stadtbibliothek. Diese Phase war geprägt von Improvisation und enormer organisatorischer Leistung. Unter Ernst Buchholz Führung wurde daraus ein Aufbruch. Der Neubau brachte die Bibliothek auf ein zeitgemäßes Niveau und schuf Räume, in denen Lernen, Begegnung und kulturelle Vielfalt gedeihen konnten.
Die Schließung der Mediothek Lauterborn im Jahr 1992 und die Bündelung der Personalressourcen auf einen Standort nahm Ernst Buchholz zum Anlass, neue Formate und innovative Wege in der Angebotsgestaltung zu entwickeln. Der Hessische Bibliothekspreis 2005 war schließlich die Anerkennung dieser Arbeit.
1996 führte er die Bibliothek dann in das digitale Zeitalter: Die Einführung des elektronischen Bibliothekssystems revolutionierte den Alltag von Mitarbeitenden und Nutzerinnen gleichermaßen. Medien konnten effizienter verwaltet, Recherchen schneller durchgeführt und Arbeitsabläufe nachhaltiger gestaltet werden. Durch den Wegfall der Zettelkataloge konnte Platz für Neues geschaffen werden.
1997 folgte die Übernahme der Artothek, durch die die Bibliothek ihr Profil noch weiter erweiterte. Mit ihr gelang es, Kunst direkt in die Lebensräume der Menschen zu bringen – ein niedrigschwelliges, zugleich kulturpolitisch starkes Angebot, das Offenbachs kulturelles Spektrum bereicherte.
Neben seinem beruflichen Wirken engagierte sich Ernst Buchholz auf bemerkenswerte Weise im gesamten Bibliothekswesen: als Vorsitzender der Kommission „Schulbibliotheken“ am Deutschen Bibliotheksinstitut, als Leiter der Sektion II des Deutschen Bibliotheksverbands und als langjähriges Mitglied zahlreicher Prüfungsausschüsse. Sein Engagement reichte weit über die Grenzen Offenbachs hinaus und beeinflusste die bibliothekarische Landschaft in Deutschland nachhaltig.
Doch Ernst Buchholz prägte nicht nur die Bibliothek – er war ein wichtiger Teil des kulturellen Lebens der Stadt. Viele kannten ihn als leidenschaftlichen Musiker, der in Jazz-Bands ungezählte Feste und Veranstaltungen bereicherte. Ebenso bedeutend war sein Wirken in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, in der er wichtige Weichen für den interreligiösen Dialog setzte.
„Seit den 1980er-Jahren hat Ernst Buchholz das Lebensgefühl Offenbachs entscheidend mitgestaltet. Für die Stadtbibliothek, die Verwaltung und die gesamte Stadtgesellschaft war er ein Glücksfall“, so OB Schwenke.