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29. April 2003: Das Offenbacher Klingspor Museum zeigt seine neue Schau "Vom Bilderbogen zur Bildsequenz als Doppelausstellung an zwei Orten. Die Ausstellung ist vom 14. Mai bis zum 30. Juni im Museum in Offenbach, Herrnstraße 80, zu sehen. Hier wird sie am Mittwoch, 14. Mai, um 19.00 Uhr eröffnet. In den Goldhalle des Hessischen Rundfunks, Bertramstraße 8 in Frankfurt, wird sie vom 16. bis zum 31. Mai gezeigt. Hier ist die Übergabe am Freitag, 16. Mai, 18.00 Uhr.

Die Ausstellung "Vom Bilderbogen zur Bildsequenz" resultiert aus einer Kooperation des Hessischen Fernsehens mit dem Klingspor Museum Offenbach. Zwei Anliegen verbinden sich: für die Fernsehsendung mit dem Titel „Bilderbogen“, diesen Begriff in die Geschichte zurückzuverfolgen und ihn zusammen mit dem Klingspor Museum, das in diesem Jahr 50 Jahre alt wird, anhand von Beispielen aus seinen Sammlungen zu veranschaulichen.

Bei dieser Intension wurde berücksichtigt, dass Bilderbögen, wie sie das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, zwar im Bestand des Museums vorkommen – rund 60 Exemplare werden gezeigt – , der Schwerpunkt des Museums indes auf der Buch- und Schriftkunst des 20./21. Jahrhunderts liegt, eine Epoche, die den Bilderbogen kaum mehr kennt. Wohl aber hat sich das Prinzip der schrittweisen Bildfolge, mit mehr oder weniger deutlich Handlung aufzeigendem Charakter, erhalten, und dies kann an Beispielen der Buchkunst, Grafikfolge oder Plakatserie sichtbar gemacht werden.

„Vom Bilderbogen zur Bildsequenz“ versteht sich also als Initiative der Fernsehsendung Bilderbogen, die auf die spezifischen Gegebenheiten der Sammlungen des Museums für Schrift- und Buchkunst zugeschnitten wurde und somit über die spezielle Gattung des Bilderbogens hinausgeht. Um seinem Potential gerecht zu werden, bot es sich an, ein Nachwirken des Bilderbogens, oder besser: des Prinzips, das ihn kennzeichnet, in grafischen Werken zwischen 1900 und heute exemplarisch aufzuzeigen.

Unter diesen Vorzeichen versteht sich die aktuelle Ausstellung nicht als umfassende Erarbeitung der Gattung des Bilderbogens an sich, sondern als Kette von Beispielen aus dem Sammelfeld des Klingspor Museums, die immerhin das Phänomen der abschnittweisen Bilderzählung in seiner vielfältigen Umsetzung veranschaulichen können. Mit seiner umfangreichen Sammlung des Buchs, das Bild und Wort zur Darstellung eines Rapports zusammenführt, ist das Museum in dieser Hinsicht ein reichhaltiger Quell der Betrachtung.

'Was ist nun unter dem Begriff „Bilderbogen“ zu verstehen'. Die so titulierte Fernsehsendung versteht sich als spezifisches Format zur Erkundung von Sachverhalten, Tätigkeiten und Örtlichkeiten. Die Art und Weise, wie darüber ins Bild gesetzt wird, kombiniert das Informative mit dem Atmosphärischen, entwickelt in konsequenter Abfolge den Handlungsstrang, erschließt den Sachverhalt und weiß ihn dabei allgemein verständlich zu übermitteln. Schritt um Schritt greift die Darstellung aus, im Tempo dosiert, so dass über sachliche Aussage hinaus Raum zur Nachempfindung entsteht.

Darin entspricht die Sendung den Intentionen des Bilderbogens, wie er sich als Medium der bildlich fundierten Schilderung im Verlauf des Mittelalters entwickelte, um im 18. und 19. Jahrhundert seine Blütezeit zu erleben. Dabei wirkt nicht allein das Bild als Mittel des Bilderbogens, vielmehr tritt auch Text in einer nachrangigen Menge und Anordnung hinzu.

