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Eine klare Sache: „Das Verb ist Chef im Satz“. Und damit sie es nicht vergessen, haben die Kinder des DeutschSommers es in großen Lettern auf eine Pappe geschrieben. Insgesamt 31 Drittklässler aus Offenbacher Grundschulen machen derzeit „Ferien, die schlau machen“ im Landschulheim auf der Wegscheide in Bad Orb. Drei Wochen lang übt ein Team aus Theaterpädagogen und Fachkräften für Deutsch als Fremdsprache (DaZ) den richtigen Umgang mit Verben, Substantiven und Präpositionen mit den Neun- bis Zehnjährigen.

„Ich höre“. „Nein, Du hörst“: Der Würfel ist auf das Verb „hören“ gefallen. Mit Fingerzeig wählen die im Kreis Stehenden das nächste Kind aus, das das Verb weiterdekliniert. DaZ-Fachkraft Sandy Schulz hilft, wenn die Reihenfolge durcheinander gerät. Ein paar Meter weiter übt Deutschlehrerin Admira Sobo mit einer kleinen Gruppe eine Szene für die geplante Theateraufführung am Ende des Deutschsommers. Dann präsentieren die Kinder ihre szenische Umsetzung von Cornelia Funkes Buch „Gespensterjägern auf der Spur“. Die Kinder haben ein UEG, ein unheimlich ekliges Gespenst, entdeckt. „Es ist so schwabbelig und wabbelig. Ich habe Angst“ steht auf einer der Regieanweisungen, die ihnen Sobo auf kleine Karten geschrieben hat und vorsichtig umkreisen die Kinder das vor ihnen liegende imaginäre Gespenst.
Die Offenbacher Grundschüler haben im Peter-Schlotter-Haus des Landschulheims Quartier bezogen, von dort trägt der Wind die Filmmusik „Spiel mir das Lied vom Tod“ herüber: Theaterpädagoge Sascha Mähnel studiert mit einer Gruppe eine weitere Szene des Buches ein: im Gemeinschaftsraum treiben MUG, also mittelmäßig unheimliche Gespenster, ihr Unwesen und werden schließlich von Gespensterjägerin Hedwig Kümmelsaft in Schach gehalten.
Nicht trockener Unterricht, sondern viele spielerische Aktivitäten rund um Sprache stehen für die Grundschüler beim Deutschsommer im Vordergrund. In kleinen Gruppen mit bis zu 15 Gruppen stehen täglich zwei Stunden Deutschunterricht und zwei Stunden sprachintensives Theaterspiel auf dem Stundenplan, darüber hinaus gibt es viel Programm mit permanentem Sprachtraining. So gab es bisher bereits eine Schatzsuche auf dem weitläufigen Gelände, einen Waldspaziergang und einen Besuch im Bücherbus der Stadtbücherei, der die Kinder zum Entdecken einlud. „Morgen wollen wir draußen schlafen und am Freitag gehen wir ins Klingspor-Museum“, freut sich die zehnjährige Anastaja. Sie kam mit ihrer Familie vor etwas mehr als einem Jahr aus Polen nach Offenbach und genießt ebenso wie die neunjährige Ksenja aus Lettland die Zeit auf der Wegscheide. Keine Geschwister, statt dessen viel Programm. Aber auch kein Fernsehen und kein Computer. Doch auch wenn beide Mädchen gut Deutsch sprechen, so hadern sie doch mit der Grammatik. Die 11 Mädchen und 20 Jungen stammen aus insgesamt 18 Nationen, 21 von ihnen wurden in Offenbach geboren. „Besonders Kinder mit Migrationshintergrund tun sich mit der deutschen Grammatik schwer“, weiß Bildungsdezernent Dr. Felix Schenke, „hier setzt der DeutschSommer an und bietet Drittklässlern mit gezieltem Förderbedarf im Deutschen eine intensive und ganzheitliche Förderung vor dem Übergang in die vierte Klasse.“

Bereits zum vierten Mal konnten Lehrer der Offenbacher Grundschulen auf Grundlage der Testergebnisse des „Kleinen Sprachausflugs“ Schüler für die 31 Plätze vorschlagen „2009 und 2010 hat das Land Hessen das Projekt noch mit jeweils 20.000 EURO unterstützt und wir konnten 45 Kinder mitnehmen. Auch diese Zahl entspricht dem tatsächlichen Bedarf in keinster Weise“, erklärt Schwenke. Ohnehin sei die Realisierung des diesjährigen DeutschSommers durch den verspäteten Haushaltsbeschuss unter dem Schutzschirm mit einer langen Wackelpartie verbunden gewesen, mit 30.000 EURO finanziert die Stadt Offenbach als Träger die Bildungsferien. Weitere 30.745 EURO kommen von der Dr. Marschner-Stiftung, die Städtische Sparkasse Offenbach und die Ippen-Stiftung tragen jeweils 10.000 EURO bei. Er wisse nicht, wie man Geld besser anlegen könne, als in die Bildung von Kindern, so Schwenke weiter und hofft, den DeutschSommer auch in den kommenden Jahren sichern zu können. Rund 2.300 EURO kostet der DeutschSommer pro Kind, 50 EURO beträgt der Eigenanteil der Eltern an der dreiwöchigen Bildungsfreizeit.

Kontinuität und Planungssicherheit wünscht sich auch Santo Pedilarco. Der Theaterpädagoge ist im dritten Jahr dabei und hat den DeutschSommer 2013 als Projektkoordinator organisiert. „Das Team besitzt inzwischen mehr Erfahrung und wir haben das Konzept weiterentwickelt.“ So seien die Fachkräfte anfangs nur vormittags dabei gewesen, jetzt bleibe das siebenköpfige Team den ganzen Tag zusammen. „Damit verschwimmt die fachliche Trennung und die Kinder haben mehrere feste Ansprechpartner.“ Davon profitieren dann auch die 18 DeutschSommer-Kinder, die während der Weihnachtsferien den fünftägigen „Endspurt“ absolvieren und sich dann in der entscheidenden Phase zum Ende des ersten Halbjahres der vierten Klasse nochmals beweisen können, wenn es um die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen geht.
Noch bis zum 26.Juli sind die Offenbacher Grundschüler auf in Bad Orb, die Wochenenden verbringen sie allerdings zuhause. Heimweh war bisher bei keinem der Kinder ein Problem. Und für den Fall der Fälle habe Theaterpädagoge Sascha Mähnel „Heimwehmedizin“ dabei, die wirke mindestens zwei Wochen, erklärt Pedilarco mit einem Augenzwinkern. Aber für Heimweh ist bei den aufregenden Tagen des DeutschSommers genaugenommen auch überhaupt kein Platz.

Bild 1: v.l.n.r.: Baris (10), Anastazja (9), Khadija (9) und Ksenja (9) sind beim DeutschSommer zu Gespensterjäger, UEG (unheimlich ekliges Gespenst), USG (unheimlich süßes Gespenst) und RCG (Russisches cooles Gespenst) geworden.

Bild 2: Stadtrat und Bildungsdezernent Dr. Felix Schwenke bei den Aufwärmübungen der Theatergruppe.