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Die Stadt Offenbach sieht sich in ihren Befürchtungen bestätigt, dass sich der Fluglärm über der Stadt und der Rhein-Main-Region negativ insbesondere auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Entsprechende Ergebnisse des sogenannten Kindermoduls der noch laufenden Studie waren vor wenigen Tagen in Frankfurt vorgestellt worden. Bürgermeister Peter Schneider fordert, wirtschaftliche Interessen der Gesundheit der Bevölkerung unterzuordnen.

Kinder, die rund um den Frankfurter Flughafen wohnen, lernen langsamer lesen und benötigen häufiger ärztlich verordnete Medikamente. Das sind die zentralen Ergebnisse der umfangreichen Lärmwirkungsstudie NORAH (Noise-Related Annoyance, Cognition and Health), die in mehreren Teilstudien die Auswirkungen von Flug-, Schienen- und Straßenverkehr auf die Gesundheit und Lebensqualität in der Region untersucht.

Die Ergebnisse des Kindermoduls, die am 4. November 2014 veröffentlicht wurden, bestätigen nicht nur die Überzeugungen zahlreicher Lärmgegner, dass der Fluglärm negativen Einfluss auf die körperliche und physische Entwicklung von Kindern in Offenbach nimmt. Für Bürgermeister und Flughafendezernent Peter Schneider sind sie auch eine Ermutigung, im Kampf gegen den Lärm nicht klein beizugeben: „Wir haben von Anfang an deutlich gemacht, dass wir in Offenbach einer besonderen Belastung ausgesetzt sind und genau deshalb ist und war es richtig, sich zum Wohle unseres Nachwuchses so vehement gegen eine Zunahme des Fluglärms zur Wehr zu setzen.“
Das Kindermodul konzentrierte sich auf das Lesenlernen, das gesundheitliche und schulische Wohlbefinden der Kinder sowie die Lärmbelästigung beim Lernen zu Hause und in der Schule. Hierzu hatten die Wissenschaftler des NORAH-Teams Tests, Befragungen und Messungen an 29 Schulen, in 85 Schulklassen, bei 1.243 Kindern, 1.185 Eltern und 85 Lehrkräften vorgenommen.

Wie aus der Studie hervorgeht, verringern die Auswirkungen des Fluglärms die Leseleistungen von Kindern messbar: 10 Dezibel höhere Dauerschallpegel verzögern das Lesenlernen um einen Monat, 20 Dezibel höhere Dauerschallpegel führen zu zwei Monaten Leselernverzögerung, heißt es darin. Ebenfalls alarmierend findet Schneider, der als Dezernent auch zuständig ist für die Kitas und Schulen der Stadt, dass Kinder in stark fluglärmbelasteten Gebieten häufiger ärztlich verordnete Medikamente verschrieben bekommen. Darüber hinaus ist bei ihnen häufiger eine Sprech- oder Sprachstörung diagnostiziert worden. Insgesamt sei die Lebensqualität der Kinder durch Fluglärm „leicht beeinträchtigt“.

„Man darf die Studie sicher nicht überdramatisieren, jedoch müssen die Ergebnisse jetzt in die Diskussion über weitere Lärmminderungsmaßnahmen fließen“, fordert Schneider. Für Offenbach bedeute dies, dass nicht nur Maßnahmen zur Lärmobergrenze und der Anzahl der Flugbewegungen geprüft werden müssen, sondern insgesamt die Dauerbeschallung über Schul- und Kitastandorten sinken müsse. „Das muss künftig bei Anflugverfahren und Flugrouten berücksichtigt werden!“

Weitere und unter Umständen noch bedeutsamere Ergebnisse erwartet Schneider von den weiteren Teilen der NORAH-Studie – etwa zum Thema Schlaf oder Blutdruck –, die voraussichtlich im Oktober/November 2015 vorgestellt werden. „Schon jetzt wird aber deutlich, dass der Schutz vor Gesundheitsgefahren nicht weiter wirtschaftlichen Interessen des Flughafenbetriebs untergeordnet werden darf!“

Auftraggeber der angeblich umfangreichsten Studie dieser Art in Deutschland ist die Umwelt- und Nachbarschaftshaus GmbH, eine Tochtergesellschaft des Landes Hessen. Beteiligt sind insgesamt neun Universitäten und Institute, darunter die Uni Gießen. Die Durchführung der auf mehrere Jahre angelegten Studie kostet knapp zehn Millionen Euro. Weitere Informationen zu NORAH finden sich auf www.laermstudie.de .