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Portraits
Anne Schwarz und Marius Müllerteilen sich seit Anfang März die neu eingerichtete Stabstelle Digitalisierung © Christine Buhl/ Sebastian Fiedler
Nicht weniger als eine „nutzerorientierte Vision für die Digitalstadt Offenbach“ sollen Anne Schwarz und Marius Müller in den nächsten Monaten entwickeln. Beide teilen sich seit 1. März die von Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke neu geschaffene Stabstelle Digitalisierung. Die Stabsstelle wurde durch interne Umstrukturierungen ohne Ausweitung des Stellenplans geschaffen. Bei ihr sollen ab sofort alle bestehenden und neu geplanten Digitalisierungsprozesse in der Verwaltung und bei den Stadtwerken planvoll koordiniert und ausgebaut werden.

„Die Digitalisierung ist eine globale Herausforderung“, betont OB Schwenke, „und wer den Anschluss nicht verpassen will, muss heute schon Lösungen für das Jahr 2035 entwickeln“. Spätestens dann dürfe beispielsweise ein voller Mülleimer kein Problem mehr sein, weil es den dann nicht mehr gibt. „Der Mülleimer der Zukunft weiß, wann er geleert werden muss und meldet dies dem Müllfahrzeug, das seine Route daraufhin in Echtzeit anpasst und autonom gesteuert zur Leerung fährt.“

Die Digitalisierung ist, so Schwenke, ein weltweiter und unumkehrbarer Trend. Nicht nur in den großen Zentren der Industriestaaten, sondern auch heute schon in Teilen Afrikas, wo zum Beispiel Handybezahlsysteme Bankautomaten ersetzen. „Das Internet der Dinge wird sich immer dort durchsetzen, wo es das Leben der Menschen leichter macht. Ganz wichtig ist mir: die Digitalisierung müssen wir in der Stadtverwaltung und den städtischen Gesellschaften nutzen, um Prozesse zu automatisieren und das ohnehin knappe Personal für wichtigere Aufgaben einzusetzen.“ Alle Leistungen der Stadt, sei es die Entsorgung, die Mobilität oder die Behördendienstleistungen müssen im Interesse der Bürgerinnen und Bürger digitalisiert werden: „Hier stehen wir vor großen Transformationsprozessen. Wichtig ist mir dabei allerdings auch: die Möglichkeit, Verwaltungsdienstleistungen auch weiterhin klassisch erledigen zu können für alle Diejenigen, die online Angebote nicht nutzen wollen oder können, um keine soziale Spaltung oder Spaltung der Generationen entlang der Digitalisierung zu produzieren.“

Peter Walther, Geschäftsführer der Stadtwerke Offenbach, betont: „In unseren Bereichen Mobilität und Stadtservice erfahren wir schon seit längerem, wie unsere digitalen Informations- und Bestellangebote gerne genutzt werden, weil es für den Kunden bequem ist. Deshalb wollen wir unsere digitalen Angebote ausbauen und wir können uns da sehr viel vorstellen.“ Ein in der Praxis bereits eingeführter Prozess ist die seit November 2020 eingesetzte Software „Kommunalregie“ zur Baustellenkoordination und Genehmigung von Trassen. Sie bündelt alle Informationen und optimiert den Workflow der unterschiedlichen Beteiligten im Genehmigungsverfahren. „Hier wird alles in einem System erfasst, dokumentiert und bearbeitet. So haben nun Stadtservice und Stadt den Überblick über alle neu beantragten Leitungsverlegungen für Strom-, Erdgas-, Fernwärme-, Trinkwasser und Telekommunikation“, erläutert Walther. Was der Verwaltung hilft, schafft am Ende auch einen Mehrwert für die Bevölkerung: So soll aus den Angaben dieses Systems künftig eine tagesaktuelle Übersicht über alle Baustellen in der Stadt und daraus resultierende Behinderungen möglich sein.

