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In der Stadt Offenbach und weit über ihre Grenzen hinaus schätzen kundige Menschen das Klingspor-Museum als internationales Buch- und Schriftmuseum. 1953 wurde das Museum gegründet zur Aufbewahrung und Pflege der Drucksachen und Unikate, die im Wirkungskreis der Schriftgießerei Gebr. Klingspor entstanden sind. Die Schrifterzeugnisse, die in der Firma geschaffen wurden einerseits, die Buchsammlung Karl Klingspors andererseits legten den Grundstock der Museumsbestände, die, angefangen mit dem Schriftoeuvre Rudo Spemanns, um zahlreiche Kapitel der Buch- und Schriftgeschichte des 20. Jahrhunderts ergänzt wurden. Wie sollte einer so reich profilierten Sammlung, in der es Pressendrucke, Handschriften, Schriftblätter, Schriftteppiche, Kalender, Plakate, Landkarten und anderes gibt in einer einzigen Ausstellung Rechnung getragen werden?

Eine Auswahl wurde getroffen. Auf die größte Sparte des Bestandes gerichtet, das Buch, wurden 50 Werke ausgewählt, die – symbolisch für 50 Jahre Bestehen des Museums – tatsächlich aber Akzente aufzeigen sollen, wie sie für die Entwicklung schrift- und bildkünstlerischen Wirkens im Buch Aufschluss geben können.

Die Werke reichen vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende der 80er Jahre, eine Akzentsetzung, die dem Herkommen des Museums aus der Frühzeit des Jahrhunderts Rechnung trägt und ein Zusammenspiel von Büchern erlaubt, das die allgemeine Entwicklung der Buchkunst beleuchtet und die Spezifika der Sammlung dieses Hauses hervorhebt.

Das Klingspor Museum verkörpert durch seine Herkunft aus der Gießerei auf seine Weise authentisch das Schriftschaffen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schriftgeschichte im Gewand einer bedeutsamen Firmengeschichte wird in den Sammlungen des Museums präsent. Am Anfang der Ausstellung steht als erstes der ausgewählten 50 Sammlungsstücke folgerichtig das Paar zweier speziell wichtiger Schriftproben – die der Eckmann- und die der Behrens-Schrift. Sie stehen herausragend für die Intention Klingspors, der Schrift zu Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Individualität des Künstlers Beachtung und Zeitbezug zuzuführen. Er stand mit seinem Anliegen nicht allein dar, sondern an der Spitze einer maßgeblichen Bewegung, eingebettet in ein allgemeines Aufleben anspruchsvoller Gestaltung von Produkten des alltäglichen Lebens. Die Verschmelzung von Aufgabenstellungen in unterschiedlichen handwerklichen Disziplinen unter der einen gleichen Ausdrucksabsicht einer Gestalterpersönlichkeit prägte diese Entwicklung, wobei die Malerei einen wichtigen Ausgangspunkt bildete.
Von Emil Rudolf Weiss (1875-1942) ist die Bemerkung überliefert:„ Es waren die Maler, die ...dem ‚Pan‘ seine Gestalt gaben. Eckmann, Ludwig von Hofmann, Behrens, ich zeichneten für ihn ihren ersten Buchschmuck...“
Karl Klingspor war neben dem Schriftfabrikant und dem Ästhet im Umgang mit der Formung und Gestaltung von Schrift, gesetzter wie handgeschriebener, ein ausgesprochener Sammler herausragend gestalteter Bücher. Wie er die individuelle Handschrift des Gestalters in das Schriftwesen einimpfte, so war er Zeitzeuge und zugleich treibende Kraft einer Entwicklung des Buches, die das Vordringen des einzelnen Künstlers in die bildliche Ausstattung des Buches intensiviert sah, und die auch das Handwerkliche um den ganz persönlichen Ausdruck des Einzelnen bereichert fand. Die dafür beispielhaften, herrlichen Einbände des Ignatz Wiemeler (1895-1952) sind unabweisbar das Zentrum der Sammlung Klingspors.

Die Entwicklung des deutschen Pressendrucks, das eigenständige Ausformen des Buches als Gesamtkunstwerk, wesentlich bestimmt durch Walter Crane und William Morris, werden in der Sammlung ebenso lebendig wie die ersten Schritte zum Buch des bildenden Künstlers, der Text-Bild- Konfigurationen ganzheitlich inszeniert.

Dafür seien nur das avantgardistische bis heute erstaunliche Buch Oskar Kokoschkas „Die träumenden Knaben“ aus dem Jahr 1908 sowie Ernst Ludwig Kirchners „Umbra Vitae“ von 1924 zu Gedichten Georg Heyms erwähnt.
Karl Klingspor, das gilt es hervorzuheben, war ein dynamisch den Formwillen seiner Zeit antreibender Initiator. Er hat dabei nicht alle Reformkräfte seiner Zeit im selben Maße mitgesehen und gefördert; zu sehr konzentrierte sich die Überzeugung auf eine dem Historischen verpflichtete Nomenklatur. Diese indes nach eigenen Maßstäben auszubilden, war zweifellos das vitale Bemühen seiner selbst und der Kreativen um ihn herum. Nicht umsonst war er es, der mit dem Wettbewerb der Schönsten Bücher eine bis heute bestehende Instanz ins Leben rief, um die Qualitätsmaßstäbe des Buchs wach zu halten und weiter zu entwickeln.