Bilderbögen sind volkstümliche Druckblätter mit Bildern oder Bildfolgen, die von Texten mit oder ohne Reim begleitet werden. Im 19. Jahrhundert waren Bilderbögen in Deutschland sehr beliebt, denn sie boten Unterhaltung, Belehrung, Bildung und Erbauung in leicht verständlicher Form. Bekannte Künstler wie Moritz von Schwindt, Otto Speckter, Franz Graf von Pocci oder Wilhelm Busch waren die Autoren und Illustratoren der Verlage in München, Dresden, Stuttgart oder Neu-Ruppin. Die buntgemischten Themen der Bilderbögen sorgten für eine weite Verbreitung bei jungen und erwachsenen Lesern.

Märchen und Sagen oder die Bildgeschichten von Wilhelm Busch erscheinen häufig als Fortsetzungsblätter. Trachten und Menschen aus fremden Ländern werden vorgestellt, heimische und exotische Pflanzen, oft in gereimter Form. Tiere treten auf, mit oder ohne Menschenkleider; im Tieralphabet werden sie mit menschlichen Eigenschaften charakterisiert. Aber nicht nur zum Betrachten waren die Bilderbögen da, man konnte sie nach Anleitung zerschneiden und als Lotteriespiel verwenden. Solche Spielebögen mit schönen farbigen Holzschnitten gibt es auch in Frankreich, Holland und Spanien.

Frömmigkeit und Heiligenverehrung spiegeln sich in den Bilderbögen ebenso wie Vaterlandsliebe oder Moralvorstellungen der Zeit. So endet es böse für ein Kind, wenn es die Schule schwänzt oder gar Nachbars Äpfel stiehlt. Artige Kinder werden belohnt, mit den Märchen von Ludwig Bechstein oder den Brüdern Grimm, in denen stets das Gute siegt. Bei den Bildergeschichten von Wilhelm Busch dagegen kommt so mancher Bösewicht ungestraft davon . Geschenke für Kinder sind auch die Spielzeugbögen: Blätter mit Nußknackern, Soldaten und Kanonen und anderem beliebten Holzspielzeug.

Die Schattenbilder sind durch ihre Schwarz-Weiß- Kontraste besonders eindrucksvoll. Als lesbares Schattenspiel laufen sie Zeile für Zeile über das Blatt. Meist ganz ohne Text werden verschiedene Begebenheiten geschildert: ein Reiterzug, ein Gastmahl, eine Bauernkirchweih. Die Silhouettenbilder sind voller Bewegung, ein großes Aufgebot von Personen, Tieren und Wagen zieht vorüber. Schreckliche oder drollige Zwischenfälle unterbrechen immer wieder den Gang der Handlung, denn stets ist ein Puck, ein Kasperl oder sonst ein Nichtsnutz am Werk, um irgend einen Schabernack zu treiben.

Ein Bilderbogen kostete zehn Pfennige, in Farbe zwanzig. So viel Vergnügen für so wenig Geld!


Für die hier präsentierte Ausstellung wurde die Titelfrage „700 Jahre Bilderbogen?“ gewählt. Sie zielt ab auf ein an den Anfang der Exponatenreihe gestelltes Manuskript des Psalters, das sich, gegen Ende des 13. Jahrhunderts in der Provence von Hand geschrieben und illuminiert, im Besitz des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst befindet. Ungewöhnlich ausgiebig mit einer Bildstrecke vor und hinter dem Textblock versehen, bietet die Handschrift einen geeigneten Einstieg in die Betrachtung. Dabei gilt der Blick speziell den Anfangsszenen zur Erschaffung der Welt. Die Bilder sind in der strengen Abfolge der durchweg gleichen Figuren von Gottvater, Adam, bald auch Eva, in charakteristischer Weise signifikant für die Aneinanderfügung von Grundfiguren zur abschnittsweisen Verdeutlichung der Handlung. Und: sie sind unterschrieben mit dem jeweils maßgeblichen Satz aus dem ersten Buch Mose. So wird die Erschaffung der Welt schrifttextlich benannt und bildszenisch ausgebreitet.

