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Dr. Karl Ferdinand Becker wurde am 14. April 1775 in Lyser an der Mosel geboren. In Offenbach am Main wirkte er als Sprachforscher und Leiter einer 1823 eröffneten Privatschule für Jungen. Im 19. Jahrhundert zählten seine sprachkundlichen Werke zum Standard der deutschen Sprachforschung: Das Grammatikalische hat nach ihm zufolge eine Struktur, mit der nicht nur Sachverhalte mitgeteilt, sondern auch seelisches Bewusstsein sprachlich tradiert werden kann. Mit Jakob Grimm und Wilhelm von Humboldt führte er Korrespondenzen. Er starb am 4. September 1849 in Offenbach am Main. Im Jahr 1968 übernahm die Stadt Offenbach am Main seinen wissenschaftlichen Nachlass, der ins Stadtarchiv (heute Haus der Stadtgeschichte) überführt wurde. Dafür verpflichtete sich die Stadt zur Pflege und Erhaltung seines Grabes auf dem Alten Friedhof. Die städtische Bauaufsicht und das Haus der Stadtgeschichte haben nun eine Sanierung des Grabsteins durchführen lassen.

Dr. Karl Ferdinand Becker wurde auf dem Alten Friedhof an prominenter Stelle bestattet: unmittelbar an der nördlichen Umfassungsmauer, das Grab nach Süden, zu einem Hauptweg ausgerichtet. Der Grabstein besteht aus mehreren Teilen aus rotem behauenem Sandstein. Sein Aufbau folgt dem klassischen Kanon mit abgeböschtem Sockel, darüber eine Art Predella. Auf ihr sitzt die eigentliche Grabplatte aus schwarzem Marmor, mit den Lebensdaten des Verstorbenen und seiner Angehörigen, in einem ebenfalls rundbogigen Sandsteinrahmen, der mit einer Ädikula abschließt. Deren First ist von einem lateinischen Kreuz bekrönt.

Das Grabmal war im Lauf der Zeit durch Umwelteinflüsse stark beschädigt worden. Am Ende waren die verbliebenen Sandsteinteile einfach gegen die Mauer gelehnt. Weiterer Verfall drohte. Da der Sandstein beschädigt war und auch Teile fehlten, entschloss man sich, nur die erhaltenen Teile in der ursprünglichen Form wieder aufzurichten und dauerhaft zu sichern. Eine vollständige Wiederherstellung, die die Zeitspuren, den Verfall, ausgelöscht hätte, kam nicht in Betracht. Diese Vorgehensweise nennt man Anastylose. Mit der griechischen Bezeichnung ist die partielle Wiederaufrichtung eines verfallenen historischen Bauwerks unter Verwendung seiner originalen, erhaltenen Bauteile gemeint. Neue, ergänzende Teile oder Materialien sollen dabei nur sehr sparsam und als solche erkennbar eingesetzt werden.

In der Friedhofsmauer wurde ein Haltegerüst aus Edelstahl verankert, an das die erhaltenen Sandsteinteile angedübelt wurden. Außerdem wurde der Sandstein gefestigt. Der Gesamteindruck nach der Fertigstellung vermittelt ein klares Bild von dem ursprünglichen Aussehen des Grabmals, ohne es vollständig zu komplettieren. Regelmäßige Pflege vorausgesetzt (vor allem Entfernen von Bewuchs), ist das Ehrengrab für die nächsten Jahrzehnte gerettet.