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20. September 2011: „Das Offenbacher Klinikum ist überlebensfähig.“ Zu diesem Schluss kommt Franziska Mecke-Bilz. Als Vertreterin des Berliner Kliniknetzwerks Vivantes hat sie im Rahmen eines Geschäftsbesorgungsvertrags im August für sechs Monate die Interimsführung übernommen und nun ihre erste Einschätzung formuliert. „Ich sehe große Chancen trotz der desolaten Finanzsituation.“ Das Offenbacher Klinikum biete hervorragende medizinische Versorgung in einem beeindruckenden Spektrum. Gleichzeitig bestehe aber auch großer Veränderungsdruck. „Das Klinikum ist in Gefahr, wenn weiter gewirtschaftet wird wie bisher.“

Leistung steigern, Qualität sichern, Synergien verbessern, Personal reduzieren. Diese vier Faktoren stehen wohl im Mittelpunkt des Sanierungskonzepts, das Franziska Mecke-Bilz dem Offenbacher Magistrat am 10. Oktober vorstellen will. Mit dem Klinikneubau und seiner hochmodernen Ausstattung verfüge man in Offenbach über hervorragende Voraussetzungen für einen erfolgreichen Betrieb. Gleichzeitig sei die historische Chance vertan worden, mit dem Umzug auch die Strukturen und Prozesse tiefgreifend zu verändern und Personal einzusparen. Mit 2700 Mitarbeitern auf 1920 Vollzeitstellen beschäftige das Klinikum heute 50 Personen mehr als vor dem Umzug. Neue Einrichtungen seien geschaffen worden, zum Beispiel das Diagnosezentrum. Dies habe aber nicht dazu geführt, dass an anderer Stelle diagnostische Kapazitäten eingespart worden seien.

Gemessen an der Leistung verfüge das Offenbacher Klinikum in allen Bereichen über zu viel Personal, so Mecke-Bilz. Sie plädiert aber nicht allein für Personalabbau, sondern will auch die Leistung steigern. Wenn das gelingt, könnten mehr Stellen erhalten bleiben. In den vergangenen Wochen sei es bereits gelungen die Auslastung der insgesamt 825 Betten von 82 Prozent – dies ist der durchschnittliche Wert der vergangenen zwölf Monate – auf 90 Prozent zu steigern. Während vor einigen Wochen noch 120 bis 140 Betten leer standen, sind es momentan nur noch 25.

Mehr Leistungen, das bedeutet mehr Patienten und mehr Erlöse. Auch das Abrechnungsverfahren soll beschleunigt werden. Mecke-Bilz will verstärkt auch mit kleineren Kliniken in der Region in Kontakt treten, um das medizinische Angebot in Offenbach noch bekannter zu machen. „Vielleicht“, so vermutet sie, „ist das große Spektrum an medizinischen Leistungen, das hier geboten wird, noch gar nicht überall in vollem Umfang bekannt.“

Die Interimschefin ist in intensivem Kontakt mit dem ärztlichen Leiter und den Chefärzten. Es gebe Stationen mit nur 60-prozentiger Auslastung. Gleichzeitig klagten Chefärzte darüber, dass sie ihre Patienten auf Wartelisten setzen müssten, weil ihnen nicht genug OP-Kapazitäten zur Verfügung stünden. Franziska Mecke-Bilz ist dabei, sich ein genaues Bild zu machen: „Es gibt Abteilungen, die sind zu groß angelegt. Und es gibt solche, da ist kein Arzt zu viel.“

Insgesamt verfüge das Klinikum über ausreichend Pflegepersonal. Und doch gebe es Engpässe, beispielsweise in der Intensivmedizin. In jüngster Zeit seien dem Klinikum Einnahmen verloren gegangen, weil mangels Personal ein Teil der 80 Intensivbetten nicht belegt werden konnte. Mit Zustimmung des Betriebsrats sei es inzwischen gelungen, 140 zusätzliche Dienste mit vorhandenem Personal abzudecken, indem man den Mitarbeitern der Intensivstation attraktive Konditionen für Sonderschichten geboten habe. Auch habe man zusätzliche Stellen für Intensivpflege ausgeschrieben. Dieser Bereich erfordert speziell ausgebildete Fachkräfte, an denen es bundesweit mangelt. Als speziellen Anreiz bietet das Offenbacher Klinikum an, die Umzugskosten zu übernehmen. Wie viel Personal in der Intensivpflege tatsächlich fehlt, ist unklar. Denn momentan lässt sich noch nicht sagen, ob die vorhandene Bettenkapazität in vollem Umfang gebraucht wird.

Generell gilt ein Einstellungs- und Investitionsstopp. Ausnahmen bedürfen der Zustimmung der Geschäftsführung. Das gilt für die Neueinstellung von Ärzten ebenso wie für die Anschaffung neuer Bürostühle. „Wir müssen überall hinschauen“, sagt Mecke-Bilz. Die Pläne für den Bau des Logistikzentrums in Bieber-Waldhof hat sie gestoppt. Die Logistik-Einrichtungen bleiben einstweilen im Altbau untergebracht. Dessen Abriss würde acht Millionen Euro kosten und steht für die kommenden zwölf Monate nicht an.

Ohne Personalabbau werde die Sanierung des Offenbacher Klinikums auch bei optimaler Leistungssteigerung nicht gelingen. Franziska Mecke-Bilz und Klinik-Dezernent Michael Beseler sind sich aber darin einig, dass der Stellenabbau sozialverträglich geschehen soll. Der Betriebsrat habe seine Bereitschaft zur Mitwirkung bei den anstehenden Veränderungen signalisiert, sofern es einen Gesamtplan gebe, der transparent und nachvollziehbar sei.

Franziska Mecke-Bilz bringt ihre Erfahrungen mit dem Sanierungsprozess der kommunalen Berliner Kliniken mit. Seit 2003 wurde innerhalb des Vivantes-Konzerns die Zahl der Mitarbeiter von 17.000 auf 13.000 gesenkt. Gleichzeitig wurde die Zahl der stationären Patienten pro Jahr von 180.000 auf 210.000 gesteigert. Und die Zufriedenheit der Patienten sei gestiegen, wie eine Umfrage belege. „Rationalisierung bedeutet nicht Rationierung“, stellt Mecke-Bilz klar. Sie setzt auf optimale Kommunikation und verbindliche Arbeitsabläufe. Aktuell wird sie unterstützt vom Vivantes Medizin- und Finanzcontrolling. Auch Fachleute für Budgetverhandlungen mit Krankenkassen sowie aus den Bereichen Informationstechnologie und Zentralsterilisation seien schon vor Ort gewesen.

„Das Ziel ist Kostendeckung im operativen Geschäft“, so Beseler. Länger als zwei Jahre werde es dauern, bis sich das Offenbacher Klinikum den schwarzen Zahlen nähert, schätzt Mecke-Bilz. Sie ist aber zuversichtlich, dass man Jahr für Jahr sehen werde: Es geht bergauf.