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Sie schmückt den Träger, dient aber der Wertschätzung besonderer Gäste: Seit 50 Jahren tragen Offenbacher Oberbürgermeister die goldene Amtskette zu feierlichen Anlässen wie hohem Staatsbesuch, Eintragungen ins Goldene Buch oder der Verleihung der Ehrenbürgerrechte. Den genauen Verwendungszweck regelt die städtische Hauptsatzung in Paragraf 1.

Der erste Oberbürgermeister, der seine Gäste mit der neuen Amtskette empfing, war Georg Dietrich. Im Januar 1966 überreichte ihm der Stadtverordnetenvorsteher Walter Frank das Schmuckstück. Seither trugen die Kette außerdem Walter Buckpesch, Dr. Walter Suermann, Wolfgang Reuter, Gerhard Grandke und heute noch Horst Schneider.

Der heutige OB hat seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht: „Ich trage die Kette gerne, nicht um mich selbst zu schmücken, sondern um den Gästen beziehungsweise dem Anlass eine besondere Bedeutung zu geben. Allerdings, nach anderthalb Stunden langen Tragens schmerzen die Schultern doch ein wenig", erzählt Schneider.

Die Kette wiegt mehr als 1,2 Kilogramm und wird in der Regel drei- bis viermal im Jahr aus dem Tresor geholt, zuletzt bei der Verleihung der Ehrenbriefe des Landes Hessen im Juli 2015. Sie ist 107 Zentimeter lang und besteht aus 900er Gold sowie insgesamt 29 asymmetrischen Gliedern. Hierauf sind sechs Embleme angebracht, die Industrie, Handel, Chemie, Kunst, Handwerk und Leder symbolisieren. Am Ende der Kette funkeln vierzig winzige Brillanten á 0,10 Karat, die das Stadtwappen umsäumen.

In den Hohlräumen der Wappen und der Weltkugel befinden sich sogenannte Leporellos (ziehharmonikaartig zusammengefaltete Alben), auf denen alle damaligen Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats namentlich verzeichnet sind. Für die Anfertigung der Leporellos, der Stiftungsurkunde, die aus Ziegenhaut besteht, und die Schriftgestaltung war Karlgeorg Hoefer verantwortlich. Er war Fachklassenleiter an der Werkkunstschule, der heutigen Hochschule für Gestaltung, und Gründer der Schreibwerkstatt Klingspor. Die Schrift wurde unter der Lupe geschrieben, ist jedoch mit dem bloßen Auge noch gut lesbar.

Leserumfrage war Anlass für Herstellung

Anlass für die Herstellung war eine Leserumfrage der Offenbach-Post von 1958: Damals sprachen sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger dafür aus, dass sie ihren Oberbürgermeister wie in andern Städten üblich gerne mit Amtskette sehen würden. Offenbacher Bürger, der Erste Offenbacher Schwimmclub, der Stammtisch der Weinstube Bisch (Herrnstraße 3) mit Kurt Schreiner, den früheren Spieler und Trainer von Kickers Offenbach, an der Spitze und der Gesamtverband der Sowjetzonenflüchtlinge Kreisverband Offenbach waren es dann auch, die Gold in Form von Münzen und Goldzähnen spendeten. Darüber hinaus stiftete die Städtische Sparkasse ein Kilogramm Feingold.

Dank dieser Unterstützung bewilligten die Stadtverordneten im Februar 1964 die Anschaffung und Fertigstellung einer Amtskette für den damaligen Betrag von 17.500 Deutsche Mark. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, an dem sich fünf Künstler mit zwölf Entwürfen beteiligten. Am Ende überzeugte der Entwurf des Neu-Isenburger Goldschmiedemeister Albert Welker – er erhielt den Auftrag per Werkvertrag im November 1964, ein repräsentatives Schmuckstück anzufertigen. Noch im gleichen Jahr begann Welker mit den Arbeiten, die er nach etwas mehr als einem Jahr abschloss.

„Gewiss, diese Kette wird nicht nur glanzvolle Feste erleben, sie wird auch sorgenvolle Zeiten durchmachen“, orakelte der damalige Oberbürgermeister Georg Dietrich, als er am 27. Januar 1966 als erster Offenbacher Oberbürgermeister überhaupt eine Amtskette vom damaligen Stadtverordnetenvorsteher Walter Frank entgegennahm. Schon damals war die finanzielle Lage der Stadt nicht rosig.

Damit die Offenbacher Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeiten hatten, die Kette live zu sehen, wurde sie noch im März desselben Jahres im Deutschen Ledermuseum ausgestellt. Zu größeren Ehren kam die Kette, als sie 1967 in der Ausstellung „Amtsketten deutscher Städte“ im Goldschmiedehaus in Hanau zu sehen war.

Die Amtskette, deren Wert heute auf zirka 125.000 Euro geschätzt wird, ist sicher im Tresor des Rathauses aufgehoben. 1,60 Meter hoch und 100 Zentimeter breit ist der graue unscheinbare Schrank, der im Keller steht. Sein Schloss ist mehrfach gesichert. In Zeiten elektronischer Banküberweisungen und Konten hat er zwar als Aufbewahrungsort für Steuer- und Gebührengeld, Arbeitslöhne oder Strafgelder längst ausgedient. Dennoch ist sein Inhalt weiter wertvoll: „Das wichtigste darin ist die Amtskette des Oberbürgermeisters in einer Schatulle und ein goldener Siegelring“, sagt Hauptamtsleiter Gordon Hadler.

Dieser Siegelring, der noch existiert, wurde 1958 vom Offenbacher Goldschmied Karl Antoni gestiftet und besteht aus 18-karätigem Gold und hatte damals einen Wert von 1.000 Deutsche Mark. Oberbürgermeister Georg Dietrich trug ihn bei wichtigen Anlässen.

7. April 2016