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15. Juli 2010: Die Ferien haben begonnen, viele Schüler halten ein Abschlusszeugnis in der Hand, wissen aber nicht, wie es nach der Schule weitergehen soll. Ratlosigkeit ist eines der Probleme, die den Übergang von der Schule ins Berufsleben so schwierig machen. Die Stadt Offenbach hat für solche Fälle das Regionale Übergangsmanagement ins Leben gerufen, eine Koordinierungsstelle, die den Überblick über die Vielfalt von Angeboten behält und dafür sorgt, dass jeder Jugendliche die Unterstützung erhält, die er braucht. „Die Jugendlichen sind herausgefordert, im Dschungel der Möglichkeiten das für sie Richtige zu finden“, sagt Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Birgit Simon.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet hat sich eigentlich entspannt. Das trifft aber nicht auf Offenbach zu. Laut Regionaldirektion der Agentur für Arbeit kommen in Offenbach (Stadt plus Mittel- und Westkreis) im Schnitt 2,7 Bewerber auf eine freie Ausbildungsstelle. Ende Mai 2010 waren bei der Agentur für Arbeit 2.313 Lehrstellen-Suchende gemeldet, darunter rund 1000 sogenannte Altbewerber. Von den 1004 gemeldeten Ausbildungsstellen waren im Mai noch 478 unbesetzt.

"Karrieren scheitern an Übergängen"

Das Angebot und die Nachfrage nach Lehrstellen zusammenzubringen ist eine wesentliche Aufgabe, bei der die Stadt Offenbach seit Jahren die Agentur für Arbeit unterstützt. In Deutschland seien die Übergänge von einer Bildungsphase in die nächste besonders schwierig, sagt Bürgermeisterin Simon. Das gelte schon für den Wechsel vom Kindergarten in die Grundschule, dann für den Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule und schließlich für den Einstig ins Berufsleben. „Karrieren scheitern an diesen Übergängen. Es sind Kanten, an denen man hängen bleiben, oder von denen man sogar abrutschen kann“, weiß Simon.

Dass Jahr für Jahr Lehrstellen unbesetzt bleiben, während andererseits viele Jugendliche vergeblich einen Ausbildungsplatz suchen, hat aus Simons Sicht viele Ursachen: Eine wesentliche ist, dass ein Großteil der Jugendlichen sich immer noch auf sehr wenige Berufe konzentriert. „Da hat sich in den vergangenen 30 Jahren nichts geändert“, sagt Ralph Kersten, Leiter des Regionalen Übergangsmanagements. 349 duale Ausbildungsberufe gibt es zurzeit - von A wie Änderungsschneider bis Z wie Zweiradmechaniker. Aber drei Viertel aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge entfallen auf nur 44 Berufe, was einem Anteil von nur rund 12 % des gesamten Spektrums entspricht. Junge Männer wollen am liebsten Kfz-Mechatroniker werden, junge Frauen streben eine kaufmännische Ausbildung im Einzelhandel an. Die Folge: Diese Ausbildungsberufe sind völlig überlaufen, jeder Bewerber ist einer starken Konkurrenz ausgesetzt.

Jumina hilft bei der Berufswahlorientierung

Jugendliche in ihrer Berufswahlorientierung zu unterstützen ist das Ziel von „Jumina“. Finanziert von der Arbeitsagentur, dem Staatlichen Schulamt und der Stadt Offenbach findet Beratung in Schulklassen statt. Allein von Januar bis Juni 2010 wurden so mehr als 1000 Jugendliche erreicht. Seminare, Workshops und Betriebsbesuche werden außerhalb des regulären Unterrichts angeboten. Alle Haupt-, Real- und Gesamtschulen in Offenbach nehmen an Jumina teil.

Auch Elternarbeit ist wichtig. Ralph Kersten möchte sie gerne noch weiter ausbauen, denn 60 Prozent aller Berufswahlentscheidungen gehen auf elterlichen Einfluss zurück. Und daher sollten auch die Eltern wissen, welche Berufe es gibt. Das Regionale Übergangsmanagement arbeitet auch mit Migrantenorganisationen zusammen, um Eltern über das Duale Ausbildungssystem aufzuklären. In Deutschland hat es nach wie vor einen zentralen Stellenwert. In anderen Ländern ist es hingegen kaum verbreitet.

