Sprungmarken
Suche
Suche

23. Juni 2010: Die Stadt Offenbach hat gemeinsam mit 14 freien Trägern ein Netzwerk Elternschule gegründet. Ein entsprechender Vertrag wurde im Rathaus von Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Birgit Simon und Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß mit unterzeichnet. Das Netzwerk zielt darauf ab, Angebote zur Stärkung von Erziehungskompetenzen zu bündeln. Gemeinsam will man Jahr für Jahr Angebotslücken feststellen und schließen. Auf die Frage, warum eine Elternschule wichtig sei, sagt Simon: „Weil nicht alle warten können, bis die Super-Nanny kommt.“

Das Netzwerk Elternschule ist aus dem Runden Tisch für Kinderschutz hervorgegangen, den es seit 2008 in Offenbach gibt. Hinter dem Begriff Elternschule verbirgt sich ein umfangreiches Fortbildungsangebot, das Eltern dabei unterstützt, ihren Erziehungsauftrag bestmöglich wahrzunehmen. „Denn Eltern zu sein, kann man nicht lernen, bevor man Eltern ist“, weiß Birgit Simon, selbst dreifache Mutter. Aus ihrer Sicht sollte Elternschule zur Normalität werden. Schließlich müsse man für jede Tätigkeit die notwendigen Kompetenzen erst erlernen. Mit der Kompetenz wachse die Sicherheit. Überforderungen träten seltener auf. Das sei zum Wohl der Kinder.

Aus Sicht von Stadtrat Paul-Gerhard Weiß sind Angebote wichtig, die Eltern in die Lage versetzen, die Bildungslaufbahn ihrer Kinder aktiv zu begleiten und zu fördern. Denn diese Unterstützung sei entscheidend für den Bildungserfolg und damit für die Zukunftschancen der Kinder. Teil des Netzwerks sind daher auch die Volkshochschule sowie das Projekt Lernen vor Ort, das ebenfalls darauf abzielt, weite Teile der Bevölkerung Offenbachs für einen Prozess des lebenslangen Lernens zu gewinnen. Im Haus für Bildung, Berliner Straße 77, soll es ab Ende Oktober ein Bildungsbüro geben, das als zentrale Anlaufstelle in allen Bildungsfragen fungiert. Dort werden sich Eltern künftig auch über das Gesamtprogramm des Netzwerks Elternschule informieren können, so die Leiterin der Vhs, Dr. Gabriele Botte. In Kooperation von Vhs, Jugendamt und Eigenbetrieb Kindertagesstätten (EKO) wird es dafür eine halbe Stelle geben.

Zur Angebotspalette gehören offene Elterntreffs, Seminare und Beratungsangebote für Eltern. Bei der evangelischen Familienbildungsstätte weiß man, dass das Aufsuchen solcher Angebote oft ein wichtiger Schritt ist. Denn viele Familien lebten isoliert, hätten wenig Kontakte und keine Familie vor Ort. Da sei es sehr hilfreich festzustellen, dass die eigenen Erziehungsprobleme nicht eine Art Krankheit seien, sondern dass viele Eltern die gleichen Nöte hätten. Bei Pro Familia hat man sehr gute Erfahrungen mit den Kursen „Babys verstehen“ in türkischer Sprache gesammelt. Und beim Internationalen Bund sind Elternangebote aus dem Jugendtreff in Bieber-Waldhof hervorgegangen. Gezielte Ansprache sei wichtig. So habe sich zunächst ein Frauenfrühstück entwickelt. Inzwischen gebe es verschiedene Freizeitangebote für Mütter. Teilweise nähmen 30 Frauen daran teil.

Niedrigschwellig sollen die Angebote sein. Bürgermeisterin Simon möchte aber auch auf jene Eltern zugehen, die die Angebote bisher nicht von sich aus nutzen. Schon auf der Entbindungsstation könne man Eltern ansprechen. Auch in den Kitas gebe es vielfältige Möglichkeiten, Kontakt zu Eltern herzustellen.

Eine besondere Zielgruppe sind die Väter, die sich meist nicht gleichwertig an der Erziehung beteiligen. Eine weitere Zielgruppe: Menschen mit Migrationshintergrund. Dass es dabei nicht alleine um die Sprache geht, stellt Mehmet Harmanci vom Freundschaftsverein Türkei in Offenbach und Umgebung klar. Es gehe auch um die Überwindung kultureller Unterschiede. Er stelle oft fest, dass Migranten ein anderes Selbstverständnis hätten. Viele verstünden nicht, wie groß ihre eigene Verantwortung sei. Sie seien der Ansicht, dass Bildung allein Aufgabe der Schule ist. Auch werde vielfach an traditionellen Rollenbildern festgehalten. Und mitunter werde diese Haltung in durchaus perfektem Deutsch vertreten.
Das Netzwerk Elternschule ermöglicht nicht allein, Eltern einen vollständigen Überblick über alle Angebote in Offenbach zu geben. Die freien Träger kennen sich nun auch gegenseitig besser. So können die Angebote besser aufeinander abgestimmt werden. Statt zu konkurrieren, kann man sich künftig leichter ergänzen.

Unter der Regie des Jugendamtes gibt es eine Steuerungsgruppe, die Jahr für Jahr bilanzieren soll, welcher Träger an welchem Standort in der Stadt welche Zielgruppen erreicht hat. Bilanziert wird, ob das Angebot die Nachfrage deckt und ob es Angebotslücken zu schließen gilt.

„Natürlich werden Kinder immer irgendwie groß“, sagt Bürgermeisterin Simon. Sie möchte aber den Erziehungserfolg nicht dem Zufall überlassen. Und sie möchte Eltern auch nicht bevormunden. Vielmehr sollen Eltern dazu befähigt werden, ihre Kinder mit Spaß und Freude beim Erwachsenwerden zu unterstützen.