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„Der Deutschunterricht ist besser“, findet der zehnjährige Emir, „die erklären hier gut“. Vor allem aber das Theaterspielen bereitet dem Zehnjährigen viel Spaß und mit sichtbarer Begeisterung wirft er sich auf den Boden und spielt ein totes Gespenst. Auch die anderen Kinder der Gruppe um Theaterpädagogin Janina Blohm-Sievers sind konzentriert bei der Sache. Die Kinder üben Erschrecken und Gruseln, so wie die Gespenster in dem Buch von Cornelia Funke „Gespensterjäger auf eisiger Spur“. Seit ihrer Ankunft Ende Juli im Peter-Schlotter-Haus des Landschulheims Wegscheide bearbeiten sie das Buch gemeinsam mit einem pädagogischen Tridem mit einer Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache (DAZ), einem Sozialpädagogen und eben einer Theaterpädagogin.

Insgesamt sieben Fachkräfte und 31 Drittklässler aus 14 Offenbacher Grundschulen machen für drei Wochen gemeinsam „Ferien, die schlau machen“ beim Sprachförderprogramm DeutschSommer. Dabei erhalten Drittklässler mit gezieltem Förderbedarf im Deutschen eine intensive Förderung vor dem Übergang in die für die weitere Schullaufbahn wegweisende vierte Klasse. Neben täglich zwei Stunden Deutschunterricht und zwei Stunden intensives Theaterspiel, Lesen, Schreiben, Wortschatz und Grammatik gibt es ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm mit viel Raum für Sport, Spiel und Naturerkundungen. „Wir haben schon eine Nachtwanderung gemacht“, berichtet Idris, „und sind viel draußen“. Bei so vielen Möglichkeiten fehlen Fernsehen und Handy kein bisschen, ganz im Gegenteil: „Es ist toll, selber kreativ werden zu können“. Und dabei nebenbei auch die eigene Sprachkompetenz zu verbessern. Bei ihm hapere es an der Rechtschreibung, berichtet der Zehnjährige und zieht Bleistift und Block aus der Tasche. Schließlich ist er heute als Reporter für die eigene Ferienzeitung unterwegs, seine „Kollegin“ Jessika holt einen Fotoapparat und der Rollentausch ist perfekt.

Emir holt währenddessen das Buch, das er sich am Dienstag im Bücherbus ausgesucht und in zwei Tagen fertig gelesen hat: Superman, immerhin knapp 60 Seiten. Jetzt freut er sich bereits auf den Besuch in der Kinderbücherei am Freitag, die das Projekt mit einer Bücherkiste und dem Bücherbus unterstützt. Ebenso wie das Klingspor-Museum, das die Kinder anschließend zu einer Exkursion in die Welt der Schriftkunst geladen hat.
Der zehnjährige Oskar ist für einen Tag Sanitäter und kümmert sich um kleine und große Wehwehchen, die Schramme von Lukas hat er fachmännisch mit einer Mullbinde und Klebeband versorgt. Oskar kam vor drei Jahren mit seinen Eltern aus Polen nach Offenbach, er ist gut angekommen und auch die Schule findet er gut. Aber Rechnen mag er lieber, beim Schreiben mache er immer viele Fehler, berichtet der Junge. Dass er beim Deutschsommer dabei sein kann, empfindet er als Chance und „jetzt wo das Heimweh weg ist, macht es auch Spaß“.

„Für manche Kinder sind die drei Wochen in mehrerlei Hinsicht eine Herausforderung“, weiß Projektleiter Jörg Muthorst, „viele sind erstmals von zu Hause weg. Deshalb verbringen die Kinder die Wochenenden bei ihren Eltern“. Ein Bus holt die Kinder freitags ab und bringt sie am Montag wieder zurück zum Landschulheim.
Außerdem habe sich die bunt zusammengewürfelte Truppe erst finden müssen. Immerhin kommen die Kinder aus unterschiedlichen Schulen und aus 20 verschiedenen Nationen. Inzwischen jedoch sind Freundschaften entstanden: Vanessa und Jessika besuchen beide die Anne-Frank-Schule und sind jetzt unzertrennlich. Am vorletzten Abend des Projektes ist ein Fest mit den Eltern und Geschwistern der Deutschsommer-Kinder geplant, dann werden die Ergebnisse der Projektwochen und das Theaterstück präsentiert. „Meine Eltern werden Augen machen“, ist sich Vanessa sicher.

Bereits zum fünften Mal konnten Lehrer der Offenbacher Grundschulen auf Grundlage der Testergebnisse des „Kleinen Sprachausflugs“ Schüler vorschlagen. „Anfangs hat das Land Hessen das Projekt noch finanziell unterstützt und nachdem die Software AG Stiftung bereits signalisiert hat, dass sie im kommenden Jahr nicht als Sponsor aktiv wird, ist die Durchführung im kommenden Jahr noch nicht gesichert“, berichtet Bildungsdezernent Dr. Felix Schwenke. Dadurch fehlen rund 30.000 EURO von rund 80.000 EURO, die der DeutschSommer insgesamt kostet. Die Stadt Offenbach ist Träger und finanziert diesen mit 30.000 EURO, jeweils 10.000 EURO kommen von der Städtischen Sparkasse und der Ippen-Stiftung, auch die Bürgerstiftung und die Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) unterstützen das Projekt. Schwenke hofft daher das Projekt langfristig mit Partnern verstetigen zu können: „Der DeutschSommer bietet Drittklässlern mit gezieltem Förderbedarf im Deutschen eine intensive und ganzheitliche Förderung vor dem Übergang in die vierte Klasse.“ Darüber hinaus zeigen die Erfahrungen, dass die Kinder in der Regel mit besseren Deutschkenntnissen, größerer Motivation und einem gestärkten Selbstbewusstsein in die Schule zurückkehren.

Fotos: Stadt Offenbach