Ebenfalls in der Umsetzung ist das Vorhaben einer digitalen Verkehrssteuerung am Unternehmensstandort Kaiserlei. Oberbürgermeister Schwenke: „Nach dem Umbau steuern und optimieren die digitalen Ampelanlagen und der Verkehrsrechner den Verkehr in Echtzeit. So muss das irgendwann überall im Stadtgebiet sein. Staus werden damit sicher nicht verschwinden. Aber der Verkehr wird flüssiger, und das ist gut für den Klimaschutz.“

Mit optimierten Prozessen Mehrwert für die Offenbacherinnen und Offenbacher schaffen

Den Nutzen der Digitalisierung hat man aber auch an anderer Stelle im Rathaus längst erkannt. Im Bürgerbüro wurden in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Dienstleistungen automatisiert und digitalisiert. „Das hat sich vor allem in der aktuellen Corona-Situation positiv bemerkbar gemacht“, berichtet Martina Fuchs, Leiterin der Bürgerbüros. „Weil viele Leistungen bereits online beantragt werden können, konnten wir die direkten Kundenkontakte um rund ein Drittel reduzieren.“ Schon vor Beginn der Pandemie setzten Fuchs und ihr Team auf digitale Lösungen bei der Terminvergabe oder beim Anwohnerparkausweis. Dieser lässt sich online bestellen, bezahlen und zuhause ausdrucken. „Hierfür muss keiner meiner Mitarbeitenden irgendetwas tun.“ Mit dem Onlinezugangsgesetz werden bis Ende 2022 zahlreiche weitere Fachverfahren in den Ämtern auf die digitale Nutzung umgestellt.

Die große Kunst wird es sein, die Vielzahl der Aktivitäten zu koordinieren. Deshalb ist Oberbürgermeister Schwenke froh, dass er mit Anne Schwarz und Marius Müller zwei sehr kompetente Fachleute für die Stabsstelle Digitalisierung gefunden hat. Ihre Aufgabe ist es, eine Vision für die Digitalstadt Offenbach zu erarbeiten und diese mit konkreten Projekten und Zielsetzungen in die Umsetzung zu bringen. „Die Verwaltung soll im digitalen Transformationsprozess beraten und begleitet werden. Wir müssen gemeinsam politisch aber auch gezielte Smart-City-Projekte anstoßen für die Innenstadt, den Wirtschaftsstandort, für Verkehr, Stadtentwicklung, Energie und Bildung“, sagt Schwenke.

Offenbach auf dem Weg zur Digitalstadt 2035

Erste Vorarbeiten für die Stabsstelle hat bereits die auf einer Führungskräfteklausur 2019 einberufene AG Digitalisierung geleistet. Beate Röschmann, stellvertretende Leiterin des Personalamtes, leitete die Arbeitsgruppe, zu deren Mitglieder Vertreter der Stadtverwaltung, der Stadtwerke und der Energieversorgung EVO zählten. „Unsere erste Aufgabe war es, uns einen Überblick über den Stand der Digitalisierung und die Herausforderungen innerhalb des Stadtkonzerns zu verschaffen. Anschließend haben wir uns umgeschaut: Was machen die anderen Städte? Wer ist hier Vorreiter? Was ist für Offenbach wichtig? Daraus ist ein Positionspapier entstanden, das als Grundlage für die Arbeit der Stabsstelle dient“, so Röschmann.

Die vor ihnen liegende Aufgabe schreckt die vierzigjährige Anne Schwarz nicht, schließlich hat sie in den letzten Jahren bereits etliche Transformationsprozesse in der Privatwirtschaft und bei Nicht-Regierungsorganisationen begleitet. „Wir werden keine Kabel ziehen und auch keine Software installieren“, meint sie schmunzelnd, „sondern bestärken, befähigen und beraten. Das dürfen Sie von uns erwarten.“ Ihr Partner ist der 27-jährige Marius Müller. Er studierte Digitale Medien und beschäftigt sich mit Künstlicher Intelligenz, unter anderem in seinem zweiten Job bei der Deutschen Bahn, sowie mit digitalen Plattformen. Kennengelernt haben sich beide über ihr digitalpolitisches Engagement und sich dann gemeinsam für die Stabsstelle in Offenbach beworben. Schwarz und Müller wollen Offenbach voranbringen. Sie wissen aber auch, die eigentliche Herausforderung liegt hinter sichtbaren Leuchtturmprojekten: „Anders als viele glauben, funktioniert Digitalisierung nicht durch große Sprünge, sondern durch viele kleine Schritte, denn dabei gilt es immer auch den Menschen mitzunehmen.“

Offenbach am Main, 23. März 2021