Produktionsschulen: Lernen und Arbeiten

An Jugendliche ohne Schulabschluss richtet sich das Angebot der Produktionsschulen, die es seit Mitte der 90er Jahre in Offenbach gibt. Sie ergänzen das Angebot an berufsvorbereitenden Maßnahmen. Sie verbinden praktische Arbeit mit Lernen und ermöglichen den Jugendlichen, den Hauptschulabschluss nachzuholen. 100 Plätze stehen insgesamt zur Verfügung. Sehr erfolgreich ist beispielsweise die Produktionsschule „Dienstleistung, Gastronomie, Catering, Hauswirtschaft“. Sie betreibt die Kantine und die Cafeteria im Haus der Bildung und Beratung, Berliner Straße 77. „Der betriebliche Ernst ist wichtig“, sagt Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration. „Die Jugendlichen lernen, sie sind wertschöpfend tätig oder sie erbringen eine reale Dienstleistung.“

Der Besuch einer Produktionsschule dauert im Regelfall ein Jahr. Danach findet im Schnitt die Hälfte der Teilnehmer eine Arbeitsstelle oder einen Ausbildungsplatz. Die Produktionsschulen arbeiten eng mit den Beruflichen Schulen zusammen. Finanziert werden sie vom Land Hessen, Der MainArbeit, der Stadt Offenbach und aus dem Europäischen Sozialfonds.

Den eigenen Lebensunterhalt sichern

Einzelfallberatung leistet die Kompetenzagentur: Seit September 2009 gab es rund 250 Beratungen zur beruflichen Orientierung mit Jugendlichen, davon wurden 170 intensiver betreut. Zielgruppe sind Jugendliche im Hartz-IV-Bezug. Die Einzelbetreuung zielt darauf ab, dass die Jugendlichen die Armutssituation überwinden. 2.195 junge Menschen unter 25 Jahren beziehen als erwerbsfähige Hilfebedürftige Hartz-IV-Leistungen. Darunter sind 351 Jugendliche arbeitslos, die übrigen sind erwerbstätig, in Ausbildung oder in einer Fördermaßnahme.

Die MainArbeit hält für junge Menschen im Schnitt 1000 Förderplätze bereit. Es gebe 450 überbetriebliche Ausbildungsplätze und eine Reihe von Ein-Euro-Jobs mit intensiver pädagogischer Betreuung und Qualifizierung, so Schulze-Böing, Geschäftsführer der MainArbeit. Unter der Regie der MainArbeit unterstützen Jugendcoaches junge Menschen in ausbildungsbegleitenden Hilfen, damit die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen werden kann.

Appell auch an die Ausbilder

Die Offenbacher Fachleute sehen auch bei den Ausbildungsbetrieben Aufklärungsbedarf. Oft würden zu hohe Erwartungen gestellt. Bürgermeisterin Simon appelliert an die Arbeitgeber und Ausbilder: Sie sollten mehr Verständnis aufbringen, dass Jugendliche mitunter ihren persönlichen Reifeprozess noch nicht abgeschlossen hätten. Gleichzeitig wendet sie sich an Schülerinnen und Schüler: Eine Berufsperspektive zu entwickeln sei zwar nicht einfach. Die Unentschlossenheit bezüglich der eigenen Zukunftspläne dauere aber oft zu lange.
Und Ralph Kersten ergänzt: Viele Schulabgänger strebten zunächst eine Fortsetzung der Schulkarriere an, um einen höherwertigen Abschluss zu erreichen. Nicht immer sei dies aber die beste Lösung. Oft sei der Einstieg in eine Ausbildung die bessere Wahl – vorausgesetzt, der Ausbildungsberuf passt zu den persönlichen Neigungen und Fähigkeiten. Beratung lohnt also.