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Ergänzende Informationen für alle Kolleginnen und Kollegen, die am Pressetermin am 11. Juli nicht anwesend sein konnten.

„Wer niemals Deutsch gelernt hat, kann sich keine Vorstellung davon machen, wie verzwickt diese Sprache ist“, hat der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain einmal gesagt. 30 Offenbacher Drittklässler aus 18 Nationen nehmen die Herausforderung an: Beim DeutschSommer 2012 erleben sie drei Wochen lang „Ferien, die schlau machen“ in der Jugendherberge Büdingen und verbessern dabei spielerisch ihre Sprachkenntnisse.

Ist „zickig“ ein Verb oder ein Adjektiv? Schreibt man „Sommer“ groß oder klein? In Kleingruppen widmen sich die Kinder diesen und ähnlichen Fragen. „Verben sind das, was man tut“, sagt Greg stolz. Und Hauptwörter, da sind sich die Grundschüler einig, beginnen immer mit Großbuchstaben. Aber heißt es jetzt „der“ oder „die“ Kamera?

Es ist Halbzeit beim Offenbacher DeutschSommer 2012, der vom 2. bis 20 Juli in der Jugendherberge Büdingen stattfindet. Die Kinder haben hier schon viel gelernt, Sätze wie „Ich gehe Kino“ kommen nur noch den wenigsten über die Lippen. „Wir üben vor allem Präpositionen und Artikel, Satzbau und Wortschatz“, erklärt die Projektkoordinatorin Waltraud Klopf. Frontalunterricht gibt es nicht, Schüler und Pädagogen sitzen an einem Tisch oder verschieben Wörterkärtchen auf dem Boden. Andere bilden einen Kreis und reden darüber, wer was gerne liest – und tatsächlich weiß jedes Kind eine Antwort, etwa „Harry Potter“, „Pippi Langstrumpf“ oder „Detektiv Conan“.

„Manche leihen sich hier bei uns zum ersten Mal Bücher aus“, berichtet der Sozialpädagoge Santo Pedilarco. Der Bücherbus der Stadtbibliothek stattete den Kindern in Büdingen einen Besuch ab, um den Zugang zum Lesen zu erleichtern, und abends gibt es für alle eine Vorlese-Märchenstunde. Das Schreiben wiederum wird jeden Nachmittag geübt: Die Schüler verfassen Briefe, berichten ihrem Tagebuch über das Erlebte und entwerfen eine eigene Zeitung. Auf ein Plakat schreiben sie Sätze, die sie von ihren Eltern nicht hören wollen, etwa: „Bring den Müll raus“, „nerv nicht“ oder „räum dein Zimmer auf“.

Das Projekt stärkt die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit
Neben dem Lernen kommt die Freizeit nicht zu kurz: „Schließlich sind Sommerferien“, sagt Waltraud Klopf. Die Kinder gehen ins Schwimmbad und spielen Fußball, sie laufen barfuß durchs Gras und besuchen den Wildpark. „Am tollsten war das Lagerfeuer mit Nachtwanderung“, schwärmt Joanna. Eine Gruppe der Großstadtkinder staunte nicht schlecht, als sie im Wald, der die Jugendherberge umgibt, einen Rehschädel fand. „Solche ungewohnten Situationen und die neuen Kontakte stärken die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein sowie in der gesamten Persönlichkeitsentwicklung“, sagt Projektkoordinatorin Klopf.

Das gilt auch für den Theaterunterricht, ein fester Bestandteil des Deutschsommers. In dem Stück, das auf dem Buch „Gespensterjäger auf eisiger Spur“ von Cornelia Funke basiert, erhält jedes Kind eine Rolle und einen Text zum Üben. Am Freitag, 20. Juli, steigt dann in Büdingen das große Theaterfest. Stolz und selbstbewusst seien die Kinder auf der Bühne, hat Waltraud Klopf in den vergangenen Jahren festgestellt – „und manche Eltern haben Tränen in den Augen, weil sich ihre Kinder so positiv verändert haben.“

120 junge Offenbacherinnen und Offenbacher haben seit der Premiere 2010 von dem Deutschsommer profitiert und ihre Leistungen signifikant verbessert. Doch die Fortführung des Projekts ist ungewiss: Dass dieses Jahr nur 30 statt bisher 45 Kinder teilnehmen, liegt daran, dass das hessische Kulturministerium lediglich 5.000 statt bisher 30.000 Euro für die Sprachförderung zur Verfügung stellt. Und auch der zweite Haupt-Geldgeber, die Dr. Marschner Stiftung (ebenfalls 30.000 €), hat ihre Förderung zunächst auf drei Jahre beschränkt.


Ziel: Türen zu weiterführenden Schulen öffnen
Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß, der selbst in Büdingen zu Besuch war, möchte nun mit beiden Sponsoren das Gespräch suchen: „Wir als Stadt können das Projekt alleine nicht stemmen, aber unser Ziel ist es, das Sprachniveau an unseren Grundschulen weiter zu verbessern, und das gelingt mit dem Deutschsommer sehr gut.“ Er werde bei Kultusministerin Nicola Beer darum werben, dass die „besonderen Herausforderungen“ in Offenbach berücksichtigt werden und der Sozialstrukturindex künftig bei Förderungen eine Rolle spiele, anstatt nach dem Gießkannenprinzip zu verfahren.

Dass der DeutschSommer nachhaltig wirkt, belegen Erhebungen der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, die das Projekt entwickelt hat. 2012 ist die Sprachförderung vor dem wegweisenden vierten Schuljahr noch intensiver geworden, da sowohl die Offenbacher Kinder als auch ihre Betreuer – drei Sozialpädagogen, zwei Deutsch-Lehrkräfte und zwei Theaterpädagogen – die gesamten drei Wochen in der Büdinger Jugendherberge verbringen. „Gegen das anfängliche Heimweh haben wir ein paar Tricks parat, das war kein großes Thema“, berichtet Waltraud Klopf.

Die jungen Teilnehmer wissen genau, was sie vom Deutschsommer erwarten: „Dass ich gute Noten schreibe und richtig lesen kann“, meint Emily. Auch andere wünschen sich bessere Zensuren – und tatsächlich profitierten die Leistungen in allen Fächern von den Deutschkenntnissen, betont die Projektkoordinatorin: „Etwa, weil sie in Mathe jetzt erst die Textaufgaben wirklich verstehen.“ So könne der DeutschSommer an sich intelligente Kinder, die bisher an Sprachhürden scheiterten, vor der Sonderschule bewahren und Türen zu den weiterführenden Schulen öffnen. Und falls es beim einen oder anderen Detail noch hapert, tröstet ein Spruch des Kabarettisten Dieter Hildebrandt: „Wir Deutschen haben die Welt beherrscht, fremde Völker, die Nordsee und die Natur - den Konjunktiv nie.“


Um die Familien der teilnehmenden Kinder über das Projekt zu informieren, lädt Bildungsdezernent Weiß am Freitag, 13. Juli, ab 16.45 Uhr in den Hof des Büsing-Palais in Offenbach ein. Hier haben Eltern die Möglichkeit, mit den Pädagogen über die Lernentwicklung ihrer Kinder zu sprechen – ein Angebot, das in den Vorjahren intensiv genutzt wurde und zum guten Ruf des Deutschsommers in Offenbach beitrug.