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02. Februar 2011: „Die Öffentlichkeit hegt großes Misstrauen.“ Mit diesen Worten eröffnete Offenbachs Flughafendezernent Paul-Gerhard Weiß die Informationsveranstaltung zum aktuellen Maßnahmenpaket Aktiver Schallschutz am Frankfurter Flughafen, das aus dem Regionalen Dialogforum heraus entstanden ist. Und mit seiner Einschätzung sollte Weiß Recht behalten. Jenen Referenten, die für den Dialog mit dem Flughafenbetreiber Fraport und der Luftverkehrswirtschaft stehen, schlug an diesem Abend im Offenbacher Stadtverordnetensitzungssaal der geballte Frust der lärmgeplagten Offenbacher entgegen.

Flughafendezernent Weiß warb auf dem Podium für Verständnis für den Unmut der Bürgerinnen und Bürger: „Sie sind hier in der Stadt zu Gast, die in Kürze die ganze Wucht der Belastung abkriegt.“ Gemeint ist der geplante Bau der Nordwestbahn, deren Anflugroute weitere Teile Offenbachs mit Fluglärm zu belasten droht. Das Ergebnis wären ein fast flächendeckender Lärmteppich über dem Stadtgebiet und gravierende Siedlungsbeschränkungen. Das Maßnahmenpaket zum Aktiven Schallschutz vermag dies nur sehr geringfügig zu lindern, wie Weiß betonte. „Für uns sind das nur Spurenelemente.“

Entlastung "en miniature"

Und dennoch: Offenbach profitiert von einigen der sieben Einzelmaßnahmen – wenn auch nur „en miniature“, wie der Flughafendezernent es nannte.

In dem Paket geht es um folgendes:

1) Das Abflugverfahren soll optimiert werden. Flugzeuge sollen schneller an Höhe gewinnen. „Steileres Ansteigen bei gleicher Schubkraft“, so Günter Lanz. Er ist Geschäftsführer des Umwelt- und Nachbarschaftshauses, getragen von der Gemeinnützigen Umwelthaus GmbH, die das Land Hessen im Juli 2009 gegründet hat.

2) Die B 737-Flotte der Lufthansa soll bis Oktober 2011 umgerüstet werden. Die Triebwerke erhalten eine schallabsorbierende Auskleidung. Zwar betrifft dies zunächst nur Flugzeuge der Lufthansa und auch nur Flugzeuge des einen Typs. Diesen Flugzeugtyp setzt die Lufthansa allerdings bei 20 Prozent aller Flüge ein.

3) Um vor allem die unmittelbaren Anrainer-Kommunen im Westen des Flughafens zu schonen, sollen weitere Landeanflüge von Osten her, also über Offenbach, erfolgen. Um die Quote aus östlicher Richtung zu erhöhen, müssten Landeanflüge auch bei stärkerem Rückenwind erlaubt werden. Dagegen wehren sich viele Piloten.

Anflug gesplittet

4) Seit 18. Januar erprobt Lufthansa Cargo in der Nacht ein sogenanntes „segmentiertes Anflugverfahren“. Sowohl Maschinen aus Norden als auch nach Süden schwenken erst westlich des Offenbacher Stadtgebiets, etwa bei Gravenbruch, auf die klassische Anfluglinie ein. Das dicht besiedelte Offenbacher Stadtgebiet wird dadurch entlastet. Andere Kommunen, zum Beispiel Heusenstamm im Süden Offenbachs, bekommen dadurch mehr Fluglärm ab. Erprobt wird das Verfahren bis Ende des Jahres während der verkehrsarmen Nachtstunden. Ein Testbetrieb am Tage wäre laut Experten aus Sicherheitsgründen nicht durchsetzbar gewesen. Ziel ist allerdings, die geänderten Anflugrouten perspektivisch tagsüber zu praktizieren. Denn für die Nachtstunden – mindestens zwischen 23 Uhr und 5 Uhr - soll ja ein Flugverbot gelten, für das unter anderem die Stadt Offenbach im Revisionsverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eintritt.

