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Es ist Anlaufstelle für alltägliche Anliegen – und architektonisch etwas ganz Besonderes. Zu seiner Einweihung 1971 galt das Offenbacher Rathaus als Symbol für den Wiederaufbau und den Wirtschaftsboom. Anlässlich des 50. Geburtstages eröffnet Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke nun am Freitag, 8. Oktober, um 18 Uhr die Ausstellung „Brutalistische Architektur – Aufbruch in eine demokratische Moderne“ im Foyer des Rathauses.
Eine eckige Detailansicht des Rathauses von unten gesehen in schwarzweiß.
Brutalismus pur: Das Offenbacher Rathaus offenbart immer wieder neue Blickwinkel. © Thomas Lemnitzer

Initiator der Schau ist der Fotograf Thomas Lemnitzer, der das Gebäude aus verschiedensten Blickwinkeln in Szene gesetzt hat. Seine großformatigen Fotografien im Erdgeschoss und dem 1. Stock werden ergänzt durch Aufnahmen von zwei Kollegen: Die Werke von René Spalek bilden Historisches aus der Rathaus-Umgebung ab, und Hans Jürgen Herrmann präsentiert Bilder von „Großstadt-Orten“, die ebenfalls im Brutalismus-Stil entstanden. Bilder von der Bauphase aus dem Stadtarchiv komplettieren die Ausstellung.

Mit dem Rathaus begann in Offenbach eine neue Ära der kommunalen Selbstverwaltung: „Als erstes Bauwerk in der gut 1000-jährigen Geschichte unserer Stadt wurde es explizit als Rathaus konzipiert“, sagt Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke. Zuvor war die Verwaltung stets in umfunktionierten Gebäuden untergekommen – als letzter zentraler Sitz hatte ihr, bis zu dessen Zerstörung 1943, das Büsing-Palais gedient. „Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Ämter und Behörden auf bis zu 20 Häuser in Offenbach verteilt“, berichtet Schwenke. Mit dem Neubau fanden die Bürgerinnen und Bürger alle Dienstleistungen unter einem Dach vor – und die Stadtverordneten erhielten endlich einen angemessenen Sitzungssaal. „So dient das Rathaus der Bürgerschaft und Verwaltung gleichermaßen“, schrieb der damalige OB Georg Dietrich im Vorwort einer Broschüre zur Eröffnung im Sommer 1971.

Bemerkenswert ist das Gebäude auch durch seine Architektur, die schon am Eingang ins Auge sticht: Der dreieckige Büroturm erhebt sich auf schlanken Ständern und mit 15 Etagen über dem breiten Flachbau für das Parlament. Der Begriff Brutalismus für den damaligen, modernen Architekturstil stammt vom französischen „beton brut“, dem sichtbar belassenen, rohen Beton. Die bundesweit beachteten Baupläne stammten von der Architektengemeinschaft Maier, Graf und Speidel aus Stuttgart, die den Wettbewerb der Stadt auch dank ihrer „verfeinerten Betonarchitektur“ für sich entschied. Der erste Spatenstich für das Rathaus erfolgte am 13. Juli 1968.

Die Lage des Neubaus war bewusst gewählt: „Der Wahl des Standortes des Rathauses im Herzen der Stadt kommt eine besondere Symbolkraft zu, da hier im Schnittpunkt aller gesellschaftlich wirkenden Kräfte dem Willen zur städtebaulichen Neugestaltung sichtbarer Ausdruck verliehen wird", heißt es in der Urkunde zur Grundsteinlegung im Sommer 1968. Nachdem 13.000 Kubikmeter Beton und mehr als 1.300 Tonnen Stahl verbaut worden waren, zogen im Dezember 1970 die ersten Ämter ein. „Das ging damals pfeilschnell, auch mit Hilfe von Fertigteilen“, weiß Ute Listmann, Projektentwicklerin im Amt für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement. „Die vereinbarte Bauzeit wurde ebenso eingehalten wie der Kostenrahmen von 22 Millionen Mark.“ Am 10. Juli 1971 feierte die Stadt offiziell die Einweihung des imposanten Gebäudes.

Das komplette Rathaus in einer künstlerischen schwarzweiß Ansicht.
Der Turm ruht auf einer breiten Basis. © Thomas Lemnitzer

Symbol für Demokratie und Durchlässigkeit

In der Formgebung des Offenbacher Rathauses spiegeln sich die demokratischen Prinzipien: Parlament, Fraktionen und das Büro des Stadtoberhaupts befinden sich in der Basis des Gebäudes und sind von allen Seiten zugänglich. Auf diesen Säulen ruhen die Demokratie – und der dreieckige, 72 Meter hohe Rathausturm. Zudem symbolisiert das Rathaus den Wandel von der Industriestadt zum Dienstleistungsstandort: Häufig besuchte Ämter wie das Standesamt sowie die Sitzungssäle zogen in den leicht erreichbaren Flachbau ein. Das mit Sichtbeton gestaltete, von allen Seiten zugängliche Foyer wurde mit seinen Galerien und Freitreppen als offener, kommunikativer Ort angelegt, an dem regelmäßig Ausstellungen und Empfänge stattfinden. Im Innenkern des Gebäudes liegen die Aufzüge und Toiletten, sodass 80 Prozent der 12.000 Quadratmeter Fläche für die reine Verwaltung zur Verfügung stehen.