Die Psalterminiaturen führen sich zurück auf ein Vorbild in einer karolingischen Riesenbibel aus dem 9. Jahrhundert. Diese zeigt ein Register aus vier Bildstreifen, in denen sich nur von prononcierten Bäumen abgetrennt die Szenen nebeneinander reihen zu der für die Zeit und die Gattung so typischen Darstellungsform; sichtlich der antiken Vorlage der Trajanssäule verpflichtet.

Der Psalter des 13. Jahrhunderts indes vereinzelt die Szenen Seite für Seite und macht damit den Unterschied zur Bibel deutlich, den Unterschied auch zu einem einzigen Bildrahmen, wie ihn der Bilderbogen fortschreibt. Gerade im Vergleich von Bibel und Psalter wird indes das Gemeinsame wie das Trennende zwischen Bilderbogen und Bildrapport anschaulich. Und das umso mehr, als sich ansonsten vom Zeitstil abgesehen die Darstellung der Szenen mit ihren Figuren in Bibel und Psalter ausgesprochen ähnlich sind.

Mit dem besagten Vergleich zweier Spielarten sequentieller bildlicher Erschließung ist auch das Spannungsfeld dieser Ausstellung angelegt, das Nebeneinander der Bilderbogenform einerseits und der Bild-um-Bild Diskurs, wie ihn das Buch Seite um Seite praktiziert andererseits.

Die Ausstellung präsentiert sich an zwei Orten. Zum einen in der Bibliothek und in den Ausstellungsräumen des Klingspor Museums, zum anderen in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks . Beide nehmen das beschriebene Psalterium zum Ausgangspunkt. Die Erschaffung der Welt als Anfang der Geschichte von Land und Leuten kann als „archetypischer“ Erzählstoff, ja als Bilderbogen der Welt schlechthin, begriffen werden. Im strengen Zeitrhythmus baut sich die Handlung mit dem immer gleichen Protagonisten – Gott – auf , Szene um Szene wächst aus dem Einen das Andere zum schlussendlich Ganzen. Was der Text in seiner diesbezüglichen Gliederung vorgibt, vollziehen die Bilder konsequent nach.

Versteht sich die Genesis als Anbeginn von Lebensraum und seiner Bevölkerung, lesen sich alle weiteren Text- und Bildfolgen als Detailbetrachtungen. Bilderbögen versuchen immer über das charakteristische einer umgrenzten Begebenheit ins Bild zu setzen, welcher Art auch immer der Gegenstand ist. Die Vielfalt ist so groß wie das Angebot, das „Gott und die Welt“ unterbreiten. Natur, Geschichte, Mythos, Tätigkeitsfelder, Lebensraum, Mode...

Dergestalt breitet sich in der Präsentation im Hessischen Rundfunk die Strecke der Bilderbögen aus dem 19. Jahrhundert aus. Hauptsächlich kommen Beispiele der beiden bedeutenden Ausgaben „Münchner Bilderbogen“ und „Deutsche Bilderbogen“ vor. In der Reihe "Deutsche Bilderbogen für Jung und Alt" des Stuttgarter Verlags Gustav Weise erschienen vermutlich zwischen 1867 und 1873 (eine genaue Datierung konnte bisher nicht erfolgen) insgesamt 250 Nummern. Die "Deutschen Bilderbogen" lehnten sich in Aufmachung und Zielgruppe stark an das Vorbild der "Münchner Bilderbogen" (seit 1848) des Verlags Braun & Schneider an. Wie diese sind die Stuttgarter Bogen signiert und damit Künstlerpersönlichkeiten zuzuordnen. Die einzelnen Bogen wurden zu je 25 Nummern in insgesamt 10 Bänden zusammengefasst. Wie eine Wandzeitung gibt sie summarischen Überblick über Dieses und Jenes, jeweils aufgeführt und aufbereitet für die Wahrnehmung „auf einen Blick“.