Diese Ausstellung versucht, Anregung zu einer neuerlichen Beschäftigung mit einem Kompendium buchkünstlerischen Schaffens zu sein, das seit kurzem zu einer Angelegenheit des letzten Jahrhunderts geworden ist. Die Auswahl der nur 50 Werke aus dem nach 10.000en zählenden Bestand des Museums folgte verschiedenen Aspekten. Sie zielt darauf ab, Charakteristika des Klingspor Museums und seiner Bestände zu beleuchten – und selbst die sind durch die hier aufgeführten Werke nur andeutungsweise bezeichnet.
Immerhin ist angestrebt, die Herkunft der Sammlung aus der Schriftgießerei und der „klassischen Moderne“ zu würdigen. Werke der einflussreichen englischen Buchkunst, wie sie Klingspor ins Auge fasste, gehören an den Anfang der Exponatenreihe ebenso wie die Schriftproben, die Eckmann und Behrens als Protagonisten des Firmenaufschwungs bekunden. Von hier aus sind schrittweise die Jahrzehnte exemplarisch abgehandelt. Sichtbar wird dabei die fortschreitende Erschließung des Buchs hinsichtlich seiner Vielseitigkeit, die Individualität einer künstlerischen Äußerung zum Ausdruck zu bringen; in Format, Materialien, Bindetechnik und besonders im komplementären Einsatz von Schrift, Bild und Zeichen. Das Zusammenspiel handwerklicher und bildkünstlerischer Kräfte macht den Reichtum dieser Entfaltung aus und das Buch zu einem so einzigartig vielgestaltigen Gebilde des konstitutiven Erscheinens des einzelnen Bildes und der einzelnen Schriftseite sowie der konsekutiven Reihung aufeinander bezogener Seiten und ihrer Aussagen. Ein entsprechender Aspekt bei der Bestimmung der Werke für diesen Katalog war ein lebendiges Wechselspiel zwischen den Elementen des Schrift- und Bildkünstlerischen aufzuzeigen. Dabei kommen Handschrift wie Typografie zur Geltung. Die Entscheidung ist zu betonen, gegen viele Alternativen, Rudolf Koch mit seinem einzigartigen Kreuz der von Hand geschriebenen Bergpredigt aufzunehmen . Ergänzen wir Rudo Spemanns Handschrift zum Corintherbrief und Picassos „Deux contes“, repräsentiert durch das Schriftplakat für einen Stierkampf, sehen wir gar Dieter Wagners kühne schriftkompositorische „Entrückung“ von Goethes „Über allen Gipfeln“, deutet sich die Tendenz an, die Komponente der Schriftbildlichkeit, die so zentral im Blick des Klingspor Museums liegt, entsprechend in Ausstellung und Katalog zu berücksichtigen.

50 kann auch Fünfzig geschrieben sein. Zur Schrift gehört auch die Ziffer. So überrascht es nicht, zwei Werke am Schluss der Ausstellung zu finden, die auf jeweils ganz eigene Art der 5 und der Null Ausdruck verleihen. Ob Rupprecht Geiger, inzwischen 90 Jahre alt, oder John Gerard und Uwe Warnke, ähnlich alt wie das Museum – sie schreiben, stellvertretend für eine beträchtliche Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern im Feld der Buchkunst sichtbar die Zukunft eines variablen Zusammenspiels von Sprache und Farbe, zwischen denen Schrift ein auch weiterhin essentieller Mittler bleibt.


C h r o n i k d e s K l i n g s p o r M u s e u m s

Im Jahre 1948 verlieh die Stadt Offenbach Karl Klingspor die Ehrenbürgerwürde. Nach seinem Tode am 1. Januar 1950 vermachte die Erbengemeinschaft der Stadt Offenbach Karl Klingspors wertvolle Sammlung moderner Buchkunst mit der Verpflichtung, diese in einem Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Sammlung umfasste 3000 Bände, darunter nahezu 100 Handeinbände des Meisterbuchbinders Ignatz Wiemeler.