Zum damaligen Aufbruch in die Moderne gehörte in Offenbach auch das Konzept der zweiten Ebene: Ab den 1970er-Jahren überspannten Betonbrücken für Passanten die Berliner Straße und den Marktplatz mit dem Ziel, eine autogerechte Stadt zu schaffen. Die letzten Reste der Brücken wurden im Zuge des Marktplatz-Umbaus im Sommer 2021 abgerissen.

Das Rathaus steht seit 2006 unter Denkmalschutz und wurde seitdem umfangreich saniert: Neue Heizungszentralen samt Rohrleitungsnetz gehörten ebenso dazu wie der Austausch von Sanitäranlagen und Fußböden. Im Jubiläumsjahr wurden nun zum Abschluss noch die Fenster saniert. Die Basis des Gebäudes bleibt unerschütterlich: „Nach 50 Jahren ist der Beton noch tadellos in Schuss“, freut sich Listmann: „Diese Qualität beeindruckt auch die Fachleute, die regelmäßig die Statik überprüfen.“ Bei manch anderen weckte das Rathaus von Beginn an Kritik: Viele Bürgerinnen und Bürger empfanden es als großspurig. Zu Unrecht, meinte schon damals der Lokaljournalist Lothar R. Braun: Er betrachtete das Gebäude als identitätsstiftenden Beitrag zur Stadtgemeinschaft und empfahl seine genaue Betrachtung: „Jeder Schritt verschafft neue Einsichten und Perspektiven. Das Raumerlebnis wird fortwährend verändert.“ Für Braun übte das Bauwerk einen Sog aus: „Es wirkt als Herausforderung, zwingt zu Engagement, zu Kontakt, Auseinandersetzung und Stellungnahme."

Die Ausstellung zum 50. Geburtstag des Rathauses wird unterstützt von der Stadt und den Stadtwerken Offenbach, dem BOK Bund Offenbacher Künstler, dem artefakt-Laden, dem Planungsbüro blaugrau und der Druckerei plot.com. Zur Vernissage am Freitag, 8. Oktober, ab 18 Uhr lädt OB Schwenke alle Interessierten in das Foyer des Gebäudes, Berliner Straße 100, ein. Eine Midissage am Freitag, 5. November, bietet ab 18 Uhr eine Lesung mit Ida Todisco, Jazzmusik der Berry Blue Band und eine Führung durch die Ausstellung. Die Finissage findet dann am Freitag, 19. November, ab 18 Uhr statt. Im gesamten Rathaus gilt eine Maskenpflicht.

Die Hygieneregeln für die Vernissage sind wie folgt:

  • Es erfolgt eine Einlasskontrolle nach 3G (geimpft, genesen, getestet) mit Dokumentation oder Gästeliste.
  • Das Tragen einer medizinischen Maske (OP oder FFP2-Maske) im ganzen Gebäude ist erforderlich.
  • Die derzeit geltende Abstandsregelung von anderthalb Metern ist einzuhalten.
  • Der Bereich für Speisen und Getränke ist für maximal 25 Personen ausgelegt.
  • Im direkten Bereich der Essens- und Getränkeausgabe ist es erforderlich, die Maske zu tragen. Am Stehtisch, für die Zeit des Verzehrs, kann die Maske abgenommen werden.
  • Speisen und Getränke dürfen nicht mit aus dem Bereich auf die Ausstellungsflächen genommen werden.
  • Die Wegeführung vor den Buffets ist zu beachten.

Der Fotograf Thomas Lemnitzer hat die Ausstellung initiiert und zeigt das Rathaus aus verschiedenen Blickwinkeln. Ferner sind Werke von René Spalek sowie Hans Jürgen Herrmann zu sehen. Das Stadtarchiv stellt zudem Bilder von der Bauphase aus.

Die Ausstellung kann von Montag bis Freitag, jeweils von 8 bis 20 Uhr, kostenfrei besichtigt werden. Den Abschluss bildet die Finissage am Freitag, 19. November, ab 18 Uhr. Im gesamten Rathaus gilt eine Maskenpflicht (OP oder FFP2-Maske).

5. Oktober 2021, aktualisiert mit Hygieneregeln am 8. Oktober 2021