Im Dialog dazu ist eine Reihe von Fernsehbildschirmen postiert. Sie gibt das Prinzip des Fernsehens zu bedenken: Filmisch Bilder so schnell in Fluss zu bringen, dass Bildbewegung entsteht. Und diese technische Möglichkeit einzusetzen, um Bildfolgen zu schaffen, die das reale „aufgenommene“ Leben des mehr oder weniger Alltäglichen zusammengefasst zur Sequenz von Abbildern wiederzugeben. Fernsehen ist insofern die elektronische Fortentwicklung des Bilderbogens. Technisch wie inhaltlich. Zum allgemeinen Verständnis –tendentiell nicht elitär und spezialisiert – wir die Welt, Abschnitt für Abschnitt, vorgestellt.
Aus den Bilderbögen erwuchs der Comic. Beispielhafte Comics schafft der Berliner Künstler Fritz Best. Seine Bild-Text-Abhandlungen gehen indes an die Grenze des Allgemeinen insofern sie es mit der Perspektive des Künstlers verfremden. Das „Leicht-hin-Erzählen“ um der Spannung oder der Muße der Unterhaltung willen wird zu einer markant reflektierenden Hinterfragung von Geschehen. Nicht nur Themenstellung, Text und Zeichenweise setzen die Comics vom üblichen des Genre ab, allein schon das kleine Querformat der Hefte assoziiert Besonderheit, Individualität, Privatheit. Best hat parallel zu seinen gedruckten Comics Bilderzählungen zur „Tafelrunde“ inszeniert. Ein solches Arrangement, zum Märchen „Rapunzel“, ist in die Präsentation im HR mit einbezogen. Zu den gedruckten Bilderbögen und den Fernsehbildern entsteht eine dritte Ebene des Dreidimensionalen und tatsächlich Anfassbaren. Bildszenen sind als storybords aufgestellt und laden zum „interaktiven“ Bildermachen ein. Aus der Betrachtung der Bilder wird ihr Mitgestalten. Permanent durch immer neue Koautoren verändert, gewinnt die Bildsequenz eine weitere Qualität der Mehrgestaltigkeit und Mehrschichtigkeit.

Wahrnehmung von Lebensalltag auf unterschiedlichen Ebenen von Anspruch und Antwort verbindet die Stationen der Ausstellungen. Bilder der Macht über die Welt: der Genesiszyklus im mittelalterlichen Psalterium. Bilder von was wer in der Welt macht: Die Bilderbögen; gedruckt im 19. Jahrhundert, über die Mattscheibe transportiert heute. Macht mal Bilder: Der Comicautor lädt zur Ko-Autorschaft ein.

Im Klingspor Museum sind zu den genannten Bilderbögen – davon werden ausgewählte Beispiele gezeigt – solche hinzugenommen, die aus der Gattung der Buntpapiere stammen. Volksgruppen und Tierwelt sind hier die Themen, vorgetragen auf schmuckvollen Buntpapieren, wie sie zum Ausstaffieren von Büchern und Möbelstücken benutzt wurden.

Mit einer barocken Buchfassung zum Basler Totentanz, der ursprünglich Ende des 15. Jahrhunderts als Bilderfolge auf die Außenwand der Büßerkirche gemalt war, wendet sich die Präsentation dem Buch und der betexteten Grafikfolge zu. Und der Tenor bleibt nachdenklich. Ob Franz Masereel, HAP Grieshaber, Felix Furtwängler oder Uwe Loesch – alle sind vertreten mit Bildfolgen, die einen Vorgang thematisieren, der zum Bedenken animiert. Andere Exponate von Warja Lavater oder Anton Würth sind, wenn auch thematisch weniger existentiell, so doch Inszenierungen des Verlaufs von Wahrnehmung, von Zeit-Verlauf.