Am 7. November 1953 wurde das Klingspor Museum in einem vom Krieg unversehrt gebliebenen Teil des Büsing-Palais eröffnet. Der erste Leiter des Museums war der Buchkünstler, Maler und Graphiker Georg Alexander Mathéy. Ihm oblag auch die Gestaltung der Innenräume des Museums, das durch zeitgemäßes Mobiliar und Ausstattung den Anspruch auf Modernität unterstrich. Noch im Gründungsjahr besuchte Bundespräsident Theodor Heuss das Haus in der Herrnstraße. Schon bald nach der Gründung kamen die Nachlässe der großen Schriftkünstler Rudolf Koch und Rudo Spemann in das Klingspor-Museum. 1956 konnte die kostbare Sammlung des emigrierten Rechtsanwaltes Siegfried Guggenheim erworben werden. Im Dezember desselben Jahres wurde zum ersten Mal eine Ausstellung der schönsten Bilderbücher gezeigt.
Die Schau der neuen Bilderbücher aus aller Welt wurde zur festen Einrichtung, jedes Jahr um die Weihnachtszeit wird die Bilderbuchausstellung von zahlreichen kleinen und großen Bilderbuchliebhabern besucht.

Im April 1957 trat Hans A. Halbey die Nachfolge Mathéys an. Er verschaffte dem Museum internationales Renommee und erweiterte die Sammlung um zahlreiche Kostbarkeiten, wobei vor allem französische Malerbücher, wie die Chagall-Bibel und Max Ernsts Maximiliana zu nennen sind . 1959 zeigte das Museum Teile seiner Bestände in 10 Städten der USA unter dem Titel „Modern German Book Design“.
1958 wurde eine Fördergemeinschaft „Vereinigung Freunde des Klingspor Museums“ gegründet, die bis heute existiert und das Museum maßgeblich unterstützt.

1965 erhielt das Museum einen Erweiterungsbau im wiedererrichteten Südflügel des Büsing-Palais. Im Erdgeschoss wurde neuer Ausstellungsraum geschaffen, im Obergeschoss das Archiv untergebracht.

Es gelang, eine große Anzahl von Originalen des bedeutenden Illustrators Josef Hegenbarth (1884-1962) in das Museum zu holen.

In den Jahren 1969/74 konnte das Museum eine umfangreiche Sammlung von Werken des niederländischen Druckers und Typographen Hendrik N. Werkman erwerben. Im Laufe der Zeit konnten nach und nach zahlreiche Arbeiten des großen Schriftkünstlers und Lehrers Ernst Schneidler (1882-1956) erworben werden.

1977 übernahm Christian Scheffler die Leitung des Museums. Ihm ist es zu verdanken, dass das Haus zahlreiche Nachlässe erhielt, unter anderem schenkte die Tochter des Schriftkünstlers Georg Trump (1896-1985) dem Museum 1986 den umfangreichen künstlerischen Nachlass ihres Vaters. 1989 zeigte das Klingspor Museum eine große Retrospektive des belgischen Holzschneiders Frans Masereel (1889-1972) mit Exponaten aus der Sammlung Paul Ritter. Nach der Ausstellung überließ der Sammler dem Museum die in ihrer Vollständigkeit wohl einmalige Masereel-Sammlung als Dauerleihgabe und vermachte sie dem Haus testamentarisch. Zu den Erwerbungen in dieser Zeit gehörten ebenso Werke der ostasiatischen Schriftkunst wie auch des buchkünstlerischen Schaffens in der DDR.
Noch vor dem Mauerfall waren Kontakte zu Künstlern der inoffiziellen Buchkunst der DDR geknüpft worden. Im Frühjahr 1990 fand im Klingspor Museum die
1. Typen-Messe, eine Ausstellung mit Pressendrucken der BRD und der DDR, statt.
1994 schenkte der bekannteste Illustrator der DDR, Werner Klemke (1917-1994), dem Museum seine illustrierten Bücher sowie viele Originale und umfangreiches Material zu seinem Schaffen.

2002 wurde Stefan Soltek neuer Leiter des Klingspor-Museums. Die Kooperation mit Museen im In- und Ausland wurde fortgesetzt. So konnten die Stundenbücher des Mainzer Künstlers Robert Schwarz ergänzend mit mittelalterlichen Stundenbüchern aus dem Meermanno Museum in Den Haag und dem Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main gezeigt werden. Die 9. Triennale für „Form und Inhalte“ wurde vom Frankfurter Museum für Angewandte Kunst und dem Klingspor Museum zusammen mit dem New Yorker Museum Arts and Design veranstaltet. Soeben wurde das Museum umfangreich renoviert und präsentiert sich nun zu seinem 50jährigen Jubiläum mit der Ausstellung „50 Jahre 50 Bücher“. Der Bestand ist mittlerweile auf über 62.000 Bände angewachsen. Das Veranstaltungsprogramm wird von Vorträgen und Lesungen begleitet. Der dabei rege Umgang mit Buch und Schrift in der Gegenwart wird sich in nachfolgenden Publikationen niederschlagen, jetzt aber schon in der ersten der sogenannten „Buchverhandlungen“ –Ulrike Stoltz und Anton Würth vergleichen ihre Aspekte zum Buch, die Buchkünstlern heute ein Forum und Gelegenheit zur Reflexion ihrer Arbeit geben sollen.