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Den alten Offenbachern muss man Weitsicht und Optimismus bescheinigen. Als sie am 2. Oktober 1904 ihren neuen Schlachthof eröffneten, war der für 100.000 Einwohner konzipiert, mit bebauungsfähigen Reserven für den Bedarf von 200.000. Dabei hatte die Stadt gerade mal eben 60.000 Bewohner. Sie hatten für die Zukunft gebaut. So modern, wie die neuste Technik es erlaubte. Zwei Millionen Goldmark war ihnen das wert.

Der neue Schlachthof ersetzte eine seit 1832 im ehemaligen Marstall des Isenburger Schlosses betriebene Anlage. Sie stand dort, wo man heute die Hochschule für Gestaltung antrifft. Bei der Planung des Neubaus „auf der grünen Wiese“ vor der Stadt wurde nicht nur das Wissen einer jungen Ingenieurgeneration genutzt. Auch die Fachleute aus der Praxis, die späteren Nutzer der Anlage, konnten mit entscheiden. Dem Planungsausschuss der Stadtverordneten waren drei von der Innung benannte Offenbacher Metzgermeister beigeordnet.

Was sie entwickelt hatten, erregte Aufsehen. Das sei Europas modernster Schlachthof, staunte die Fachwelt. Aus vielen Städten, auch aus dem Ausland, reisten Kommissionen zur Besichtigung nach Offenbach. Eine kam sogar aus dem fernen Russland. Und noch mehr Städte forderten die Denkschrift mit den technischen Details an. Den wohl weitesten Weg hatte dabei eine Anforderung aus dem südamerikanischen Chile.

Aber auch die Offenbacher Bürger durften den neuen Schlachthof jederzeit besichtigen. Für ein Eintrittsgeld von 20 Pfennig hatten sie Zutritt, und das nicht nur in den Wochen nach der Eröffnung. Die Neugierigen kamen in Massen. Sie sahen Einrichtungen der Fleischverarbeitung, die in Hygiene und Effizienz neue Maßstäbe setzten. Dazu gehörten mietbare Kühlzellen, eine Eisfabrikation für Eigen- und Fremdbedarf und der Absatz eines Fernheizungssystems. Das Heizwerk des Schlachthofs versorgte auch das nahegelegene städtischen Altenheim. Jahre später konnte es erweitert werden auf die Buchhügel-Quartiere mit der Theodor-Heuss-Schule.

Bei den großzügigen Stallungen mit Gleisanschluss fehlten nicht die Zwinger für die Zughunde der Metzger. Noch war es üblich, dass Metzger ihre Lasten mit von Hunden gezogenen Karren beförderten. „Ein Denkmal des leistungsfähigen, fortschreitenden Gemeinwesens“, schwärmte die Presse. Im Schlachthof erschien Offenbach so großstädtisch wie sonst nirgendwo in der Stadt.

Ein bemerkenswerter Abschnitt in der Geschichte des Schlachthofs begann 1947, als die Marburger Behringwerke in Offenbach eine „Vakzine-Station“ einrichteten. Dort wurde die Rohlymphe gewonnen, aus der dann in Marburg die Vakzine entstand, der aus abgeschwächten Erregern hergestellte Impfstoff gegen die Maul- und Klauenseuche.

Das Rohprodukt war bis Kriegsende von einer Anstalt geliefert worden, die nun in der sowjetischen Besatzungszone lag. Im Westen musste ein Ersatz aus dem Nichts aufgebaut werden. In den Offenbacher Schlachthof lenkte das erhebliche Investitionsmittel von Land und Bund, zumal ihm nun auch die Funktion eines „Grenz-Schlachthofs“ zufiel. Aus dem Ausland importiertes Lebendvieh, das für Hessen bestimmt war, kam erst einmal nach Offenbach. Ob die Tiere das dankbar als Auszeichnung empfanden, wurde nicht bekannt.

Das alles ist Vergangenheit. In den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts wurde der Abstieg immer deutlicher. Zwar ist die erwartete Einwohnerzahl 100.000 erreicht und übertroffen worden. Die Zahl der handwerklichen Metzgereien indes schrumpfte beträchtlich. Vielfach erlagen sie dem Wettbewerb der Supermärkte. Und unter den verbleibenden hielten nur noch wenige an einer eigenen Schlachtung fest. Dem Offenbacher Schlachthof zerschmolz die Rendite. 1990 wurde er geschlossen.

Seitdem ist daraus ein Kongress- und Kulturzentrum mit Hotel geworden, das von attraktiven Wohnanlagen umgeben ist. Erhalten blieben die denkmalgeschützten Architekturelemente, dieses Ensemble aus Wasserturm, Maschinenhaus, Kühlhallen und Verwaltungsbauten. Noch immer wird das Erscheinungsbild beherrscht von der überwölbten Ladestraße, die einmal Zentrum eines Schlachthofs war.

Von L.R. Braun