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15. Dezember 2011: In wenigen Wochen soll das Offenbacher Klinikum an seinem wirtschaftlichen Tiefpunkt angekommen sein. Bei einem Minus von 46,2 Millionen Euro. So horrend wie in diesem Jahr war das Defizit noch nie. Doch von da an soll es aufwärts gehen. Interimsgeschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz hat ein Zehn-Punkte-Programm für die Sanierung vorgelegt. Dessen konsequente Befolgung soll das Klinikum im operativen Geschäft innerhalb von vier Jahren aus den roten Zahlen führen. Das Jahr 2015 will man mit einem operativen Plus von 1,7 Millionen Euro abschließen. Das Konzept sei realistisch, betont Mecke-Bilz. „Wir gehen davon aus, dass wir unser Ziel wirklich erreichen können.“

Seit August führt die Vertreterin des Berliner Kliniknetzwerks Vivantes die Geschäfte des Offenbacher Klinikums. Und man nimmt ihr ohne weiteres ab, dass sie dort seither wirklich jeden Stein umgedreht hat. Sie kennt die großen und auch die vielen kleinen Faktoren, die dafür sorgen, dass im Offenbacher Klinikum die Schere zwischen Kosten und Erlösen dramatisch auseinandergeht.

Kosten senken, Leistung steigern, lautet deshalb das Motto. Und eine entscheidende Rolle spielt dabei der OP-Bereich. Er ist der teuerste Bereich der Klinik. Ihn optimal zu organisieren und auszulasten, ist mit den Worten des Ärztlichen Direktors, Professor Norbert Rilinger, ein „1A-Thema mit drei Sternchen“. Die Geschäftsführerin nennt ihn „kriegsentscheidend“. Ein neues OP-Management ist ausgeschrieben und soll auf der Ebene der Klinikleitung angesiedelt werden. Geplant ist eine Umverteilung der Kapazitäten zu Gunsten der leistungsstärksten Fachbereiche.

Schon in diesem Jahr konnten durch gezielte Maßnahmen die Erlöse um 1,7 Millionen Euro gesteigert werden. Im kommenden Jahr ist eine Leistungssteigerung um 4 Prozent vorgesehen, in den Folgejahren um je 2,5 Prozent. Gelingen soll dies vor allem durch vermehrte Kooperationen mit anderen Kliniken und durch intensiven Kontakt mit den niedergelassenen Ärzten in der Region. Sie sollen mehr Patienten ins Offenbacher Klinikum einweisen und dort zum Teil auch persönlich betreuen, zum Beispiel bei orthopädischen Eingriffen.

Von dem geplanten Stellenabbau im Umfang von rund 300 Vollkräften wurden in diesem Jahr bereits 91 realisiert. Dies verbessert das Ergebnis um rund 700.000 Euro. Betriebsbedingte Kündigungen soll es weiterhin nicht geben. Stattdessen wurden im Pflegedienst etliche Zeitverträge nicht verlängert. Vor allem im Pflegehilfsdienst wurden so 35 Stellen eingespart. „Die Pflege hat ihre Hausaufgaben gemacht“, betont Franziska Mecke-Bilz. Im Verhältnis von Kosten und Leistung sei dieser Bereich jetzt optimal aufgestellt. Auch bei der Tochtergesellschaft, die nicht-medizinische Leistungen für das Klinikum erbringt, wurden mittels Prämien 15 Stellen von Reinigungskräften reduziert. Im kommenden Jahr sollen 20 von ursprünglich 330 Arztstellen gestrichen werden. Personalabbau werde es dort geben müssen, wo es nicht gelinge, die Fallzahlen zu steigern, stellt Mecke-Bilz klar.

Dass das Jahresergebnis 2011 trotz Stellenabbau und Erlössteigerung um 4,2 Millionen Euro schlechter ausfällt als noch im Sommer angenommen, liegt unter anderem an Zinssteigerungen und an höheren Kosten für Energie und medizinischen Sachbedarf. Zudem kostet auch die Sanierung Geld: Drei Millionen Euro wurden für Abfindungen zurückgestellt.

Entschlossen tritt die Geschäftsführerin für eine Reduzierung der Sachkosten ein. Wo möglich sollen Verträge mit Lieferanten neu ausgehandelt und günstigere Konditionen erzielt werden. Denn am Patienten soll ausdrücklich nicht gespart werden. Der soll weiterhin das Material in der erforderlichen Menge und Qualität erhalten.

In der Belegschaft findet das Sanierungskonzept laut Klinikleitung große Zustimmung. Auch Oberbürgermeister Horst Schneider und Klinik-Dezernent Michael Beseler bestätigen die konstruktive Stimmung in der Mitarbeiter-Konferenz.

Einen neuen Sanierungstarifvertrag schließt Mecke-Bilz nicht grundsätzlich aus. Gehaltsverzicht sei jedoch aktuell nicht geplant und auch nicht Teil des Sanierungskonzepts. Allerdings wurden mit den Chefärzten verbindliche Zielvereinbarungen getroffen – einschließlich finanzieller Konsequenzen bei ausbleibendem Erfolg.

Während das Minus im operativen Geschäft in diesem Jahr noch 27 Millionen Euro beträgt, soll es im kommenden Jahr auf 16,4 Millionen Euro sinken. Hinzu kommt aber die jährliche Belastung durch Zinsen und Abschreibungen für den Neubau. 2011 schlägt dies mit rund 19 Millionen Euro zu Buche. Nun kommt es auf den Regierungspräsidenten als kommunale Finanzaufsicht an. Er muss der Stadt als Trägerin des Klinikums die Zeit für den Sanierungsprozess verschaffen. Ein Gesprächstermin steht bereits fest. Finanzielle Unterstützung erhofft sich die Stadt vom Land Hessen. Auch mit Sozialminister Stefan Grüttner wird Klinik-Dezernent Michael Beseler noch vor Weihnachten zusammentreffen.

Dann wird es auch um die Finanzierung der Altschulden gehen. Beseler schließt die von Grüttner geforderte Trennung von einer Betreibergesellschaft für das operative Geschäft und einer Besitzgesellschaft als Träger der Altschulden nicht aus, gibt jedoch zu bedenken, dass diese Trennung einen sechsstelligen Betrag kosten würde. Hilfreich könne eine solche Konstruktion aber im Hinblick auf Kooperationen oder gar Fusionen mit anderen Kliniken sein, denn ein wettbewerbsfähiges Offenbacher Klinikum sei ohne Schulden ein sehr viel attraktiverer Partner.

Möglich ist, dass Franziska Mecke-Bilz den von ihr konzipierten Sanierungsprozess auch weiterhin aktiv vorantreiben wird – als dauerhafte Geschäftsführerin ab 1. Februar 2012. Die Vertragsverhandlungen laufen.