5) Im Zuge von DROps (Dedicated Runways Operations) werden seit 13. Januar 2011 Starts beziehungsweise Abflüge auf bestimmte Startbahnen oder Abflugrouten gebündelt. Die Maßnahme lässt sich nur in verkehrsarmen Zeiten nachts nutzen, soll aber auf so viele stattfindende Abflüge wie möglich angewendet werden (mindestens alle Abflüge von 23 bis 5 Uhr). Dabei sollen an Tagen ungeraden Datums DROps und an Tagen geraden Datums das konventionelle Betriebskonzept genutzt werden, so dass zeitweise für die jeweils Betroffenen Lärmpausen entstehen. Im Zuge von DROps werden zusätzliche Abflüge über Offenbacher Stadtgebiet gelenkt, es entsteht also eine zusätzliche Belastung.

6) Der bereits seit längerem während der Nachtstunden praktizierte kontinuierliche Sinkflug soll weiter intensiviert werden. Dabei wird der Triebwerksschub im Landeanflug reduziert, so dass das Flugzeug quasi zu Boden segelt. Das spart Treibstoff und verringert den Lärm.

Effekt umstritten

7) Ein steilerer Anflugwinkel soll für einen größeren Abstand zur Wohnbebauung sorgen. Diese Maßnahme soll erst angewendet werden, wenn die neue Nordwestbahn in Betrieb ist. Geplant ist zunächst ein testbetrieb, der mit Messungen einhergehen soll. Es ist nämlich möglich, dass im Umfeld des Flughafens mehr Lärm entsteht, wenn Landeklappen später gesetzt und Fahrwerke erst später ausgefahren werden.

Das Maßnahmenpaket Aktiver Schallschutz wurde von einem 17-köpfigen Expertengremium entwickelt, dem Vertreter der Landesregierung, der Flugsicherung, der Fraport, der Lufthansa und auch der Kommunen angehören. Das Expertengremium ist Teil des Forums Flughafen und Region, ebenso wie das Umwelt- und Nachbarschaftshaus.

"Zartes Pflänzchen"

Dem Expertengremium Aktiver Schallschutz gehört auch Thomas Jühe an. Er ist Bürgermeister von Raunheim und Vorsitzender der Fluglärmkommission. Auch vor ihm machte der Unmut der Offenbacher nicht halt. Doch Jühe erklärte: „Sie sollen wissen, dass die im Maßnahmenpaket enthaltenen Vorschläge vor allem von den Kommunen kommen.“ Jahrelang ringe man nun schon um aktiven Schallschutz, also um Lärmminderung, die direkt beim Verursacher ansetzt. „Sie sollten das Potenzial sehen, das in dem Paket steckt“, so Jühe. Er sprach von einem „zarten Pflänzchen“, das man nicht leichtfertig in die Tonne treten solle.

Doch in Offenbach findet die Politik der kleinen Schritte derzeit kaum Anhänger. Gerade jene, die seit Jahren massiv unter Fluglärm leiden und in Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau kämpfen, wollen sich nicht mit der Nordwestbahn abfinden. Für sie ist jegliche Zusatzbelastung inakzeptabel – erst Recht unter dem Titel „Aktiver Schallschutz“. Die Stadtverordnete Gertrud Marx, selbst Bewohnerin des stark belasteten Stadtteils Tempelsee, brachte es auf den Punkt: „Wir haben lange geglaubt, wir könnten die Nordwestbahn verhindern. Ein zartes Pflänzchen ist den Anwesenden zu wenig.“

An einem Strang ziehen

Doch Jühe warb für ein gemeinsames Vorgehen und wandte sich entschieden „gegen Egoismus in der Region“. Für alle müsse etwas herauskommen. Mehr „Belastungsgerechtigkeit in der Region“ ist seit Jahren auch eine der zentralen Positionen der Stadt Offenbach.

Für Jühe ist klar: „Wir müssen politischen Druck aufbauen.“ Nicht einmal das Maßnahmenpaket ist aus seiner Sicht ein Selbstläufer. Auf den Gesetzgeber will Raunheims Bürgermeister nicht vertrauen: „Mir ist keine Gesetzesentscheidung bekannt, die für eine nennenswerte Reduzierung des Tagfluglärms gesorgt hätte.“ Und auch auf dem Klageweg ließen sich nicht alle Probleme lösen.

Mehr Infos zum Maßnahmenpaket Aktiver Schallschutz